Lesezeit | 25.05. - 28.05.2020 Richard Yates: "Ein natürliches Mädchen" und andere Erzählungen

Der US-amerikanische Schriftsteller Richard Yates (1926 - 1992) ist berühmt für seinen Roman "Zeiten des Aufruhrs", der mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet verfilmt wurde. Zu Lebzeiten kaum bekannt, gilt er heute als Klassiker der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Eine Auswahl seiner meisterhaften Kurzgeschichten senden wir in dieser Lesezeit. Es lesen Nina Hoss und Axel Milberg.

Richard Yates
Der US-amerikanische Schriftsteller Richard Yates Bildrechte: Jerry Bauer

Richard Yates galt lange als Geheimtipp unter den amerikanischen Schriftstellern. Seit seinem Debüt "Revolutionary Road" ("Zeiten des Aufruhrs") 1961 wurde er von Kritikern und Kollegen wie Tennessee Williams, Richard Ford und Kurt Vonnegut verehrt. Eine breite Öffentlichkeit erreichte er mit seinen sechs Romanen und zwei Kurzgeschichtensammlungen zu Lebzeiten nicht. Erst zehn Jahre nach seinem Tod wurden seine Werke wiederentdeckt und neu aufgelegt.

Enttäuschte Hoffnungen

Yates gilt als Chronist der amerikanischen Mittelklasse in den 40er- bis 60er-Jahren und Meister der knappen Form. In unprätentiöser, klarer Sprache erzählt er vom tristen Alltag in den Vorstädten, von den bescheidenen Hoffnungen amerikanischer Durchschnittsmenschen und der noch bescheideneren Realität ihres Alltags.

Yates großes Thema ist das Scheitern. Seine Geschichten handeln von zerbrochenen Ehen und zerstritten Familien, von Selbsttäuschungen und Lebenslügen, hochfliegende Ambitionen und unaufhaltsamen Abstürzen. Dabei verbindet der Autor die unerbittliche Schärfe seiner Schilderungen mit einem tiefen Verständnis für menschliche Schwächen.

Richard Yates in der Lesezeit

In dieser Lesezeit senden wir zwei Erzählungen aus "Eleven Kinds of Loneliness" ("Elf Arten der Einsamkeit"), Yates erster Kurzgeschichtensammlung, die 1962, ein Jahr nach seinem Debütroman erschien.

"Alles, alles Gute" erzählt vom Wechselbad der Gefühle, das die junge Grace am Tag vor ihrer Hochzeit durchläuft. Immer wieder überkommen sie Zweifel, ob Ralf der Richtige ist. Hatte Martha, ihre Mitbewohnerin, sie nicht von Anfang an auf seine Mängel hingewiesen? Doch als Grace aus dem Büro nach Hause kommt, entschuldigt sich Martha für ihr hartes Urteil und überlässt ihr und Ralf die Wohnung für diese Nacht. Doch während Grace auf ihren Künftigen wartet, sitzt er mit seinen Freunden in der Kneipe.

Die Erzählung "Überhaupt keine Schmerzen" gibt uns einen kurzen Einblick in das Leben von Myra, die seit Jahren ihren an Tuberkulose erkrankten Mann Harry im Krankenhaus besucht, obwohl ihr die Liebe zu ihm längst abhandengekommen ist.

Die Erzählung "Ein natürliches Mädchen" aus Yates' zweitem Band mit Short Stories "Liars in Love" ("Verliebte Lügner"), der 1981 erschien, beginnt mit dem verstörenden Satz: "Im Frühling ihres zweiten Studienjahres, als sie zwanzig war, sagte Susan Andrews zu ihrem Vater, dass sie ihn nicht mehr liebte."  Dr. Andrews, ein angesehener Hämatologe, ist erschüttert, diesen Satz ausgerechnet von seiner Lieblingstochter zu hören. Auf die Frage nach dem Grund erwidert Susan:

Es gibt ebensowenig einen Grund, warum man nicht liebt, wie es einen Grund gibt, warum man liebt. Ich denke, die meisten intelligenten Menschen begreifen das.

Richard Yates Ein natürliches Mädchen

Gegen den Wunsch des Vaters gibt Susan ihr Stipendium für ein angesehenes College auf und heiratet einen zwanzig Jahre älteren Geschichtslehrer. Jahre später wird sie ihm dieselben Worte sagen.

Der Schriftsteller Richard Yates

Richard Yates wurde am 3. Februar 1926 in Yokers, New York geboren. Während des Krieges diente er in der US-Army in Frankreich und Deutschland, danach arbeitete er u. a. als Journalist und Werbetexter. Seine erste Erzählung erschien 1953 im Atlantic Monthly. Mit dem Roman "Revolutionary Road" (1961), der für den National Book Award nominiert wurde, gelang ihm sein größter Erfolg.

1963 war Yates für einige Monate als Redenschreiber für Senator Robert Kennedy tätig. In den folgenden Jahren unterrichtete er an verschiedenen Universitäten "Kreatives Schreiben", unter anderem von 1964 bis 1971 den renommierten Writer‘s Workshop an der Universität von Iowa. 1974 zog er nach Boston, wo er sein Leben nach zwei gescheiterten Ehen ganz dem Schreiben unterordnete. Yates litt zunehmend unter seiner Alkoholsucht, die zu psychischen Zusammenbrüchen und längeren Klinikaufenthalten führte. Er starb am 7. November 1992 in Birmingham, Alabama.

Sein Roman "Zeiten des Aufruhrs" wurde 2007 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in den Hauptrollen verfilmt.

Die Schauspielerin Nina Hoss

Nina Hoss, geboren 1975, sprach mit sieben Jahren ihre erste Hörspielrolle und stand als 14-Jährige erstmals auf der Theaterbühne. Nach ihrem Schauspielstudium war sie sowohl am Deutschen Theater in Berlin als auch beim Berliner Ensemble engagiert. Nach 15-jährigem Engagement am Deutschen Theater wechselte sie 2013 an die Schaubühne am Lehniner Platz.

Die Schauspielerin Nina Hoss unterstützt die Studenten der Schauspielschule «Ernst Busch».
Nina Hoss auf einer Demonstration für Schauspielschule "Ernst Busch" Bildrechte: dpa

Ihren Durchbruch in Film und Fernsehen feierte Nina Hoss 1996 mit der Titelrolle in "Das Mädchen Rosemarie". Für ihre Darstellung der Yella im gleichnamigen Film wurde sie 2007 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Der Kinofilm "Barbara", in dem sie ebenfalls die Hauptrolle spielt, war für den Oscar nominiert. 2017 übernahm sie in der internationalen Kinoproduktion "Rückkehr nach Montauk" von Volker Schlöndorff die weibliche Hauptrolle.

Der Schauspieler Axel Milberg

Axel Milberg wurde 1956 in Kiel geboren. 1975 begann er in München ein Studium in Philosophie, Literatur- und Theaterwissenschaften, bevor er von 1979 bis 1981 an der Otto-Falckenberg-Schule Schauspielunterricht nahm. Im Anschluss daran wurde er an den Münchner Kammerspielen unter Dieter Dorn verpflichtet, dessen Ensemble er bis 1998 angehörte.

Axel Milberg (als Mr.  Phileas Fogg, links) und Boris Aljinovic (als Passepartout)
Axel Milberg (links) mit Boris Aljinovic im MDR-Hörspielstudio Bildrechte: MDR/Dabdoub

Seit den 1980er-Jahren spielte Axel Milberg zunehmend in Film- und Fernsehproduktionen, u. a. in Dieter Wedels Film "Der Schattenmann" (1995), Helmut Dietls "Rossini" (1996), Sönke Wortmanns "Der Campus" (1997), Margarethe von Trottas "Hannah Ahrendt" (2012), Christian Schwochows "Die Pfeiler der Macht" (2015) und Matti Geschonnecks "Liebesjahre", der 2012 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Für seine Rolle als Landarzt der TV-Serie "Doktor Martin" erhielt Milberg 2008 den Bayerischen Filmpreis. Seit 2003 ist er in der Rolle des Kieler "Tatort"-Kommissars Klaus Borowski zu sehen.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Lesezeit
"Ein natürliches Mädchen" und andere Erzählungen
Von Richard Yates (4 Folgen)

25.05. – 26.05.2020
Elf Arten der Einsamkeit
Es liest: Nina Hoss
Kein & Aber 2008

27.05. – 28.05.2020
Ein natürliches Mädchen
Es liest: Axel Milberg
BR 2008

Sendung:
25.05. - 28.05.2020 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
25.05. - 28.05.2020 | 19:05-19:35 Uhr

Die ersten beiden Folgen dieser Lesezeit stehen hier 30 Tage lang zum Hören bereit. Die Folgen 3 und 4 können wir aus urheberrechtlichen Gründen leider nicht im Internet zum Hören anbieten.

Richard Yates: Elf Arten der Einsamkeit
Bildrechte: Deutsche Verlags-Anstalt

Buchtipp Richard Yates: Elf Arten der Einsamkeit

Richard Yates: Elf Arten der Einsamkeit

Aus dem Amerikanischen von Hans Ulrich Wolf und Anette Grube
Hardcover, 288 Seiten
DVA 2006
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19,90 Euro

Richard Yates: Verliebte Lügner
Bildrechte: Deutsche Verlags-Anstalt

Buchtipp Richard Yates: Verliebte Lügner

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Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
Hardcover, 320 Seiten
Deutsche Verlags-Anstalt 2007
ISBN: 978-3421058607
19,95 Euro

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