Debatte Streit ums Kreuz überm Berliner Humboldt-Forum: Eine gute Sache?

Das Berliner Schloss ist wiederaufgebaut und damit das Humboldt-Forum, in das u.a. die ethnologischen Sammlungen der Staatlichen Berliner Museen einziehen. Eröffnet wird es im Dezember, wenn alles gut geht. Am Freitag vor Pfingsten wird das alte Kreuz auf die Kuppel gesetzt. Rekonstruiert wurde auch das umlaufende Spruchband, das fordert, ein Jeder solle vor Jesus niederknien. Johann Hinrich Claussen, Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche, findet die Debatte darüber gut.

Letzte vorbereitende Maßnahmen zur Montage der Laterne auf der Kuppel vom Berliner Stadtschloss im Humboldt
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MDR KULTUR: Gehört das Kreuz auf die Kuppel über dem Berliner Humboldt-Forum, einer Institution, die sich der Vielfalt der Kulturen verschrieben hat?

Johann Hinrich Claussen: Man wollte ein Schloss wiederaufbauen. Dann, finde ich, gehört das Kreuz dazu, weil es Teil des historischen Bauwerks ist. Hinein kommt nun ein Museum, und das beißt sich, hat vielleicht auch absurde Züge. Aber ich finde, dieser Widerspruch macht die Sache reizvoll und interessant.

Unter dem Kreuz war früher die Kapelle. Nun ist es ein Museum, kein Sakral-, sondern ein öffentlicher Bau ...

Ja, das Ganze könnte man als Hybrid bezeichnen. Eigentlich gehört eine Kuppel über einen Kapellenraum. So war das früher gedacht. Im neuen Humboldt-Forum ist aus nachvollziehbaren Gründen kein Platz dafür. Nun stehen Außen und Innen in einem Widerspruch. Das kann man schlimm finden. Man kann aber auch sagen: Es ist eine Chance.

Eine Chance wofür?

Zur Auseinandersetzung mit dem Thema Religion. Das Humboldt-Forum soll ein Museum der Kulturen der Welt sein, also auch der Religionskulturen. Für Deutschland und Europa gehört das Christentum da mit dazu.

Aber dann müssten konsequenterweise auch andere Religionen vertreten sein. Das Judentum beispielsweise.

Ja, selbstverständlich. (...) Was mich am Humboldt Forum interessieren würde, wäre, wie es dort gelingt, nicht nur unterschiedliche Kulturen, sondern eben auch das Thema Religionen zu präsentieren. Wie kommt der Islam darin vor, das Judentum, viele nicht-schriftliche Religionskulturen aus anderen Weltteilen, aber auch das Christentum?

Nach außen hin ist nun aber nur das Christentum vertreten. Durch das Kreuz und durch den Spruch, den der alte Hausherr König Friedrich Wilhelm IV. hat anbringen lassen und in dem es u.a. heißt, dass im Namen Jesu "sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind". Passt das zu unserer Zeit?

Natürlich nicht. Aber es kann interessant sein, in die Bibel zu gucken. Dann wird man feststellen, dass der gute alte Friedrich Wilhelm als Ausweis seines Gottesgnadentums Stellen zitiert, die eigentlich herrschaftskritisch sind. Subversive Verse, einmal gesprochen von Petrus in einer Bedrohungssituation: Petrus steht als einfacher, ungebildeter Vertreter einer kleinen Sekte vor dem Hohen Rat und beschwört Christus. Außerdem verweist der Spruch auf den Philipperbrief, auf die eigentlich verrückte Aussage, dass alle Welt die Knie beugen solle vor Christus und nicht, wie es damals tatsächlich geschah, vor dem Kaiser. Aber biblische Texte verändern sich, je nachdem wie man sie liest. Der König hat sie reaktionär verstanden. Wir sind frei, uns einen eigenen Vers darauf zu machen.

Aber hätte man vielleicht auf den Spruch verzichten sollen?

Ich meine, man muss sich nicht furchtbar darüber aufregen. Erstens steht ja keine Zwangsmissionierung Berlins bevor und zweitens wird man diesen Spruch von unten kaum lesen können. Es handelt sich dabei um ein historisches Zitat, das mitsamt dem historischen Gebäude rekonstruiert wurde. Wenn man sich für solch eine historische Rekonstruktion entscheidet, kommen unweigerlich Themen auf den Tisch, die zu einer Debatte führen. Und ein maßvoller Streit über Kreuz und Inschrift auf der Kuppel über dem Schloss, das nun das Humboldt-Forum beherbergt, kann interessant sein. Aus solchen Widersprüchen ist unsere Geschichte nun mal gewoben.

Weil Sie das Missionswerk ansprechen: Das passierte in einer Zeit, in der auch Deutschland Kolonien hatte. Mit den außereuropäischen Sammlungen, die ins Humboldt-Forum kommen, wird genau diese koloniale Thematik, die im Westen immer mehr ins Bewusstsein rückt, aufgegriffen. Welche Rolle spielte aus Ihrer Sicht das Christentum, wurde es nicht für die Kolonialisierung missbraucht?

Einerseits war die Mission ein Teil der kolonialen Politik, andererseits aber auch ein Gegenpart. Ich vertrete die These, dass die evangelischen und katholischen Missionsgesellschaften eine Vorform der heutigen NGOs, also wie Nichtregierungsorganisationen waren. Da beißt sich ganz viel. Eigentlich kann man sich im Humboldt-Forum nur darüber freuen, dass auch die Debatte um Postkolonialismus und Mission jetzt richtig hochkocht. Das Thema ist dran. Und es wird nur zum Thema, indem der Widerspruch auch sichtbar wird. Und wo würde der Widerspruch sichtbarer als in diesem Schloss, Nicht-Schloss.

Das Gespräch führte Vladimir Balzer für MDR KULTUR.

Stichwort: Humboldt-Forum Mit der Montage der Kuppellaterne ist der 2002 vom Bundestag beschlossene Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses weitgehend abgeschlossen. Abhängig von den Windverhältnissen soll die 17,4 Tonnen schwere und zwölf Meter hohe
Laterne samt Kreuz am Freitag vor Pfingsten mit einem Spezialkran auf die Kuppel in rund 60 Meter Höhe gehoben werden.

Das inzwischen rund 644 Millionen Euro teure Humboldt-Forum im wiederaufgebauten Stadtschloss sollte ursprünglich von September an schrittweise öffnen. Wegen der Corona-Pandemie ist der Termin aber erneut verschoben worden.

Das Humboldt-Forum soll künftig u.a. das Ethnologische Museum, das Museum für Asiatische Kunst, die Berlin-Ausstellung und das Humboldt-Lab beheimaten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Mai 2020 | 07:40 Uhr