"A Steady Drip, Drip, Drip" 50 Jahre Feuer und Flamme: Die Sparks legen neues Album vor

"Staubsauger des Pop" nannte sie der "Rolling Stone"; unersättlich, aber stilvoll haben die Sparks Trends aufgenommen. Dabei waren sie in ihrer 50jährigen Bandgeschichte selbst einflussreich. Der Sound von Depeche Mode, Nirvana oder Björk wäre ohne sie undenkbar. Vom Glamrock der
Siebziger über Disco und Synthie-Pop bis zu kammermusikalischen Klängen – kaum ein Genre ließen die Brüder Russell und Ron Mael aus. Dass sie immer noch agil sind, zeigt ihr 24. Album: "A Steady Drip, Drip, Drip".

Die Sparks sind ein Phänomen: Ein Duo, das seit 49 Jahren schrulligen Art-Pop macht, nur zwei große Hits vorweisen kann, aber ganze Generationen von Künstlern beeinflusst hat: Darunter Depeche Mode, Nirvana, Björk oder Faith No More. Am Freitag veröffentlichen die Kalifornier ihr 24. Studioalbum "A Steady Drip, Drip, Drip" – und geben sich so unkonventionell wie eh und je.

Weitermachen statt rumsitzen und essen

Ans Aufhören denken sie nicht, wie Sänger Russell Mael, inzwischen 71, im Gespräch mit MDR KULTUR klar stellt: "Den Punkt, an dem es sich gelohnt hätte, über die Rente nachzudenken, haben wir längst überschritten. Der Begriff ist eh nicht Teil unseres Vokabulars. Zumal die Frage wäre, was wir dann mit uns anfangen würden. Würden wir nur rumsitzen und essen, wie wir es gerade in der Corona-Krise tun? Ich schätze, das fühlt sich so ähnlich an. Und Spaß macht es nicht. Zumal das einzige, was uns motiviert, unsere Kunst ist."

Inspiriert von der Leere ringsherum

Russell Mael ist ein spindeldürres Männchen mit Struwelfrisur und Falsettgesang. Wenn er über seine Karriere mit den Sparks spricht, dann voller Stolz – und das zu Recht: Fast 50 Jahre sind er und sein älterer Bruder Ron bereits aktiv, die beiden haben sämtliche Höhen wie Tiefen des Musikgeschäfts erlebt, aber nie aufgegeben – und klingen auch 2020 so unkonventionell und ambitioniert, wie eh und je. Mit ihrem neusten Werk "A Steady Drip, Drip, Drip" wähnen sie sich auf einer regelrechten Mission – etwa zur Rettung der Popmusik.

"Es scheint sich die Einstellung breitzumachen, dass es nicht notwendig ist, sonderlich viele Anstrengungen in seine Musik zu investieren. Ich denke, das ist der falsche Ansatz. Man sollte etwas mehr von Künstlern verlangen können. Das ist der Grund, warum die Sparks gerade so inspiriert sind – weil da eine solche Leere herrscht und keiner für Herausforderungen sorgt. Das spüren wir – und dadurch fühlen wir uns motiviert."

"Please Don't Fuck Up My World"!

Dabei vermögen die Sparks auch über den rein musikalischen Tellerrand zu blicken: "A Steady Drip, Drip, Drip" hält den USA den Spiegel vors Gesicht. Schon vor und überraschender Weise auch während der Corona-Krise. Das liegt an fast prophetischen Texten, die sich um Börsenchaos, Weltuntergangsszenarien, Rasenmäher, Igor Stravinsky und die Unzulänglichkeit der Trump-Regierung drehen. Auf zynische, ironische, ja süffisante Weise. Damit wollen Russell und Ron ihre Landsleute aufwecken – und eine zweite Amtszeit des umstrittenen Präsidenten wenn möglich verhindern:

"Was die Wahl im November betrifft, gibt es zwei Möglichkeiten: Die erste ist, dass die Leute erkennen, dass unsere Probleme auf Trumps Unfähigkeit in puncto Krisenmanagement basieren. Gleichzeitig ist er aber täglich im Fernsehen und tut so als gebe er sein Bestes – was lächerlich ist. Man kann nur hoffen, dass er scheitert. Doch bei 50 Prozent der Amerikaner lässt sich das nicht vorhersagen. Sie haben mitunter andere Vorstellungen."

Statussymol: Gartenzwerg

Die Sparks stehen für das liberale, weltoffene Amerika. Sie träumen von einer Welt voller Musik und Kunst – und haben sich ihr Naives, Unschuldiges und Wahnwitziges bewahrt. Sie wissen, dass sich selbst bei aussichtslos erscheinenden Konflikten kleine Nadelstiche mit großer Wirkung setzen lassen. Das zeigen das neue Album – und Russels Umgang mit spießigen Nachbarn in Los Angeles:

"Ich habe eine Sammlung von Garden Gnomes, wie wir sie in Amerika nennen. Ich weiß zwar nicht, was meine Nachbarn denken, wenn sie 20 davon in meinem Vorgarten sehen, doch zumindest lassen sie mich in Ruhe. Wahrscheinlich irritiert es sie, dass ich mich als Musiker ausgerechnet dafür interessiere. Ich finde die Figuren sehr nett und beruhigend."

Ein Duo, das Gartenzwerge sammelt – eine erfrischende Abwechslung zu den Statussymbolen, auf die andere Musiker stehen. Aber die Sparks sind ohnehin die etwas andere Band – gerade das macht sie in der heutigen Musiklandschaft so wertvoll.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2020 | 16:10 Uhr