"Konzerte für vorbeifahrende Züge" Außergewöhnliches Konzertexperiment zwischen Weimar und Jena

Mareike Wiemann
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

Zugreisende in Thüringen können am Samstag in einen ganz besonderen Genuss kommen: Zwischen Weimar und Jena wird im Beethovenjahr die "Ode an die Freude" entlang des Bahndamms inszeniert. Rund 200 Menschen sind beteiligt, mit Chören, Bands oder als Einzelpersonen. Dahinter steckt ein riesiger logistischer Aufwand.

Prof. Jörn Hintzer vor einem Zug
Medienkünstler Jörn Hintzer hat sich bereits 2017 mit vorbeifahrenden Zügen beschäftigt: Während des Weimarer Kunstfests organisierte er damals das Theaterprojekt "Bewegtes Land" entlang der Strecke Jena-Paradies – Naumburg. Bildrechte: imago/Steve Bauerschmidt

Eine Chorprobe in der Uni Weimar: Der Foxy Chor, ein Laienchor mit Vorliebe für außergewöhnliche Projekte, übt seinen Part beim "Konzert für vorbeifahrende Züge". Es sind nur wenige Sekunden aus Beethovens "Ode an die Freude", die der Chor bei diesem besonderen Konzert vierstimmig zum besten geben will – aber die müssen so richtig gut sitzen.

Auch insgesamt wird dieses Konzert ein kurzes Vergnügen sein, es wird nur einen Teil der Zugstrecke abdecken und gerade mal eine bis anderthalb Minuten für die Zugreisenden dauern. Diese bekämen vor der Abfahrt ein Radio ausgehändigt, mit dem sie das Musiksignal empfangen könnten, erklärt Jörn Hintzer. Er ist Professor für Crossmediales Bewegtbild an der Uni Weimar und hat das Konzertprojekt entwickelt: "Die Leute fahren zehn Minuten, bis in Mellingen unser Servicepersonal sagt – 'Sie können Ihr Radio jetzt anschalten.' Dann rauscht es aus 40, 50 Radios. Und man hört einen Knaben singen, und sieht ihn ganz kurz. Dann sieht man nacheinander Frauen, die Trompeten, den Foxy Chor und viele weitere Leute!"

Alles muss aufeinander abgestimmt sein

Hintzer bekommt geradezu leuchtende Augen, wenn er von diesem Projekt spricht. Klar, denn solch ein Konzert hat es noch nie gegeben. Hinter der rasend schnell vorbei fliegenden Inszenierung steckt ein enormer logistischer Aufwand: Rund 200 Musikerinnen und Musiker aus der Region nehmen an der Inszenierung teil, mit Chören, Bands oder als Einzelpersonen. Sie alle müssen während der Aufführung miteinander verkabelt sein, müssen im gleichen Takt sein – und werden dann über ein zentrales Mischpult in das Radiosignal eingespeist, immer dann, wenn sie auch vom Zug aus zu sehen sind.

Fotomontage - Verschiedene Gesichter auf Körpern in unterschiedlichen Haltungen.
Wird an der Bahntrasse singen: der Foxy Chor aus Weimar. Bildrechte: Katrin Steiger

Am Mischpult wird Dirigent Martin Dendievel stehen. Er hat die "Ode an die Freude" für das Zugkonzert arrangiert, und leitet es nun musikalisch: "Mir war es wichtig, dass man das Visuelle auch in die Musik mit einbezieht. Wenn man von Jena nach Weimar fährt, dann fährt man erst mal am Wald vorbei, da gibt es nicht so eine weite Sichtlinie. Dann aber öffnet sich das, es kommen einige Äcker. Und dann schließt sich das wieder. Und diese Idee, dass man mit wenigen Musikern anfängt und dann größer wird, je weiter man sehen kann, und wieder zurück geht, das war dann ziemlich schnell da als Grundkonzept." Der Text der "Ode an die Freude" werde bei diesem Konzert allerdings nicht zu hören sein. Der Unterschied zwischen musikalischen und Gesangspassagen sei sonst zu groß, so Dendievel.

Was tun, wenn der Zug zu spät kommt?

Dendievel und alle anderen Beteiligten betreten mit dem Konzert für vorbeifahrende Züge Neuland. Ob alles klappt, wird erst bei der Premiere feststehen, denn vorher gibt es keinen kompletten Durchlauf vor Ort. Laut Jakob Hüfner, der sich mit Jörn Hintzer die Professur teilt und das Projekt mit ihm entwickelt hat, hat das Team es hier mit einigen Variablen tun: "Vor allem gibt es natürlich die Unwägbarkeit der Deutschen Bahn, bzw. der Erfurter Bahn. Wir gehen davon aus, dass sie die gleiche Geschwindigkeit fahren. Aber es kann dennoch sein, dass sie um fünf Kilometer pro Stunde abweichen – und dann atmet diese Inszenierung!"

Hüfner glaubt dennoch: Am Ende wird ein in sich geschlossenes Musikstück stehen. Nun hoffen er und seine Mitstreiter nur noch auf gutes Wetter. Die Ode an die Freude macht einfach viel mehr Freude, wenn auf diesen "längsten Orchestergraben der Welt", so die Selbstbeschreibung, die Sonne scheint ...

Informationen zu den Konzerten Die "Konzerte für vorbeifahrende Züge", finden am Samstag, den 7. März, mehrmals entlang der Bahnstrecke zwischen Weimar und Jena statt. Wenn Sie eine Aufführung erleben wollen, sollten Sie zwischen 13 und 16 Uhr in einen der Regionalzüge steigen. Ein Extra Ticket brauchen sie nicht, der ganz normale Fahrschein für den Zug reicht aus.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. März 2020 | 07:15 Uhr