Lesezeit | 02.01.–03.01.2020 Hölderlin-Matinee "Ach! Der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt."

Friedrich Hölderlin träumte von Freiheit und sprengte sprachliche Konventionen. Zu Lebzeiten wenig bekannt, wurde sein Werk erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt. Heute gilt er als ein Wegbereiter der modernen Lyrik. Zum Auftakt des Hölderin-Jahres senden wir in der Lesezeit die Aufnahme einer literarischen Matinee des Deutschen Theaters unter anderem mit Corinna Harfouch, Käthe Reichel und Ulrich Mühe.

Friedrich Hölderlin
Friedrich Hölderlin (1770 - 1843) Bildrechte: imago/Horst Rudel

Pfarrer sollte er werden, ein Priester der Poesie wollte er sein. Schon als junger Mann war Hölderlin von seiner Berufung zum Dichter überzeugt, wagte es aber lange nicht, sich dem Wunsch der Mutter zu widersetzen.

Aufbruch in eine neue Epoche

Vor 250 Jahren, am 20. März 1770, in Lauffen am Neckar geboren, wuchs Hölderin in einem pietistisch geprägten Umfeld auf. Während des Theologiestudium am Tübinger Stift schloss er Freundschaft mit Hegel und Schilling und bildete mit ihnen einen intellektuellen Bund. Angesteckt vom Geist der Französischen Revolution träumten sie vom Aufbruch in eine neue Epoche. "Dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister!" heißt es in dem gemeinsam verfassten Text, der als "Das älteste Systemprogramm deutschen Idealismus" in die Philosophiegeschichte einging.

Erste Gedichte Hölderlins erschienen 1792 in Gotthold Stäudlins "Musenalmanach". Nach Abschluss des Studiums musste er sich als Hauslehrer verdingen. Während seines Aufenthaltes 1795 in Jena, wo er die Vorlesungen Johann Gottlieb Fichtes besuchte, kam es zur Begegnung mit Goethe und Schiller. Obwohl Schiller den jungen Landsmann zweitweise förderte, erfüllte sich Hölderlins Wunsch, in den "Zirkel der großen Männer" einzutreten, nicht.

Zwei Hälften des Lebens

1796 wurde Hölderlin Hauslehrer in der Familie des Frankfurter Bankiers Gontard und verliebte sich in dessen Ehefrau Susette. Zwischen beiden entwickelte sich eine leidenschaftliche Liebesbeziehung, die bis Mai 1800 andauerte. Als "Diotima" hat Hölderlin sie in seinen Gedichten und dem Briefroman "Hyperion" verewigt. 1802 starb Susette Gontard. Ihr früher Tod traf Hölderlin schwer.

Der Dichter stürzte sich in Arbeit, übersetzte Sophokles und Pindar und verfasste einige der berühmten Hymnen seines Spätwerks wie "Andenken" und "Patmos". 1805 erschien der Zyklus "Nachtgesänge", in dem auch das berühmte, mit Blick auf sein weiteres Schicksal prophetisch anmutende Gedicht "Hälfte des Lebens" enthalten ist. In der zweiten Strophe heißt es: "Weh mir, wo nehm’ ich, wenn / Es Winter ist, die Blumen und wo/ Den Sonnenschein".

Nach einem psychischen Zusammenbruch wurde Hölderlin im September 1806 in das Authenriethsche Klinikum in Tübingen einliefert.1807 als unheilbar entlassen, verbrachte er die zweite Hälfte seines Lebens, fast 36 Jahre, im legendären Tübinger Turmzimmer des Schreinermeister Zimmer, wo er am 7. Juni 1843 starb.

Hölderlin-Matinee in der Lesezeit

Der Titel dieser literarischen Matinee des Deutschen Theaters Berlin aus dem Jahr 1990 zitiert aus dem Hölderlin-Gedicht "Menschenbeifall":

Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt,
Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.

Friedrich Hölderlin Menschenbeifall

Die Aufnahme dieser Matinee, die am 3. Oktober 1990 ihre Erstsendung im Hörfunk erlebte, ist eine Wiederbegegnung mit namhaften Ensemble-Mitgliedern des damaligen Deutschen Theaters wie Bärbel Bolle (1941-2015), Elsa Grube-Deister (1926-2001), Corinna Harfouch, Käthe Reichel (1926-2012), Johanna Schall, Jörg Gudzuhn, Frank Lienert, Dieter Mann, Daniel Morgenroth, Ulrich Mühe (1953-2007) und Klaus Piontek (1935-1998).

Sie alle machen nacherlebbar, wie sie mit der Dichtung Hölderlins die aufgewühlte innenpolitische Situation des Sommers und Herbstes im Jahr der deutschen Wiedervereinigung befragen und sich in Relation zu den gesellschaftlichen Hoffnungen der Altvorderen zu stellen.

Für MDR KULTUR ist diese Matinee ein willkommenes Tondokument, um dem Jahr des 250. Geburtstags Friedrich Hölderlins einen gedanklichen Auftakt zu geben.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Lesezeit
Zum 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin:
"Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt."
Friedrich Hölderlin und sein Verhältnis zu den Deutschen - Ausschnitte aus einer Matinee des Deutschen Theaters Berlin (2 Folgen)

Sprecher:
Bärbel Bolle
Elsa Grube-Deister
Corinna Harfouch
Käthe Reichel
Johanna Schall
Jörg Gudzuhn
Frank Lienert
Dieter Mann
Daniel Morgenroth
Ulrich Mühe
Klaus Piontek

Solisten: Reiner Bredemeyer - Klavier
Produktion: Deutsches Theater / Funkhaus Berlin 1990

Sendung:
02.01.–03.01.2020 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
02.01.–03.01.2020 | 19:05-19:35 Uhr

Die Folgen dieser Lesezeit stehen hier 7 Tage zum Hören bereit.

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