Klassikerlesung | 02.06. – 30.06.2020 Johann Gottlieb Schummel: Die Revolution in Scheppenstadt

Johann Gottlieb Schummel (1748-1813) war ein angesehener Pädagoge und Autor der Aufklärungszeit. Er verfasste Romane, Lustspiele und Reiseberichte. Bekannt wurde er durch seinen komischen Roman "Spitzbart". In dieser Klassikerlesung senden wir sein 1794 erschienenes Werk "Die Revolution in Scheppenstadt", eine Satire auf die Bewunderer der Französischen Revolution. Es liest Helmut Wöstmann.

Das Volk tanzt um die Flagge "Vive la Liberte", Anonymer Stich, um 1790
Das Volk tanzt um die Flagge mit der Aufschrift "Vive la liberté". Bildrechte: imago images/KHARBINE-TAPABOR

Eine deutsche Revolution im Jahre 1793? Wo sollte die sich zugetragen haben? Nun, in Scheppenstadt, einer fiktiven deutschen Provinzstadt. Angesteckt vom französischen Freiheitsfieber, proben die Narren den Aufstand. Davon erzählt Johann Gottlieb Schummel in seinem 1794 erschienenen Roman.

Der Ruf nach Freiheit erschallt

An der Spitze der revolutionären Bewegung von Scheppenstadt steht der betuchte Gastwirt Springer, der ausruft: "Juchhey! Nun ist es Zeit das Eisen zu schmieden, weil‘s warm ist! Ein Hundsfott, der mir nicht nachruft: Es lebe die Freyheit, es lebe die Gleichheit!"

Zum Zeichen seiner Rebellion läuft Springer zum Rathaus, um vor Bürgermeister Lemmchen recht absichtlich den Hut nicht zu ziehen. Ein Skandal. Das seien die Folgen der gottlosen Aufklärung, schimpft der alte Herr Bürgermeister erzürnt. Zur Strafe muss Springer ins Gefängnis.

Der Herzog, dem die Sache berichtet wird, schreibt gut gelaunt und in weiser Voraussicht aus Frankreich: Statt die Revolution im Keim zu ersticken, möge man die Scheppenstädter ruhig ihr Freiheits- und Gleichheitsspiel treiben lassen, damit seine Untertanen und das ganze Deutschland sich darin spiegelte.

Ein Städtchen im Freiheitstaumel

Springer wird wieder auf freien Fuß gesetzt. Der revolutionäre Taumel ergreift einen Großteil der Stadt, die Bürger stecken sich bunte Kocarden an und ziehen lärmend durch die Straßen. Schulen und Kirchen stehen leer, Handwerk und Industrie kommen zum Erliegen. Springer errichtet einen Club, lässt sich zum Präsidenten wählen und hält Reden über Freiheit und Volkssouveränität.

Nach einer Gegenrede des klugen Syndikus‘ Smits, wendet sich ein Großteil der Bürger von Springer ab. Da taucht Ritter Roland auf und verleiht der Idee von Freiheit und Gleichheit neuen Schwung. Die Ratsherren legen ihre Ämter nieder und unter Jubelgeschrei wird der Freiheitsbaum errichtet. Da ahnen die Scheppenstädter noch nicht, dass sich mit Ritter Roland ein Betrüger an die Spitze ihrer Revolution gesetzt hat.

Anarchie und Chaos verbreiten sich im Städtchen. Es herrschen Misstrauen, Machtgier und Unmoral. Doch dem weisen Syndikus Smits gelingt es, eine Katastrophe ohne Blutvergießen zu verhindern. Ruhe und Ordnung werden wiederhergestellt und die Rädelsführer bestraft. Der Freiheitsbaum aber wird als beständiges Denkmal nebst einer Tafel mit folgender Inschrift am Scheppenstädter Rathaus angebracht:

Angesteckt vom französischen Freyheitsschwindel
Errichteten eitle und verführte Bürger diesen Freyheitsbaum;
Benetzt mit den Thränen ihrer innigsten Reue,
Weil sie statt Glückseligkeit Elend und Sclaverey fanden,
Ward er von seiner Stelle zum ewigen Andenken hierher versetzt!

Johann Gottlieb Schummel Die Revolution in Scheppenstadt

Johann Gottlieb Schummels "Die Revolution in Scheppenstadt" ist eine Satire auf die deutschen Bewunderer der französischen Revolution (1789-1799) und folgt damit dem Geist von Goethes "Bürgergeneral", wobei Schummels Biograph Wolfgang Menzel dem Buch unendlich viel mehr Witz bescheinigt als Goethe. In volksaufklärerischer Absicht zeichnet Schummel in seinem anonym veröffentlichten Pamphlet das Zerrbild einer deutschen Nachahmung der Französischen Revolution.

Der Autor Johann Gottlieb Schummel

Johann Gottlieb Schummel wurde am 8. Mai 1748 in Seitendorf bei Hirschberg als Sohn eines Schullehrers geboren. Er verlor früh seine Mutter und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf.

Um 1767 begann er seine Studien an der Universität in Halle an der Saale. Danach war er zunächst als Hauslehrer in Aken tätig und ab 1772 als Lehrer an der Klosterschule "Unserer Lieben Frauen" in Magdeburg. In dieser Zeit entfaltete er vielseitige literarische Aktivitäten. Sein in Anlehnung an Laurence Stern verfasstes Erstlingswerk "Empfindsame Reisen durch Deutschland" (1771-72) bezeichnete Goethe in einer vernichtenden Kritik als "Makulaturbogen".

1779 wurde Schummel, protegiert vom preußischen Unterrichtsminister von Zedlitz, als Professor der Geschichte an die Ritterakademie nach Liegnitz berufen. 1788 wurde er Prorektor und später Rektor am Elisabethgymnasium in Breslau, an dem er 25 Jahre lang in hohem Ansehen wirkte.

Er starb am 23. Dezember 1813 in Breslau. Schummels satirischer Roman "Spitzbart" (1779), eine Persiflage auf die hochfliegenden pädagogischen Ideen seiner Zeit, wurde vom Fernsehen der DDR 1989 unter dem Titel "Schulmeister Spitzbart" von Wolfgang Hübner mit Dietrich Körner, Otto Mellies u.a. verfilmt.

Der Sprecher Helmut Wöstmann

Helmut Wöstmann wurde 1931 in Osnabrück geboren. Nach seiner Schauspielausbildung gab er hier 1953 sein Theaterdebüt. Es folgten Engagements in Erfurt, Bonn, Saarbrücken und Darmstadt. Danach arbeitete er freischaffend, war für den Hörfunk und seit Mitte der 1960er-Jahre zunehmend fürs Fernsehen tätig. Außerdem machte er sich einen Namen als Hörbuchsprecher und als Off-Sprecher von Dokumentarfilmen, darunter "Menschen und Straßen: Alaskas Dalton Highway" (2006), "Izbica -- Drehkreuz des Todes" (2007) und "Hunger" (2009).

Angaben zur Sendung MDR KULTUR-Klassikerlesung
Die Revolution in Scheppenstadt (21 Folgen)
Von Johann Gottlieb Schummel

Sprecher: Helmut Wöstmann
Regie: Horst H. Vollmer
Produktion: hr 1989

Sendung: 02.06. – 30.06.2020 | Mo-Fr | jeweils 15:10 Uhr

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