Rezension Authentisch und kitschfrei: "Laufen" von Isabel Bogdan

Isabel Bogdan wird gerne als "Liebling des deutschen Buchhandels" bezeichnet. Einen Namen machte sie sich zuerst als Übersetzerin von Nick Hornby, Jane Gardam und Jonathan Safran Foer. Ihr amüsanter Debutroman "der Pfau" führte in ein altes schottisches Herrenhaus und die Autorin direkt auf die Bestellerlisten. Nun ist Bogdans zweiter Roman erschienen. "Laufen" nimmt sich einem großen, schwierigen Thema an: der Trauer.

Isabel Bogdan
Isabel Bodan lässt ihren zweiten Roman in der eigenen Wahlheimat spielen: Hamburg. Bildrechte: imago/Horst Galuschka

Wenn der eigene Lebenspartner beschließt, sich das Leben zu nehmen und zu sterben – wie kann es dann weitergehen? Kann es überhaupt je weitergehen? Fragen, die Isabel Bogdans unbenannter Protagonistin unaufhaltsam im Kopf kreisen. Um irgendwie wieder Boden unter den Füßen zu finden, beginnt sie zu laufen.

Ich laufe mir die Grübelei weg, andere Leute laufen angeblich, weil sie dabei gut nachdenken können, ich kann an gar nichts anderes denken als an meinen Körper, ob er funktioniert, wie er funktioniert, wie das Laufen sich anfühlt, ob ich noch kann, und wenn ja, wie weit, und ob mir gerade etwas wehtut oder was am meisten wehtut, als wüsste ich nicht, was am meisten wehtut, aber beim Laufen tut endlich der Körper weh.

Zitat aus "Laufen"

Bogdans Protagonistin ist Hamburgerin, spielt Bratsche im Quartett sowie im Orchester der Elbphilharmonie. Mit ihren 43 Jahren steht sie mitten im Leben und einer glücklichen Beziehung, als ihr Partner Suizid begeht. Die Folge einer langjährigen Depression, wie man im Laufe des Buchs erfährt.

Weglaufen oder zu sich finden?

So staut sich vieles auf: Schuldgefühle und Trauer treffen auf Hilflosigkeit und Verzweiflung. Am Anfang will die Frau von all dem Seelenschmerz nur weglaufen. Dann aber findet sie ganz allmählich, Schritt für Schritt, den Rhythmus wieder, beim Laufen wie im Leben. Dabei lässt sie auch Hilfe zu, von ihrer klugen, lebensnahen Therapeutin und ihrer besten Freundin Rike.

Atmen, einfach atmen, sagt Rike, immer weiter atmen, als wäre das so einfach, sag mal einem Ertrinkenden, er soll atmen.

Zitat aus "Laufen"

Es sind solche prägnanten, einfühlsamen Sprachbilder, die es Isabel Bogdan ermöglichen, in ihrem Roman eine Sprache der Überwältigung, der Trauer zu kreieren, die nicht kitschig, sondern erschreckend realistisch ist. Man fühlt mit beim Lesen und taucht völlig ein in die Gedankenwelt der Läuferin. Ein gewagtes Spiel, das aufgeht, denn der gesamte Roman ist als innerer Monolog konzipiert, mit vielen Kommas und wenigen Punkten.

Ein innerer Gedankenstrom

Mit den immer größeren Laufrunden folgt man dem Bewältigungsprozess der Trauer. In den Schmerz über den Verlust weben sich allmählich Alltagsbeobachtungen der Läuferin ein und sie lässt eigene Gefühle zu, wie Wut, Enttäuschung und zum ersten Mal die Frage, wie es überhaupt mit ihr weitergehen soll.

Du bist tot, ich werde kein Kind mehr bekommen, ich bin verwitwet, verloren und offiziell alt, so sieht es aus. Ein ein aus aus aus aus, der Verbissene überholt mich, demnächst bin ich auch verbissen und verbittert, er guckt auf die Uhr, wie viele Jahre er wohl schon läuft.

Zitat aus "Laufen"

Von Kitsch keine Spur

Buchcover – Isabel Bogdan: Laufen
Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Isabel Bogdans Roman liest sich auch deshalb so gut, weil ihre Heldin liebenswert und robust ist, und auch die größte Krise ihren Humor nicht zu ersticken vermag. Die Geschichte macht zudem Mut, wenn die Läuferin sich etwa ein neues Bett kauft, das erste Mal wieder ein rotes Kleid anzieht oder sich verschwitzt nach dem Joggen auf eine Kugel Eis einladen lässt. Wenn der Moment für sie gekommen ist, dass sie das Glück nicht erzwingt, ihm aber eine Tür offen hält. Auch wenn sie weiß, dass der Verlust nie ungeschehen gemacht werden kann.

Am Ende Buches wartet deswegen die tröstliche Erkenntnis: Man kann auch mit einem Loch im Herzen weiterleben und dem Neuen eine Chance geben. Egal, wie viel Zeit es braucht.

Angaben zum Buch "Laufen" von Isabel Bogdan
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05349-4

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 07. April 2020 | 07:10 Uhr

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