Musik, Podiumsdiskussion und Ausstellungseröffnung Alte Synagoge Erfurt: Museum wird zehn Jahre alt

Mareike Wiemann
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

In den 90er-Jahren staunten viele Erfurter nicht schlecht: Damals wurde klar, dass sich mitten im Stadtzentrum, gut versteckt zwischen anderen Gebäuden, ein Synagogenbau aus dem Mittelalter befand. Nach einem Pogrom im Jahr 1349 wurde die Synagoge einst zum Lagerhaus umgebaut, viel später als Gaststätte genutzt – und überstand so die Jahrhunderte und vor allem die Nazi-Zeit vergleichsweise gut. Seit genau zehn Jahren ist die Synagoge als Museum der Öffentlichkeit zugänglich - und das wird nun groß gefeiert.

Die Außenfassade der alten Synagoge in Erfurt.
Die Westfassade der Alten Synagoge Erfurt - weil sie viele Jahre lang zugebaut war, ist sie sehr gut erhalten. Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt; V. Gürtler

Es ist ein Programm für Nachtschwärmer, dass Museumskuratorin Maria Stürzebecher zum zehnjährigen Jubiläum zusammengestellt hat: Am Samstagabend beginnen die Feierlichkeiten um 18 Uhr, und enden erst am Sonntag Vormittag um 11 Uhr. "Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht – denn am eigentlichen Jubiläumstag, dem Sonntag, findet ja die Landtagswahl statt. Da hätten vermutlich weder Politiker noch Pressevertreter Zeit gehabt, zu uns zu kommen", so Stürzebecher. Für Samstagabend aber hat sie nun sowohl den Ministerpräsidenten Bodo Ramelow als auch den Vorsitzenden der Jüdischen Landesgemeinde, Reinhard Schramm, für einen Festakt gewinnen können. Beide nehmen außerdem an einer Podiumsdiskussion teil, in der es um die Zukunft des Judentums in Deutschland geht.

Mittelalterliche Klänge

Alte Synagoge Erfurt - Perspektiven Hallo, bitte Bilder einstellen: 1. Quelle: Maria Stürzebecher, Rechte: Ulrich Kneise 2. Quelle: Maria Stürzebecher, Rechte: Marcel Krummrich    Danke, Mareike 1093
Dieses Bild von Marcel Krummrich zeigt das Glanzstück des Erfurter Schatzes: den Hochzeitsring. Bildrechte: Marcel Krummrich

Im Anschluss steigt die Party: Laut Programm wird es zunächst "Jewish Dancefloor um 1300" zu hören geben, also Musik, die zu der Zeit gespielt wurde, als die Synagoge in Erfurt auch als solche genutzt wurde. Die Musik des Ensembles Recercada stammt allerdings nicht aus dem hiesigen Kulturraum, sondern aus Spanien. Zudem wird die neue Sonderausstellung des Museums eröffnet: In der Fotoausstellung "Die Alte Synagoge Erfurt – Perspektiven" haben die Thüringer Fotografen Ulrich Kneise und Marcel Krummrich das Gebäude auf sehr unterschiedliche Art und Weise in Szene gesetzt: "Während Ulrich Kneise eher zurückhaltend in schwarz/weiß sehr objektbezogen fotografiert, ist Marcel Krummrich jemand, der mit Licht inszeniert und relativ theatralische Fotos schafft", erklärt Maria Stürzebecher. Begleitend zur Ausstellung werden die Bilder in einem gleichnamigen Buch veröffentlicht.

Besucherzahlen sind zuletzt angestiegen

Für Museumskuratorin Stürzebecher gibt es Anlass genug zu feiern: Denn seitdem das Haus eigene Sonderausstellungen anbietet, hat es sich zum bestbesuchten Museum der Stadt Erfurt entwickelt. Dies sei besonders viel wert vor dem Hintergrund, dass die Alte Synagoge kein "Wohlfühlmuseum" sei. Stürzebecher spielt auf den Pogrom von 1349 an, durch den das Gebäude, verschiedene jahrhundertealte Schriftstücke und auch der Erfurter Schatz paradoxerweise erhalten geblieben sind: "Das Besondere an diesem Museum ist, dass keine Ausstellungsobjekte über den Kunstmarkt hierher zu uns gekommen sind - sondern dass sie direkt aus der Stadt stammen", betont Kuratorin. Sie erlebe deswegen immer wieder, dass Museumsbesucher aus Erfurt eine starke Bindung zum Haus hätten.

Bald Unesco-Weltkulturerbe?

Nach den Jubiläumsfeierlichkeiten wird Stürzebecher wohl keine Zeit zum Ausruhen bleiben, denn die Stadt Erfurt will mit seinen Zeugnissen jüdischen Lebens – also mit Mikwe, Steinernem Haus und der Alten Synagoge – bald Unesco-Weltkulturerbe werden. Die Antragschreibung laufe auf Hochtouren, sagt Maria Stürzebecher. Man sei im Zeitplan und könne hoffentlich im Februar 2021 alles fristgerecht einreichen. Glücklicherweise wird sich die zuletzt angespannte Personalsituation im Museum bald verbessern: Ab Februar kommenden Jahres wird eine Netzkoordinatorin (gleichbedeutund mit einer Museumsleitung, die es derzeit nicht gibt) die Geschicke der Alten Synagoge in die Hand nehmen und das Museum ins nächste Jahrzehnt führen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. Oktober 2019 | 07:40 Uhr

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