Selbstversuch in Zeiten von Corona Können Livestreams das Konzerterlebnis ersetzen?

Wegen der Corona-Schutzmaßnahmen liegt das kulturelle Leben weitestgehend brach und zahlreiche Konzert wurden abgesagt. Einige Veranstalter haben deswegen begonnen, alte Konzertmitschnitte ins Internet zu stellen. Andere Künstler streamen live im Netz. Aber wie gut funktioniert das? Ein Selbstversuch:

Titelbild Konzertstream im Selbstversuch
Selbstversuch: Eva Morlang testet Konzertstreams Bildrechte: MDR/Eva Morlang

In den sozialen Medien tauchen als erstes zahlreiche Videos auf, die Musikerinnen und Musiker zu Hause vor ihrer Webcam aufnehmen. Sie "gehen live", meist bei Facebook und Youtube. Die Aufnahmequalität ist bei den meisten aber so notdürftig, dass ich nicht mehr als ein Lied davon hören kann. Ganz nett als Gruß, aber ich suche ein richtiges Konzert.

Die Technik bleibt sichtbar

Leipstream streamt Konzerte Leipziger Künstler
Die Plattform Leipstream überträgt regelmäig Konzerte. Hier von der Leipziger Band "Schwarzkaffee". Bildrechte: Werk 2

Fündig werde ich bei LeipStream, einer solidarischen Streaming-Plattform für die Leipziger Kulturszene. Ich klicke mich pünktlich rein, Samstag 20:30 Uhr. Das Ensemble 'Klänge der Hoffnung' spielt im Werk 2. Auf der Bühne fünf Musiker und eine Musikerin, Bühnennebel, rot-gelbe Lichtspiele. Ein Mann mit Kamera auf der Schulter läuft über die Bühne, filmt die Musiker in Nahaufnahme.

Da also gleich ein Indiz, dass das hier wirklich live ist. Eine bewusste Entscheidung, sagt der Filmemacher und Mitinitiator von LeipStream Ruben Günther: "Wir nehmen das bewusst als Stilmittel mit auf, so dass man die ganze Technik sieht, man sieht, da sind fünf Leute beschäftigt mit Licht und Ton. Das bewusst zu inszenieren, unterscheidet uns auch von anderen Streaming-Anbietern."

Austausch aus der Ferne

Nach dem ersten Lied tritt der Pianist und Leiter des Ensembles Tilmann Löser ans Mikrofon, spricht an, wie ungewohnt die Situation ist, wie hart die Zeit für Musikerinnen und Musiker. Und er fordert das Publikum auf, fleißig Rückmeldung zu geben.

Als Zuschauerin habe ich auf meinem Bildschirm eine Spalte, in der ich kommentieren kann und auch die Kommentare anderer sehe. "Sehr, sehr schön" - "Wunderbar!". Grüße kommen da aus Essen, Görlitz und Polen. Die werden dem Ensemble auf der Bühne auch über Monitore angezeigt – eine Funktion, die LeipStream mit der Zeit entwickelt hat. Und ich als Zuschauerin bekomme auch das Gefühl, nicht allein zu sein. Die Ensemblemitglieder an dem Abend kommen aus fünf Ländern. Die Sängerin Karolina Trybala singt in mehreren Sprachen.

Was wirklich toll war, dass unsere Familien, unsere Mütter zusammen zugehört haben. Das haben wir hinterher dann auch mitbekommen, dass Grüße aus Shiraz kamen, Grüße von meiner Familie aus Polen, das war ein ganz, ganz tolles Gefühl, weil wir das bisher noch nicht so hatten.

Karolina Trybala, Sängerin bei Klänge der Hoffnung

Die Tücken der virtuellen Welt

Dennoch: In dem Moment auf der Bühne konnte sie nicht für einen Bildschirm mit Kommentaren singen, sondern hat sich Gesichter gesucht, etwa das eines Kameramanns, erzählt sie: "Da war so ein Tontechniker, offenbar aus Israel, der hat sich gefreut, dass ich hebräisch singe. Auf den Punkt gebracht: Es ist schon so, dass ich Publikum brauche, auch wenn es nur eine Person ist, die da sitzt und ihre Gefühle zeigt."

Nach 30 Minuten hängt der Stream plötzlich, das Bild stockt, es gibt irgendein technisches Problem. Und damit bin ich leider raus. Ich muss mich gerade ohnehin schon mit so viel mit Technik herumschlagen, geduldig sein in Zoom- und Skype-Konferenzen. Da will ich nicht auch noch ein abgehacktes Konzert. Überhaupt merke ich über mehrere Abende mit Live-Streams hinweg, ob bei TV Noir oder United We Stream: meine Aufmerksamkeitsspanne ist begrenzt.

Wenn ich physisch in ein Konzert gehe, dann entscheide ich mich bewusst dafür, an dem Abend nichts anderes zu machen, mich ganz auf den Moment einzulassen. Beim Streaming habe ich aber gedanklich, wie auch im Browser, noch mehrere Fenster offen.

Eva Morlang

Klassik auf höchstem Niveau

Auf ein Konzert fiebere ich besonders hin: das Eröffnungskonzert des a cappella-Festivals, live aus der Thomaskirche. Kein Ersatz für die vielen abgesagten Konzerte des internationalen Festivals, aber immerhin etwas Trost für die Fangemeinde und auch das Ensemble amarcord und das Festivalteam selbst, sagt der Tenor Robert Pohlers: "Für uns war es auch sehr emotional und auch ergreifend, die Möglichkeit zu bekommen, auch wenn es nicht ganz normal war, aber doch so'n Stück weit Normalität auch irgendwie versprühen zu können."

Technisch ist das hier eine klassische, aufwendige Fernsehproduktion. Keine Kameras im Bild. Alles perfekt durchgetaktet. Ich muss mir schon selbst klar machen, dass das gerade live ist. Vom Bild her könnte es auch eine Aufzeichnung sein. Musikalisch ist es ein Hochgenuss. Tatsächlich auch das einzige Konzert, das ich bis zum Ende schaue.

Für eine so aufwendige Übertragung haben natürlich nur die wenigsten die Mittel. Vor allem wenn es dann noch nicht mal Eintritt kostet. Mit jedem weiteren kostenlosen Stream sehe ich auch die Gefahr, dass sich die Kulturschaffenden unter Wert verkaufen. Auch wenn ich später spende und bei LeipStream etwas in den digitalen Hut werfe – eine Dauerlösung kann das nicht sein. Für den Ausnahmezustand ist es aber eben doch eine Chance für Musiker, ihren Beruf weiter auszuüben.

Mehr Kultur für zu Hause

Corona und die Kultur

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Mai 2020 | 16:40 Uhr

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