Lesezeit | 29.05. - 05.06.2020 Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben

Als streitbarer und wortgewaltiger Kritiker prägte Marcel Reich-Ranicki über Jahrzehnte das literarische Leben in Deutschland. Einem breiten Publikum wurde er durch die ZDF-Sendung "Das literarische Quartett" bekannt. Am 2. Juli wäre er 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass senden wir eine Autorenlesung seiner Memoiren. Darin schildert er auf eindringliche Weise Stationen seines bewegten Lebens, das ihn von Polen nach Berlin, ins Warschauer Ghetto und zurück nach Deutschland führte.

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki während der SWR-Sendung - Literatur im Foyer - in Mainz.
Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) Bildrechte: imago/Rau

Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) wurde viel bewundert und viel gescholten, war einflussreich, aber auch umstritten. Der Literaturkritiker konnte Bücher zu Bestsellern machen oder vernichten. Mit seinem "Literarischen Quartett" bewies er viele Jahre, dass die Vermittlung von Literatur im Fernsehen höchst unterhaltsam sein kann.

Dass er selbst ein großer Erzähler ist, zeigte Reich-Ranicki mit seiner beindruckenden Autobiografie, die 1999 erschien und zum Bestseller avancierte. Das Buch wurde mehr als eine Million Mal verkauft, in siebzehn Sprachen übersetzt und 2008 von Dror Zahavi mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle verfilmt.

Ins Land der Kultur

Marceli Reich, Sohn jüdischer Eltern, wird 1920 in Wloclawek an der Weichsel geboren. Nach dem geschäftlichen Bankrott des Vaters übersiedelt die Familie nach Berlin. Eine Lehrerin verabschiedete den kaum neunjährigen mit den Worten: "Du fährst, mein Sohn, in das Land der Kultur." Doch das Land der Kultur zeigt schon bald auch düstere Seiten.

In den Berliner Jahren entdeckt der junge Marcel Reich seine Liebe zur Literatur. Als Gymnasiast begeistert er sich für Schiller, Goethe, Heine und Shakespeare, liest Tucholsky und Thomas Mann. Er besucht Lesezirkel und die Berliner Bühnen. Das Theater wird ihm zum Zufluchtsort vor dem immer rauer werden Antisemitismus. Im Oktober 1938, wenige Monate nach dem Abitur, wird er nach Polen deportiert.

Im Warschauer Ghetto

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Warschau ist die Familie Reich, wie alle Juden der Stadt, zahlreichen Repressionen ausgesetzt. Unter tragischen Umständen lernt Marcel die junge Teofila, genannt Tosia, kennen. Ihr Vater, ein jüdischer Fabrikbesitzer, hat sich aus Verzweiflung das Leben genommen, nachdem er von den Deutschen enteignet wurde. Im Warschauer Ghetto heiratet Marcel seine Freundin Tosia, um sie vor der Deportation zu schützen. Seine Eltern haben keine Chance, der Selektion zu entgehen. Der Sohn ist Zeuge, als sie ins KZ Treblinka abtransportiert werden:

Mein Vater blickte mich ratlos an, meine Mutter erstaunlich ruhig. Sie war sorgfältig gekleidet: Sie trug einen hellen Regenmantel, den sie aus Berlin mitgebracht hatte. Ich wusste, dass ich sie zum letzten Mal sah. Und so sehe ich sie immer noch: meinen hilflosen Vater und meine Mutter in dem schönen Trenchcoat aus einem Warenhaus unweit der Berliner Gedächtniskirche.

Marcel Reich-Ranicki Mein Leben

Unter dramatischen Umständen gelingt Marcel und Tosia 1943 die Flucht aus dem Ghetto. Das Paar überlebt im Versteck bei einem Warschauer Schriftsetzer. Im Polen der Nachkriegszeit wird Marcel Reich Kommunist, ist zweitweise für den polnischen Geheimdienst tätig, sowie als Vizekonsul in London. In dieser Zeit trennt er sich von seinem Familiennamen Reich, der zu deutsch klingt, und nennt sich Ranicki. Beunruhigt über die politischen Entwicklungen, bittet er um seine Abberufung. Zurück in Warschau wird er aus den Ministerien entlassen und aus der Partei ausgestoßen.

Aufstieg zum Literaturpapst

Seit 1951 als freier Publizist in Warschau tätig, übersiedelt er 1958 in die Bundesrepublik, wo mit Unterstützung von Schriftstellern wie Heinrich Böll und Siegfried Lenz seine beispiellose Karriere beginnt. In seinen Memoiren berichtet Reich-Ranicki über die "Gruppe 47", er beschreibt seine Jahre als ständiger Kritiker bei der Wochenzeitung "Die Zeit" und später als Literaturchef der "Frankfurter Allgemeinen", er erinnert sich an Begegnungen mit großen Schriftstellern seiner Zeit, mit Bertolt Brecht und Anna Seghers, mit Elias Canetti und Thomas Bernhard, mit Böll, Frisch und Grass und vielen anderen.

Pointiert und anekdotenreich schildert Reich-Ranicki in seiner Autobiografie die Stationen seines bewegten Lebens und skizziert zugleich ein aufschlussreiches Bild des Literaturbetriebs in Deutschland. Der Spiegel schreibt:

Der Herr der Bücher, der viel gescholtene Literatur-Wüterich zeigt sich schwach, oft selbstkritisch und beinahe sprachlos, als unterläge er dem eigenen Leben. Nur herzlose Leser werden sich diesem Drama in Prosa entziehen können.

Mathias Schreiber und Rainer Traub Der Spiegel, 09.08.1999

In dieser Lesezeit senden wir Marcel Reich-Ranickis Lebenserinnerungen in einer gekürzten Autorenlesung. Die von ihm selbst ausgewählten Passagen konzentrieren sich auf die Jahre 1935 bis 1945.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Lesezeit
Zum 100. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki am 2. Juni
"Mein Leben"
Marcel Reich-Ranicki liest aus seiner Autobiographie (5 Folgen)

Produktion: HR 1999

Sendung:
29.05. - 05.06.2020 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
29.05. - 05.06.2020 | 19:05-19:35 Uhr

Die Folgen dieser Lesezeit stehen hier 14 Tage zum Hören bereit.

Buch: Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben
Bildrechte: Verlagsgruppe Random House

Buchtipp Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben

Hardcover, 568 Seiten
Deutsche Verlags-Anstalt 2013
ISBN: 978-3421051493
25,00 Euro

Hörbuch: Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, gekürzte Lesung mit Marcel Reich-Ranicki
Bildrechte: Verlagsgruppe Random House

Hörbuchtipp Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben

Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben

Gekürzte Lesung mit Marcel Reich-Ranicki
2 CDs, Laufzeit: 130 Minuten
der Hörverlag 2003
ISBN: 978-3899402742

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