Lesezeit | 23.12.–31.12.2019 Eberhard Esche liest Böll, Goethe und Heine

Eberhard Esche (1933-2006) war einer der ganz Großen des DDR-Theaters. Seine Soloabende waren legendär, sein "Hase im Rausch" hatte Kultstatus. In dieser Lesezeit erleben Sie den begnadeten Vortragskünstler mit Texten von Böll, Goethe und Heine.

Eberhard Esche
Eberhard Esche während einer Matinee am 12.03.2006 im Deutschen Theater Berlin Bildrechte: imago/DRAMA-Berlin.de

Er spielte Lancelot, den Drachentöter, in Benno Bessons legendärer Inszenierung der Märchenparabel "Der Drache" von Jewgenij Schwarz. Über 600 Mal wurde das Stück aufgeführt und machte Eberhard Esche berühmt. 1933 in Leipzig geboren, kam er 1961 ans Deutsche Theater in Berlin. Mit Rollen in Schillers "Wallenstein", Shakespeares "Heinrich IV." oder "Amphitryon" von Peter Hacks wurde er zu einem der großen Charakterdarsteller.

Sein schauspielerisches Können zeigte Esche auch in zahlreichen Film- und Fernsehrollen, etwa als Manfred Herrfurth in "Der geteilte Himmel", als Parteisekretär Horrath in "Spur der Steine" und im Märchenfilm "Wie heiratet man einen König".

Große Popularität erlangte Eberhard Esche als Sprecher und Rezitator. Sein kongenialer Vortrag von Sergej Michalkows Gedicht "Der Hase im Rausch" war Kult. Legendär sind seine Soloprogramme, besonders "Reinicke Fuchs" und "Deutschland. Ein Wintermärchen". Über drei Jahrzehnte stand Esche mit seiner Rezitation von Heines Großgedicht auf der Bühne und lud sein Publikum ein, den Klassiker immer wieder neu zu entdecken.

Eberhard Esche in der Lesezeit

Den Auftakt dieser Lesezeit bildet Heinrich Bölls Erzählung "Nicht nur zur Weihnachtszeit", die der Schriftsteller erstmals im November 1952 bei einer Zusammenkunft der Gruppe 47 auf Schloss Berlepsch vorstellte. Bereits im Dezember wurde der Text in einer Hörfunkfassung mit Heinz Rühmann beim damaligen NWDR gesendet.

Protagonistin von Bölls Satire ist Tante Milla, die vom Wahn ergriffen wird. Glücklich, dass sie im ersten Nachkriegsjahr Weihnachten wieder so feiern kann, wie vor dem Krieg, verfällt sie in Schreikrämpfe, als der Christbaum im Februar abgeschmückt werden soll. Für das Wohl der Tante muss die Verwandtschaft nun jeden Tag Weihnachten feiern, sommers wie winters. Der Tante geht es gut, doch in der Familie kommt es zu Verfallserscheinungen.

Böll kritisierte mit seiner Erzählung die restaurativen Tendenzen der Nachkriegszeit. All jene Menschen, denen heutzutage der vorweihnachtliche Rummel irgendwann aufs Gemüt schlägt, können sich an Bölls Satire erfreuen.

"Der Abwesende ist eine ideale Person" ist der Titel einer Lesung von Eberhard Esche und Klaus Piontek aus dem Briefwechsel zwischen Johann Wolfgang von Goethe und Karl Friedrich Zelter. Die Briefe sind schriftliche Zeugnisse einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft. Der Dichterfürst war fasziniert von Zelter, dem Maurer und Musikprofessor, Bauunternehmer und Bildungsberater, Komponist und Chordirektor der berühmten Berliner Singakademie. Mit Zelter philosophierte Goethe über Gott und die Welt. Sehr zum Ärger seiner Umwelt, die sich wunderte, was er an dem boshaften Simpel fand.

Eine Aufnahme von Esches legendärem Soloabend "Deutschland. Ein Wintermärchen" steht am Ende dieser Lesezeit. Dass seine Heinrich-Heine-Soiree, die er mit Regisseur Adolf Dresen erarbeitet hatte, so ein Erfolg wird, war bei der Premiere im Oktober 1974 am Deutschen Theater nicht zu ahnen. In über 400 Vorstellungen begeisterte er mehrere Publikums-Generationen. Auf die Frage, ob er nicht irgendwann von dem Gedicht "die Schnauze voll" hätte , antwortete Esche in einem Interview.

Man kann von der Zeit, in der man just lebt, die Schnauze voll haben, aber nicht von einem Gedicht, welches die Zeiten überlebt.

Eberhard Esche Berliner Morgenpost, 12.02.2016

Als Intendant Bernd Wilms 2006 die Solo-Programme aus dem Repertoire nahm, war der Schauspieler tief getroffen. Wenige Wochen später, am 15. Mai 2006, starb Eberhard Esche in Berlin.

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Lesezeit
"Eberhard Esche liest Böll, Goethe und Heine" (5 Folgen)

Sendung:
23.12.–31.12.2019 | 09:05-09:35 Uhr

Wiederholung:
23.12.–31.12.2019 | 19:05-19:35 Uhr

Die Folgen 1 & 2 dieser Lesezeit stehen hier 7 Tage zum Hören bereit. Alle anderen Folgen dieser Lesezeit können Sie 1 Jahr lang hören und herunterladen.

Inhalt der einzelnen Folgen Mo, 23.12. - Di, 24.12.2019 | Folgen 1& 2
Heinrich Böll: "Nicht nur zur Weihnachtszeit"
Produktion: Sachsen Radio 1991

Fr, 27.12.2019 | Folge 3
"Der Abwesende ist eine ideale Person"
Aus dem Briefwechsel zwischen Johann Wolfgang Goethe und Karl Friedrich Zelter
Produktion: Deutsches Theater 1992/MDR 1994

Mo, 30.12. - Di, 31.12.2019 | Folgen 5 & 6
Heinrich Heine: "Deutschland - Ein Wintermärchen"
Produktion: Deutsches Theater 1975/MDR 2008

Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit
Bildrechte: DTV

Buchtipp Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Erzählungen

Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Erzählungen

Taschenbuch: 160 Seiten
dtv Verlagsgesellschaft 1992
ISBN: 978-3423115919
8,90 Euro

Eberhard Esche liest Heinrich Heine
Bildrechte: Insel Verlag

Buchtipp Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen

Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen

Mit einem Nachwort von Thomas Rosenlöcher
Taschenbuch: 129 Seiten
Insel Verlag 2012
ISBN: 978-3458362371
6,50 Euro

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