Zum 75. Geburtstag Thomas Brasch: Ein Störenfried in Ost und West

Schriftsteller und Regisseur Thomas Brasch
Thomas Brasch 1992 in Berlin Bildrechte: dpa

Inzwischen ist sein Leben bekannter als sein Werk. Spätestens seit Annekatrin Hendels Film "Familie Brasch" von 2018 reüssiert der 1945 geborene, bereits 2001 verstorbene deutsche Dichter Thomas Brasch in der Öffentlichkeit (die sich bekanntlich generell weit lieber an den Personen als an deren Arbeiten gütlich tut) eher als Stoff denn als Autor. Eine prominente und medienaffine Schwester etwa – Marion Brasch –, eine populäre Schauspielerin als ehemalige Lebensgefährtin – Katharina Thalbach – und vertraute Lebens- und Weggefährten mehr haben dafür gesorgt, dass er selbst in einer Kultur, die auf Gedächtnis wenig Wert legt, bis heute unvergessen blieb.

Und doch, dass sein – zugegebenermaßen in vieler Hinsicht spektakuläres – Schicksal offenbar leichter Interesse erregt, als es seine zahlreichen Gedichte, Stücke, Erzählungen, Filme, Übersetzungen und Essays können oder überhaupt je konnten, bleibt ein ungutes Symptom. Und es bleibt, macht man sich seine Prinzipien zu eigen, so etwas wie eine Niederlage. Denn Thomas Brasch war wohl, wie etwa Einar Schleef, wie etwa Peter Handke, einer der strikten, ja rigorosen Konsens-Verweigerer in der deutschen Literatur des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts.

Thomas Brasch, 2001
Der Schriftsteller Thomas Brasch Bildrechte: imago images / Mike Schmidt

Erwartungen zu bedienen, politische, ästhetische, soziale, das muss für ihn einem Verrat an sich selbst und an der Literatur gleich mit nahegekommen sein. Nicht selten reagiert er, bei allem Bedacht seiner Formulierungen, schneidend scharf, ja aggressiv, wenn man ihm Einverständnis mit ideologischen Vereinfachungen, mit zweckdienlich verkürzten Parolen unterstellt.

Dauerkonflikt mit Partei und Regierung der DDR

In der DDR im Dauerkonflikt mit Partei und Regierung, die ihm, sieht man von der Ausnahme eines dünnen Heftchens mit Gedichten (dem legendären "Poesiealbum Nr. 89") ab, jede Publikationsmöglichkeit versagte, blieb er auch nach seiner Ausreise in den Westen im Dezember 1976 ein Störenfried, der sich nun dagegen sträubte, sich von den Medien der freien Welt als Dissident feiern und vereinnahmen zu lassen.

Schon in seinem ersten Interview im "Spiegel" vom 3. Januar 1977 weist er die Frage seiner Gesprächspartner mit der Bemerkung zurück: "Zum politischen Fall bin ich lange genug gemacht worden, das reicht." Er beharrt darauf, dass die Gründe für seine Ausreise zunächst einmal nichts mit dem gerade Wellen schlagenden Konflikt nach der Biermann-Ausbürgerung zu tun haben:

"Im Augenblick macht man es sich ja mit den sogenannten DDR-Schriftstellern ungeheuer einfach: Da gibt es also zwei Lager, die Progressiven und die Dogmatischen, die, die für Biermanns Ausbürgerung und die, die dagegen waren. Ich finde es ganz kindisch, die DDR-Literatur in diesem einen Fall so in zwei Lager zu teilen. Ich schätze unter den Leuten, die nicht die Bitte an die Regierung gestellt haben, die Ausbürgerung zu überdenken, einige sehr hoch. Ich schätze auch einige Leute sehr hoch, die im 'Neuen Deutschland' Stellung genommen haben und nicht gegen die Ausbürgerung waren."

Und weiter heißt es, wie gesagt, wenige Tage nach seiner Ankunft in der Bundesrepublik: "Mir scheint, im Westen betrachtet man die DDR-Literatur zu sehr im Hinblick auf den Tabu-Wert: je höher der Tabu-Wert, desto interessanter die Literatur – damit stößt man sie in eine pubertäre Situation, das heißt, man macht sie zu einer Literatur, die sich immer zum Gipfel verhält, also entweder nach oben droht oder nach oben applaudiert. Das ist ein Anspruch, den eine Literatur nicht aushalten kann, wenn sie ehrlich bleiben will."

Provokation bei Franz Josef Strauß

Franz Josef Strauß überreicht Thomas Brasch den Bayrischen Filmpreis.
Der CSU-Politiker Franz Josef Strauß überreicht Thomas Brasch den Bayrischen Filmpreis. Bildrechte: dpa

Nie lässt sich Thomas Brasch zum Kronzeugen gegen die DDR machen, nie lässt er sich davon abbringen, die "Wunde DDR" offenzuhalten. Unvergesslich – und eben typisch Brasch – der Moment, als ihm Franz Josef Strauß 1981 für seinen Film "Engel aus Eisen" den "Bayerischen Filmpreis" überreicht – und er sich, im vollen Bewusstsein der provozierenden Wirkung, in seiner Dankesrede ausdrücklich für seine Ausbildung an der Filmhochschule der DDR bedankt.

Renitent aber blieb er auch im Hinblick auf das – naheliegende – Ansinnen, seinen außergewöhnlichen Lebensweg samt zeitgeschichtlich relevantem Vater-Sohn-Konflikt literarisch auszuschlachten. Für einen Roman gereicht, wie man landläufig sagt, hätte das allemal: ältester Sohn kommunistischer jüdischer Emigranten, ein Vater, der dann in der DDR als ZK-Mitglied und stellvertretender Kulturminister zur Funktionärs-Nomenklatura gehört und seinen Sohn mit elf in die Kadettenanstalt der Nationalen Volksarmee steckt. Ja, der ihn, inzwischen ist Thomas Brasch dreiundzwanzig und verteilt Flugblätter gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Pakts, bei der Staatssicherheit anzeigt und ins Gefängnis bringt – Heiner Müller, eine Zeit lang so etwas wie ein literarischer Ziehvater für den hochbegabten Poeten, hat die Geschichte in "Wolokolamsker Chaussee 5: Der Findling" in Verse gefasst.

Arbeit als Schlosser, Meliorationsarbeiter und Schriftsetzer, später, auf Bewährung aus der Haft entlassen, als Fräser im Berliner Transformatorenwerk "Karl Liebknecht". Journalistikstudium und Exmatrikulation wegen "Verunglimpfung führender Persönlichkeiten der DDR".

Wenn die Schriftsteller anfangen, ihr Leben aufzuschreiben, ist das ihr Ende.

Thomas Brasch, Schriftsteller

Er schlägt 100.000 Euro für eine Autobiografie aus

Doch als Siegfried Unseld ihm nach seiner Ankunft im Westen 100.000 Mark Vorschuss für ein Buch bot, in dem er seine letzten drei Wochen in der DDR und seine erste Woche im Westen beschreiben wollte – lehnte Brasch ab. Und auch sonst wollte er mit dem Pfund seiner Biografie partout nicht wuchern: Noch als enge Freunde, Klaus Pohl zum Beispiel, die den Schreib-Berserker in den letzten zehn Jahren seines Lebens, inzwischen war die Mauer gefallen und die DDR in Gänze in den Westen gegangen, in den zehntausend Seiten seines nie zur Veröffentlichung gebrachten Brunke-Romans sich verrennen und verzetteln und versinken sahen, zu einer Autobiografie – dem geheimen, dem verweigerten Hauptwerk – verleiten wollten, ein Rettungsanker, hielt er ihnen unbeirrbar, vielleicht auch unbelehrbar einen Satz von Flaubert entgegen: "Wenn die Schriftsteller anfangen, ihr Leben aufzuschreiben, ist das ihr Ende."

Und ausgerechnet er, der so störrisch angetragene Umarmungen ausschlagen konnte, selbst von einem ostentativen Sympathisanten wie Fritz J. Raddatz etwa, wie sich in gleich zwei langen Interviews nachlesen lässt, hätte die gefräßige Medienmaschine damit füttern wollen, was er so hartnäckig für sich behielt? Die Nachwelt zeigt sich nachgiebiger und gibt ihn frei: als Hauptfigur einer Geschichte, die für ihn das Leben war. Das er brauchte für sich und sein Werk – etwa die fast 800 Seiten seiner "Gesammelten Gedichte", herausgegeben unter dem Titel "Die nennen das Schrei". Auf Seite 370 steht das Gedicht "Halb Schlaf. Für Uwe Johnson", zuerst erschienen in der FAZ vom 26. November 1982. Es ist auch ein Selbstporträt. Die erste Strophe lautet:

"Und wie in dunkle Gänge
Mich in mich selbst verrannt,
verhängt in eigne Stränge
mit meiner eignen Hand."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Februar 2020 | 18:05 Uhr

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