Trauer Schauspielerin Irm Hermann gestorben

Die Schauspielerin Irm Hermann während Dreharbeiten.
Die Schauspielerin Irm Hermann (1942-2020) Bildrechte: dpa

Die Schauspielerin Irm Hermann ist tot. Sie starb am Dienstag nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 77 Jahren, wie ihre Agentin Antje Schlag unter Berufung auf die Familie am Donnerstag in Berlin mitteilte. Hermann wirkte in rund 100 Kino- und Fernsehproduktionen mit. Sie galt als Muse von Rainer Werner Fassbinder, verkörperte oft die mürrische Spießerin, dabei lag ihr auch das komische Fach. MDR KULTUR-Filmkritiker Knut Elstermann würdigte sie als Vollblut-Schauspielerin und Avantgardistin. Darüber hinaus sei Irm Hermann ein sehr herzlicher Mensch gewesen.

Mit Fassbinder verbunden

Irmgard Hermann, 2015 5 min
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Hermann spielte in 20 Filmen Rainer Werner Fassbinders. Er war ihr Förderer und ihre große Liebe. Nach eigenem Bekunden holte er sie aus ihrem kleinbürgerlichen Dasein heraus und machte sie zur Schauspielerin. In "Der Händler der vier Jahreszeiten" mimte sie die frustrierte Ehefrau eines Obsthändlers und wurde dafür 1972 gleich mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Ein Jahr zuvor erhielt sie den italienischen Darstellerpreis für die Rolle der Marlene in "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", in dem lesbischen Kammerspiel gibt sie die unterdrückte Sekretärin einer reichen und erfolgreichen Modeschöpferin. Außerdem spielte sie in Fassbinders erstem großen Erfolg "Katzelmacher" (1968) sowie in "Angst essen Seele auf" (1974).

Nicht verletzen in Gedanken, Worten und Taten.

Irm Hermann Über ihr Lebensmotto im MDR KULTUR-Fragebogen

Eigene Wege: Erfolgreich in Theater und Film

Nach einer schrittweisen, auch traumatischen Trennung von Fassbinder ging Irm Hermann Mitte der 70er-Jahre ihre eigenen Wege, zog von München nach Berlin, heiratete und bekam zwei Kinder. So löste sie sich auch von dem Rollenbild, das Fassbinder ihr immer wieder vorgab. Sie wurde Ensemblemitglied an der Freien Volksbühne unter der Intendanz von Hans Neuenfels. Am Berliner Ensemble arbeitete sie mit Peter Palitzsch. Mit Werner Herzog drehte sie "Woyzeck" neben Klaus Kinski, Hans W. Geissendörfer verpflichtete sie für "Ediths Tagebuch", für Ulrike Ottinger stand sie etwa in "Johanna D'Arc of Mongolia" vor der Kamera. Mit Christoph Schlingensief drehte sie "Das deutsche Kettensägenmassaker" und "Die 120 Tage von Bottrop".

Den Deutschen Filmpreis bekam Hermann für die Rolle der Mitgefangenen von Sophie Scholl in Percy Adlons "Fünf letzte Tage". Ihr komisches Talent konnte sie in Loriots "Pappa ante portas" zeigen oder zuletzt neben Elyas M'Barek, Jella Haase, Sandra Hüller und Katja Riemann in "Fack Ju Göhte 3".

In den letzten Jahren gastierte sie unter anderem an der Volksbühne, so in Christoph Marthalers "Tessa Blomstedt gibt nicht auf", und der Komischen Oper in Berlin, am Züricher Schauspielhaus und am Wiener Burgtheater. Auch im Radio war sie mit ihrer "eigentümlich hohen Stimme" präsent, 2009 erhielt sie den Deutschen Hörbuchpreis als Beste Interpretin für "Enigma Emmy Görling".

Wagnis Schauspiel

Irm Hermann wurde am 4. Oktober 1942 in München geboren. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte sie eine Lehre als Verlagskauffrau und arbeitete als Sekretärin beim ADAC. 1966 lernte sie zufällig Rainer Werner Fassbinder kennen. Sie erhielt eine erste Rolle in seinem Film "Der Stadtstreicher" und sie wurden ein Paar. Mit Fassbinder und der Schauspielerin Hanna Schygulla gründete sie das "Action-Theater". Uraufgeführt wurde dort 1968 auch Fassbinders erstes eigenständiges Bühnenstück "Katzelmacher" über das Schicksal eines griechischen Gastarbeiters in Deutschland. Ein Jahr später wurde es verfilmt und zum künstlerischen Durchbruch für Fassbinder.

Für Experimente blieb Irm Hermann ihr Leben lang offen. Für Schlingensief stand sie im "Hamlet" ebenso auf der Bühne wie als herrische Kanzlergattin in "Berliner Republik". Sie hatte nie eine Schauspielausbildung genossen, fand aber zu einem markanten Stil, gekennzeichnet von ihrem strengem Gesichtsausdruck und fast "ritueller Bewegungslosigkeit". Im MDR KULTUR-Fragebogen formulierte sie, dass sie sich auf der Bühne und vor der Kamera am lebendigsten fühle. Ihr Lebensmotto laute: Nicht zu verletzen in Gedanken, Worten und Taten. Und sie glaube an die Unsterblichkeit.

Irm Hermann, 2014 78 min
Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Mai 2020 | 13:15 Uhr

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