Neue immersive Schau im Kunstkraftwerk Van Gogh XXL in Leipzig – Kunsterlebnis, Event oder Kitsch?

Immersion scheint seit einigen Jahren ein Zauberwort in der bildenden Kunst zu sein: Digital animiert, als multimediales Gesamtkunstwerk verpackt, touren Ausstellungen oft über den ganzen Globus und offerieren gar mindestens opulente Einblicke in die großen Bild-Werke der Menschheitsgeschichte. Meist bekommt man gar eine akustische als auch eine olfaktorische Dimension dazu geliefert, da scheint das Bild im Museum nicht mehr mithalten zu können!? Jetzt lädt das Leipziger Kunstkraftwerk zu solch einer immersiven "Van Gogh experience".

"Van Gogh experience" im Kunstkraftwerk Leipzig
"Van Gogh experience" im Kunstkraftwerk Leipzig Bildrechte: Kunstkraftwerk Leipzig / Luca Migliore (KKW)/ Bridgeman Images

Die van Goghschen Sonnen scheinen ohne Ende, mehrfach kaleidoskopisch gespiegelt. Van Goghs Sonnenblumen tun es den Sonnen gleich, wohlgemerkt zur Musik der "Moldau". Die berühmten Iris-Blüten des holländischen Malers, aus verschiedenen Gemälden entnommen, wachsen kreisförmig an den Wänden und tauchen schließlich die gesamte Maschinenhalle des Leipziger Kunstkraftwerkes in eine blaue Farbsinfonie à la van Gogh.

"Van Gogh experience" im Kunstkraftwerk Leipzig
Blick in den Maschinenraum der immersiven Kunst Bildrechte: Kunstkraftwerk Leipzig / Luca Migliore (KKW)/ Bridgeman Images

Viele Besucher sitzen während der 35 Minuten dauernden Performance und lassen sich überwältigen von der digital animierten Macht der teils stark vergrößerten van Goghschen Pinselstriche und Punkte. Mittendrin sind sie im Rausch der Bilder, die auf- und abgeschwenkt werden, hin- und her. Es wird gezoomt und geblendet, was das Zeug hergibt. Zudem wirkt die hinzu inszenierte Musik, in Mehrkanal-Surround, die sich in ihrer Mischung aus Janis Joplin, Puccini oder eben der "Moldau" wie ein Estradenprogramm abendländischer Kultur ausnimmt. Eine triefende Opulenz tut sich auf, damit die Besucher nicht nur dabei sondern "mittendrin" sind, um ganz aufzugehen in der Kunstform der Immersion, seit geraumer Zeit eine Art Zauberwort in der bildenden Kunst.

Das Leipziger Kunstkraftwerk setzt schon länger darauf; die van Goghsche Bilderflut ist die 3. große Immersion, im Haus laufen zudem parallel kürzere, zu Bach und Hundertwasser.

"Andere Zugänge zur Kunst erproben"

Markus Löffler, Inhaber des Kunstkraftwerkes, erklärt dazu: "Hier wollen wir andere Zugänge erproben und deswegen passt es uns auch, die emotionale Komponente herauszuarbeiten und damit auch einen einfacheren Bezug zur Kunst- und Kulturbetrachtung herzustellen. Das ist eine Art von bürgerlichem Engagement, das wir hier machen, das auf alle Altersgruppen und Bildungsschichten zielt, und wir wissen aus unseren Untersuchungen: Ein Viertel aller Besucher hat einen einfachen Schulabschluss, und denen macht es auch Spaß – und ich finde, das ist was Verbindendes."

"Van Gogh experience" im Kunstkraftwerk Leipzig
"Es wird gezoomt und geblendet." Bildrechte: Kunstkraftwerk Leipzig / Luca Migliore (KKW)/ Bridgeman Images

Sich vor Bildern einer Ausstellung die Beine in den Bauch zu stehen, ist nicht jedermanns Sache, andere wiederum haben bei Musentempeln Schwellenangst. Da kann doch die Immersion ganz Anderes leisten! Der Begriff wurde schon von ernstzunehmenden Künstlern vor Jahrzehnten geprägt, hatte seine Hochzeit während der schon wieder abklingenden 3-D-Mode und steht für den digital erweiterten Raum: Der Besucher wird Teil des Kunstwerkes.

Dass sich unter dem Wort Immersion jedoch Unternehmungen tummeln, die den Begriff für sich beanspruchen, sich die multimedialen Überwältigungs-Mechanismen aneignen aber keine Kunst abliefern sondern eher Jahrmarkts-Kitschgeschichten, zeigt der Blick auf die "van Gogh experience" im Kunstkraftwerk.

Internationale Jahrmarkts-Kitschgeschichten

"Van Gogh experience" im Kunstkraftwerk Leipzig
35 Minuten dauert der Reigen der Bilder. Bildrechte: Kunstkraftwerk Leipzig / Luca Migliore (KKW)/ Bridgeman Images

Die Wanderschau wird von dem Unternehmen "Grande Exhibitions" konzipiert, das sich auf die kommerzielle Produktion von sogenannten Immersionen spezialisiert hat, in Form von Wanderausstellungen, deren Bildkompositionen digital unendlich reproduzier-, kombinier -und wandelbar sind, die zeitgleich kostengünstig in vielen Ländern aufgeführt werden können. Inzwischen sind es über 40, besagt die PR, so derzeit auch in Südfrankreich und Mexiko-Stadt. Dort kann man gar in und auf van Goghs Bilder-Teppichen wandeln, da die dort zur Verfügung stehenden Räume größer sind als im Kunstkraftwerk. Massimiliano Siccardo ist bei van Gogh für die Video- und Multimedia-Technik zuständig – und von seiner Arbeit überzeugt:

"An van Gogh hat uns interessiert, dass er die Malerei erneuert hat. Hier war er ein Gigant und erzeugte durchaus gewaltvoll einen Umbruch. Das wollten wir mit Farbkraft unserer 'Van Gogh experience' herausarbeiten."

Eine Art moderne Bauernfängerei?

Multimedial van Goghs Pinselstrichen und Farben ausgeliefert, lässt es sich im Leipziger Kunstkraftwerk durchaus entspannen und abschalten. Jedoch beschleicht einen nach einer Weile bereits das fade Gefühl, dass die Versatzstücke aus teils willkürlich ausgewählter Musik und rauschhaft zusammengefügten Farb-und Blütenträumen der Kunst van Goghs nicht wirklich gerecht werden, sie letztlich durch ihre Aufgeblasenheit eher entwerten.

Die vielen Schattenseiten des großen Künstlers blendet man kurzerhand aus, da sie zu einer "immersiven" Aufbereitung nicht taugen: Zu deprimiert würden die Zuschauer wohl von dannen ziehen und nicht für weitere Besucher werben. Was nicht im Sinne der "van Gogh experience" sein kann, die als eine moderne Art von Bauernfängerei mit ganz großen Versprechen wie van Gogh und Immersion hantiert, diese aber, aus Gründen des Kommerzes, nicht einlösen kann.

Über die Ausstellung "Van Gogh experience"
Jahresausstellung im Kunstkraftwerk Leipzig
Ab 1. Februar

Saalfelder Strasse 8b
04179 Leipzig

Öffnungszeiten:
Di - So | 10:00-18:00 Uhr
montags geschlossen

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Februar 2020 | 13:15 Uhr

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