Neues Buch Italien – der fremdgewordene Sehnsuchtsort

"Italien. Porträt eines fremden Landes" lautet der Titel eines Buches und tatsächlich scheint uns dieses liebe Reiseziel schon seit vielen Jahren fremd geworden zu sein, beispielsweise durch fragwürdige Populisten. Dieses Buch könnte die Sicht auf das derzeit unter der Corona-Krise leidende Land jedoch ändern. Es bringt Italien – trotz momentaner Corona-Reisesperre – wenigstens lesend wieder nah. Autor Thomas Steinfeld öffnet die Augen für die ewige Schönheit Italiens, verschweigt aber auch nicht die Probleme.

Boote und Gondeln auf dem Canal Grande von Venedig.
Boote und Gondeln auf dem Canal Grande von Venedig. Bildrechte: Colourbox.de

Der Untertitel von Thomas Steinfelds Italien-Buch – "Porträt eines fremden Landes" – erscheint zunächst verwunderlich. Denn die Italiensehnsucht, vor allem der Deutschen, ist mindestens seit dem 18. Jahrhundert notorisch: Dichter, Denker und später auch Touristen zog es in den Süden, wo die Zitronen blühen, wo die Sonne heller leuchtet, an jeder Straßenecke eindrucksvolle Artefakte der Vergangenheit herumstehen so wie in anderen Ländern Verkehrsschilder. Vom Wein und der mediterranen Küche gar nicht zu reden.

Femen-Aktivistin demonstriert mit naktem Oberkörper während der Stimmabgabe von Silvio Berlusconi.
Italien – das ist sowohl der Populist Silvio Berlusconi wie auch der Protest gegen ihn Bildrechte: IMAGO

Allerdings fremdelt man seit geraumer Zeit mit Italien, mit dem dort noch einmal heftigere Blüten treibenden Populismus, der maroden Wirtschaft, dem nicht mehr übersehbaren Verfall traditioneller Strukturen. Neben antiken Denkmälern findet sich allerorten "lo smorzo" – Baumaterial, an den Straßenrändern liegengeblieben als Mahnmal des Unvollendeten, als "Zeichen zerbrechlicher Verhältnisse".

Corona-Krise verschärft Situation Italiens

Särge, die aus der Gegend von Bergamo eintreffen, werden von Arbeitern in Schutzanzügen aus einem Militärfahrzeug in ein Gebäude des Friedhofs von Cinisello Balsamo getragen.
Italien leidet momentan extrem unter den Folgen der Corona-Pandemie Bildrechte: dpa

Wie zerbrechlich die Verhältnisse wirklich sind, kann man auf erschreckende Weise in den letzten Wochen mitverfolgen: Wie kein anderes Land in Europa leidet Italien unter der Corona-Krise, das Gesundheitssystem kollabiert – plötzlich ist uns dieses Sehnsuchtsparadies noch auf ganz andere Weise abhanden gekommen, in weite Ferne gerückt.

Als Thomas Steinfelds Manuskript abgeschlossen war, wusste er noch nichts von der Katastrophe, an deren Beginn wir wohl gerade erst stehen. Obwohl er in Venedig, wo er lange lebte, natürlich immer auch diese leicht morbide Atmosphäre, wie sie Thomas Mann in seinem "Tod in Venedig" eingefangen hat, erspürt haben dürfte. Steinfeld jedenfalls stellt in seinem Buch die grundsätzliche Frage, ob unsere grenzenlose Liebe zu Italien nicht ebenso wie die Entfremdung auf Missverständnissen beruht?

Italien ist, so ein mittlerweile weitverbreiteter Eindruck, vielleicht immer schon ein anderes Land gewesen, als man jeweils glaubte.

Thomas Steinfeld

Faszination und Widersprüchlichkeit

Thomas Steinfeld, der zwischen 2013 und 2018 als Kulturkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung aus allen Regionen Italiens berichtet hat, nimmt uns mit auf eine ganz außergewöhnliche Reise durch dieses widersprüchliche und noch immer faszinierende Land: Außergewöhnlich sind dabei sein Blick, seine Wahrnehmungsfähigkeit und seine umfassende Bildung, die ihn an allen Ecken und Enden der Halbinsel auf Interessantes und Symptomatisches stoßen lassen.

Ponte Vecchio in Florenz, Italien
Ponte Vecchio in Florenz, Italien Bildrechte: IMAGO

Er legt es bei dieser Grand Tour nicht auf Vollständigkeit an. Aber durch die hellsichtige Verknüpfung seiner Beobachtungen mit historischen, literarischen, politischen Hintergründen bekommt man ein genaueres Bild von Kultur und Geschichte, Gegenwart und Vergangenheit Italiens als man es durch alle Reiseführer zusammen erhalten würde.

Thomas Steinfeld, Buchmesse 2010
Thomas Steinfeld Bildrechte: dpa

Ich wollte die Dinge, die ich sah, die Städte und Landschaften, aber auch die Menschen und manchmal auch die Ereignisse, selbst sprechen lassen.

Thomas Steinfeld

Dazu trägt freilich bei, dass Steinfeld ein feuilletonistisch geschulter, kulturhistorisch bewanderter und mit allen möglichen theoretischen Wassern gewaschener Stilist und Chronist ist. So führt er uns vom Norden in den Süden bis nach Sizilien und zurück, reflektiert die Trennung von den historischen Stadtzentren und hässlicher Peripherie, die längst in das Gewebe der Gesellschaft eingegangen sei. Er erkundet die Piazzi, die er als "Sphären des Übergangs" liest, auf denen eine "endlose Probe für ein Theaterstück" stattfinde.

Blick auf Neapel
Die faszinierende Lebendigkeit Neapels ist berühmt – und ist durch Corona zum Erliegen gekommen Bildrechte: Colourbox.de

Steinfeld klärt uns auf über die Eigenheiten verschiedener Regionen; Begegnungen und abgelegene Orte gewähren ihm immer wieder Einsicht in die Geschichte des Landes. Es sind gerade die Seitenwege, die reizvolle Erkenntnisse ermöglichen. An der berühmtesten Straße des alten Roms aber kommt auch Steinfeld nicht vorbei:

An der Via Appia setzt sich hingegen, vermutlich zum Entsetzen der meisten Archäologen, Kuratoren und Denkmalschützer, etwas Älteres fort: der kontinuierliche Umbau des Antiken zu gegenwärtigen und möglicherweise sehr profanen Zwecken.

Thomas Steinfeld

Die Anmut des Verfalls

Am Ende dieser Rundreise ist uns dieses fremd gewordene Land wieder ganz nah. Der uns unangenehme Konservatismus, der Klientelismus, zuweilen sogar der grassierende Rassismus in Italien bergen nämlich auch noch etwas anderes: etwas Widerständiges, eine Art "Melancholie im Angesicht einer Geschichte, die nie wirklich voranzuschreiten scheint". Dem rasenden Stillstand werden in Italien die Schönheit, die Langsamkeit, die Langeweile entgegengesetzt, ja, die Anmut des Verfalls, weil das Vergangene sich darin aufgehoben fühlen kann und zugleich ganz gegenwärtig wird. Thomas Steinfeld öffnet uns mit seinem Buch die Augen für diese Schönheit.

Buchcover: Thomas Steinfeld,Italien, Porträt eines fremden Landes
Bildrechte: Rowohlt Berlin

Das Buch Thomas Steinfeld: "Italien. Porträt eines fremden Landes"
448 Seiten, 25 Euro
ISBN: 978-3-7371-0058-8
Rowohlt Berlin

Über Thomas Steinfeld

Thomas Steinfeld, Jahrgang 1954, ist Germanist und Musikwissenschaftler und hat ein reiches intellektuelles Leben vorzuweisen: Er hat über Hegels Ästhetik promoviert, in Schweden als Deutschlehrer gearbeitet, in Kanada an verschiedenen Universitäten deutsche Sprache und Literatur gelehrt, er war Verlagslektor und schließlich Literaturredakteur – zunächst bei der FAZ, dann bei der Süddeutschen Zeitung. Nebenbei lehrt er als Titularprofessor für Kulturwissenschaften an der Universität Luzern. Etliche Bücher finden sich in seinem Lebenslauf: unter anderem eine Kulturgeschichte über Weimar, ein Werk über populäre Musik, eines über die deutsche Sprache. Steinfeld übersetzte Selma Lagerlöfs "Nils Holgerssons wunderbare Reise" neu. Und er schrieb unter Pseudonym einen Krimi, der für Furore sorgte, weil die Kritik darin eine Abrechnung mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zu entdecken glaubte.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. April 2020 | 07:40 Uhr

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