Doku: "Darkness Forever" Wie Goth unsterblich wurde

Eine Doku von Simone Unger und Marcus Fitsch

Die Schwarze Szene ist in Wahrheit bunt. Der Gothic-Boom zu Beginn der 2000er-Jahre führte zur Öffnung für den Mainstream – und half der Szene so zur Verjüngung. Neue Spielarten von Goth entstanden: Cybergoths, Steampunks, Mittelalterfans, Vampire, Neoromantiker … Immer wieder stellt sich dabei die Frage: Ist Goth noch Subkultur oder schon Maskenball? Künstler wie Bruno Kramm (Das Ich) oder Bands wie Corvus Corax erzählen, wie sie den Wandel der Schwarzen Szene erlebt haben.

Will man die Geschichte der Verwandlung des Goth richtig beginnen, muss man weit zurück in die Vergangenheit reisen. Dorthin, wo Mythen und Legenden ihren Ursprung haben und starke Männer mit schweren Instrumenten von ihnen erzählten. In dieser Tradition steht zum Beispiel die Band Corvus Corax. Der Kolkrabe ist ihr Symbol und ihre Musik ist inspiriert vom Mittelalter.

Geschichte zum Anfassen und Abtanzen

Castus Rabensang von der Band Corvus Corax
Castus Rabensang von der Band Corvus Corax Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vor gut 30 Jahren entschließt sich eine Handvoll junger Männer, der Gegenwart musikalisch Paroli zu bieten. Als fahrendes Volk tingeln sie auf Festivals und Mittelaltermärkten durch halb Europa. Und weil sie immer ein bisschen wilder sind als ihre Kollegen, nennen sie sich selbstbewusst "die Könige der Spielleute".

Bandmitglied Norri sagt, sie wollten hauptsächlich, dass die Leute tanzten: "Es gab früher sehr viele Mittelalterbands. Die kamen mit Flötchen und waren sehr ruhig, wie man es aus alten Robin-Hood-Filmen kennt. Und dann kamen wir, Corvus Corax, und haben den Leuten gezeigt, dass im Mittelalter auch gefeiert wurde."

Mittelaltermärkte gewinnen an Beliebtheit

In den 90er-Jahren werden Mittelaltermärkte immer beliebter. Die schwarze Szene entdeckt zwischen Ritterturnier und Met-Becher ungeahnte Möglichkeiten für das Ausleben ihrer Düsternis. Und so stehen dann plötzlich auf einem Mittelalterfest in Bielefeld schwarze Gestalten im Publikum von Corvus Corax, wie sich Sänger Castus Rabensang erinnert: "Auf einmal waren vorne so schwarzgekleidete Leute und haben sich verbeugt, und Brandan und ich, wir wollten gleich hin und denen in die Fresse hauen, weil wir dachten, die verarschen uns."

Doch die Anhänger der Schwarzen Szene kamen als überzeugte Fans zu den Konzerten von Corvus Corax. Erst in einzelnen Gruppen und dann in so großen Mengen, dass die Trennlinie zwischen den einst unterschiedlichen Strömungen nicht mehr klar auszumachen war.

Gitarre meets Dudelsack

Nach und nach spielen immer mehr Mittelalterbands in der Gothic-Szene, zum Teil verbinden sie mittelalterliche Musik mit Gothic-Elementen. Was Mitte der 90er-Jahre musikalisch losgetreten wird, ist heute so erfolgreich wie nie. Es entstehen Rockbands, die in alten Zeiten wildern – moderne Minnesänger mit Pop-Appeal.

E-Gitarre meets Dudelsack, Rockstruktur mit Minnegesang: Die Bands verrühren historischen und zeitgenössischen Sound zu einem neuartigen Cocktail und verankern ihr Bild vom Mittelalter fest in der Popkultur. Und während die einen beginnen, die düstere Seite ihres Dudelsacks zu erforschen, laden andere ihre Schwermut mit Gitarrendonner auf. Heraus kommt eine der erfolgreichsten deutschen Bands aller Zeiten: Rammstein.

Goth-Claims als T-Shirt-Sprüche

HIM
Die finnische Band HIM Bildrechte: Universal Music

Schwermut gilt spätestens seit Rammstein als hip, und der Weltschmerz wird endgültig Mainstream, als Ville Valo mit seiner Band HIM die Charts erobert. Er sieht umwerfend aus und singt von Liebe, Tod und unerfüllter Sehnsucht. Der süßliche Gothic-Rock des Finnen bringt eine ganze Generation zum Schluchzen.

Für die Hardliner in der Schwarzen Szene dagegen ist solche Musik nichts anderes als Kommerz. Für die Goths der ersten Stunde, denen es nicht um Lifestyle, sondern ums Anecken und Abgrenzen ging, war diese Popularisierung natürlich ein Problem. Slogans wie "Join Me in Death" standen plötzlich auf T-Shirts und anderen Merchandising-Artikeln.

Der Ausverkauf der Ideale

Um die Jahrtausendwende steckt die schwarze Szene in einem ziemlichen Dilemma. Auf der einen Seite ist das Goth-Sein populärer als je zuvor, denn nie war es so cool, traurig zu sein. Auf der anderen Seite steht die Subkultur vor dem Ausverkauf ihrer Ideale. Sie verurteilt den Einzug in den Mainstream und kann doch nichts dagegen tun.

Aber gerade die neuen Impulse aus dem Mainstream sind es, die dem Goth eine Verjüngungskur verschreiben. Die jungen Wilden kommen in Scharen, und sie können aus dem Vollen schöpfen. Sie finden ein breites Angebot an Outfits, Lifestyle-Produkten und Musik.

Alles auf Anschlag – Hören mit Schmerzen

Erk Aicrag von Hocico live auf dem XV. Amphi-Festival 2019 im Tanzbrunnen - Köln.3
Erk Aicrag von Hocico Bildrechte: imago images / Future Image

Elektro-Bands, die ihre Wurzeln in der Schwarzen Szene haben, beginnen plötzlich, mit neuen Sounds zu experimentieren. Sie nennen diese neue Musik Future Pop und öffnen die Szene für den Techno. Bis tief in die 90er-Jahre hinein hatte sich die Szene immer als Gegenbewegung zum fröhlich hedonistischen Techno gesehen. Plötzlich schien sich dieses Feindbild aufzulösen.

Schier unüberwindbare Grenzen wurden weggefegt. Eine Band aus Mexiko gibt den Tanzwütigen neuen Stoff: Hocico – zu deutsch: "Schnauze!" Sie schlägt deutlich rauere Töne an. Ihre Inspiration finden die Musiker auf den riesigen Rave-Parties, die längst auch Mittelamerika erreicht haben.

Die Band kommt aus Mexiko City. Das spiegele sich auch in ihrer Musik wieder, sagt Sänger Erk Aicrag: "Wie wir dort aufgewachsen sind, dass wir manchmal einfach nur ums Überleben kämpfen mussten, all das hat unsere Musik so gemacht, wie sie ist. Nur wenn wir so laut schrien, wie wir konnten, schafften wir es, unser Leben im Gleichgewicht zu halten. Wir wollten lauter sein als die Realität und all die Energie unserer Stadt und unsere Erlebnisse in etwas Positives verwandeln."

Cybergoth – die Choreo zum Weltuntergang

Im neuen Jahrtausend etabliert sich auch die extreme elektronische Musik in der Schwarzen Szene. Die Bands dröhnen aus der ganzen Welt. Mitunter lassen sie dabei die Grenzen des guten Geschmacks hinter sich. Und das Publikum schmeißt sich ins passende Outfit für den Endzeit-Rave und erfindet dazu gleich noch einen eigenen Tanz: den Industrial-Dance.

Eine junge Cybergoth-Frau mit langen Haarteilen und Schweißerbrille auf dem Kopf
Cybergoth Ciwana Black Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Cybergoth nennt sich diese neue Tanz-Strömung. Sie ist das bisher schrillste, was die Schwarze Szene hervorgebracht hat. Cybergoths liefern die Choreographie zum Weltuntergang. Die Community im Netz ist groß: Unter dem Titel "UNITED WE DANCE Community Industrial Dance Video" veröffentlicht der Youtube-Kanal "Cyber Gothic" einen sehr populären Clip mit solch düsteren Performances. Für Cybergoths sieht die Zukunft dunkel aus, doch sind sie wenigstens gut ausgerüstet. Ciwana Black ist Teil der Bewegung: "Ein typisches Element von Cybergoth sind einmal die Schweißerbrillen, oft auch noch verwendet mit den Gasmasken, die Haarteile – und diese Puschels, die Fluffies" – eine Art Fell-Stulpen an den Beinen.

Doch auf weite Teile der Schwarzen Szene wirkt das mindestens befremdlich. Unverhohlen weggelächelt, suchen sich die Cybergoths ihre Plattform im Netz. Weltweit filmen sie sich bei ihrer schweißtreibenden Tanzarbeit. Und ernten noch mehr Spott und unendlich viele Memes und Adaptionen ihrer Videos.

Ein kostümierter Bruno Kramm mit orangefarbenen Clowns-Haaren auf einer Bühne.
Bruno Kramm (Das Ich) auf der Bühne Bildrechte: imago images / PicturePoint

Musiker und Produzent Bruno Kramm (Das Ich) ist seit mehr als 30 Jahren in der Gothic-Szene unterwegs und erinnert sich, dass er über die plötzliche Intoleranz überrascht war: "Ich kann mich noch an diverse Forenbeiträge erinnern, in der Zeit, wo wirklich diskriminierend über Leute mit diesen Outfits geschrieben wurde, und ich dachte: Ey Leute, warum seid ihr so intolerant? Diese Szene stand immer für Toleranz."

Trotz der Häme hat die Cybergoth-Bewegung ihren festen Platz in der Szene gefunden, auch wenn sie längst nicht mehr so viele Anhänger hat. "Ich denke, wenn man damals vielleicht anders mit diesem Jugendkult umgegangen wäre, hätte man eine noch viel umfassendere Erneuerung in der Gothic-Szene gehabt", schätzt Cybergoth Ciwana Black das Ganze ein.

Subkultur oder Maskenball?

Das neue Jahrtausend gibt der Schwarzen Szene viele Gesichter. Und doch wirft dieses bunte Nebeneinander auch die Frage auf: Ist Goth noch Subkultur oder schon Maskenball? Ein Genre, das in den letzten Jahren immer mehr Anhänger gefunden hat, ist der sogenannte Steampunk. Dessen Fans sind weniger überzeugte Rebellen als Eskapisten. Sie träumen sich in eine Welt, in der schwere Maschinen und mechanische Wunderwerke das Bild bestimmen. So, wie sich die Menschen im ausgehenden 19. Jahrhundert ihre Zukunft ausmalten.

Den Stoff für diese Fantasien liefern die futuristischen Abenteuerromane von H.G. Wells und Jules Verne. Steampunk-Künstler Alexander Schlesier sagt über diese ausgelebten Fantasien: "Es ist nicht so, dass ich bewusst in eine Rolle schlüpfe. Ich kann mir zwar verschiedene Dinge anziehen, auch tragen, aber ich transportiere mit allem, was ich anhabe, ein Stück von mir nach außen, weil ich ja meine Fantasie und meine Ideen in meine Objekte bringe und die ja letztlich wieder ein Stück meiner Fantasie wieder nach außen bringen."

Steampunk-Künstler Alexander Schlesier
Alexander Schlesier in seiner Werkstatt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schlesier stammt aus Plauen. Seine Werkstatt ist eine ganz eigene Traumfabrik. Hier entsteht aus alten Haushaltsgeräten, Schrott und Flohmarktschätzen eine neue Welt. Nichts wird verschwendet. Jede Arbeit ist ein Unikat, das eine Geschichte zu erzählen hat. Für seine Kunst ist Alexander Schlesier in der Szene berühmt. Für ihn ist das Schrauben und Montieren die Alternative zum schnöden Alltag.

Von Bochum bis Manchester, von Meißen bis Tokyo. Überall treffen sich die Steampunks auf eigenen Festivals. Doch gehören sie am Ende eben auch zur großen schwarzen Familie. Und das, obwohl sie mit den Gruftis herzlich wenig gemein zu haben scheinen.

Subkultur oder Maskenball? Oberfläche oder Tiefe? Mögen diese Grabenkämpfe für manch einen heute noch von Bedeutung sein – für die Lebendigkeit der Szene sind sie es nicht. Im Gegenteil. Es gab eine Zeit, da war die Schwermut ein treuer Begleiter. Der Blick nach innen war beseelt von Dunkelheit. Und der Goth trug die Farbe Schwarz. Manchmal ist es ein Glück, wenn sich die Zeiten ändern.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR KULTUR spezial – Darkness Forever | 31. Mai 2020 | 22:30 Uhr

Besucherin des Wave-Gotik-Treffens in Leipzig
Bildrechte: MDR JUMP/Jeannine Völkel

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