Vor dem 3. Eisenacher Slammerkrieg Wieso Thüringens Poetry-Slam-Szene so erfolgreich ist

Zum dritten Mal wird am 30.12. im Landestheater Eisenach der große "Slammerkrieg" ausgetragen. In den vergangenen beiden Jahren war das Haus immer komplett ausverkauft, heute dürfte das wohl nicht anders werden. Denn die Thüringer Poetry-Slam-Szene steht gerade ziemlich gut da: Sowohl der aktuelle Deutsche Meister im Poetry Slam, als auch einer der U20-Meister kommen aus dem Freistaat. Mareike Wiemann hat die beiden auf einen Kaffee getroffen.

Die Poetry-Slammer Friedrich Herrmann und Levin Simmet
Die Poetry-Slammer Friedrich Herrmann und Levin Simmet im Franz Mehlhose. Bildrechte: Mareike Wiemann/MDR

Eine gemütliche Bar unweit des Erfurter Hauptbahnhofs: Im Franz Mehlhose hängen Trompeten von der Decke, die Wände zieren schwarz-goldene Tapeten, in einem Nebenzimmer versteckt sich hinter einem roten Vorhang ein kleine Bühne. Für Friedrich Herrmann ist dieser Ort eine Art zweites Wohnzimmer, schließlich organisiert er hier einen monatlichen Poetry Slam und steht dabei auch oft selbst auf der Bühne. Gemeinsam mit Levin Simmet sitzt er nun an einem Tisch - sie kennen sich gut, schließlich ist die hiesige Szene überaschaubar.

Von Bühne zu Bühne

Herrmann ist gerade erst aus Hannover gekommen, wo er in der Staatsoper vor 1.200 Leuten aufgetreten ist. Es läuft gut für ihn derzeit, richtig gut. Ende Oktober wurde er in Berlin zum deutschen Meister im Poetry Slam gekürt, für seine Ballade "Der kleine Junge mit den Schwefelhölzern", in der ein Kind die Besitztümer seiner reichen Eltern verbrennt. Mit der wütenden und gleichzeitig nachdenklichen Konsumkritik gewann der 30-jährige das Publikum für sich - und verhalf damit der Thüringer Slam-Szene zu mehr Bekanntheit.

Herrmann führt den Sieg auch auf die gute lokale Vernetzung zurück. Man kenne sich, lerne voneinander. Und habe aufgrund der überschaubaren Größe schnell die Chance, an den wichtigen Wettbewerben teilzunehmen. Vor allem der Slammer Andreas In der Au habe hier viel aufgebaut, sagt er. "Ich konnte dieses Netzwerk dann ausbauen, und seitdem sind ganz wunderbare Leute hier auf die Bühne gekommen."

Der Weg nach oben

Einer von diesen Leuten ist Levin Simmet, der nun ebenfalls im Franz Mehlhose an seinem Kaffee nippt. Er ist erst seit zwei Jahren Teil der Szene - und wurde 2019 bereits zum U20-Meister gekürt. Simmet geht nun seine ersten Schritte als Berufs-Slammer: "Ich bin Student, und beziehe eigentlich Bafög. Durch die Irrwege der Bürokratie habe ich die letzten drei Monate keines bekommnen und war plötzlich in der Situation, dass ich außer 200 Euro Kindergeld im Monat mit nichts dastand. Ich war selber überrascht, dass die Auftritte, die ich hatte, ausgereicht haben, um mir die Miete und alles, was man so braucht im Monat, zu bezahlen."

Raus aus der Schmuddelecke

Mit Poesie auf der Bühne Geld verdienen - ein Traum für den mittlerweile 21-jährigen. Dass er als Poetry-Slammer von der klassischen Literaturszene manchmal etwas schief angeschaut wird, stört ihn nicht: "Mein Arbeitgeber hat mir irgendwann mal ein Kalenderblatt von seinem Toilettenkalender geschenkt, wo drauf stand - 'Poetry Slam, ist das nicht die Paralympcis der Literatur?' - Ich verwende deswegen ganz gerne den Begriff 'Bühnenautor', wenn ich anderen erzählen muss, was ich mache."

Friedrich Herrmann sagt, er verorte die Slam-Szene vielmehr im Kabarett- und Comedy-Bereich. Hierfür sei sie eine Art Kaderschmiede: "Wenn man sich so anschaut, wer in Richtung Comedy oder Richtung Kabarett abwandert, dann sind das meistens diejenigen, die später für Furore sorgen." Felix Lobrecht sei im Comedybereich ein gutes Beispiel, Hazel Brugger im Kabarettbereich. Oder Marc-Uwe Kling, Bodo Wartke und Nico Semsrott. "Manche fragt sich dann - okay, wo kommt dieser Erfolg her? - Das kommt daher, dass sie viel aufgetreten sind, gut vernetzt sind. Und auch Sachen machen, die dem Publikum sehr gut gefallen."

Auf nach Österreich

Beim Eisenacher Slammerkrieg wird Herrmann in diesem Jahr nicht dabei sein - das Schauspielhaus Graz erwartet ihn, als Teil der Bestenliste im deutschsprachigen Poetry Slam. Levin Simmet dagegen ist vor Ort - und greift sich vielleicht die den Hauptpreis, die Goldene Feder ...

Informationen zur Veranstaltung 3. Eisenacher Slammerkrieg
Landestheater Eisenach
30.12.2019, 19.30 Uhr

Karten sind an der Abendkasse erhältlich.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Dezember 2019 | 07:10 Uhr