200. Geburtstag des Dichters Wo man Fontane noch begegnen kann

Am 30. Dezember jährt sich Theodor Fontanes Geburtstag zum 200. Mal. Der Dichter ist unter anderem berühmt für seine Reiseberichte. Seine vielen Wanderungen führten ihn auch durch Sachsen-Anhalt und Sachsen. Noch heute kann man an authentischen Fontane-Orten seine Spuren verfolgen, etwa im Harz, in der Altmark oder in Leipzig. Ein Überblick.

Urlaub im Harz

Regelmäßig im Frühjahr zieht sich Theodor Fontane in den Harz zurück, zum Schreiben und zur Erholung. So auch zu Himmelfahrt 1868, als er sich im Hotel "Zehnpfund" in Thale aufhält – "wohlweislich zu einer Zeit, wo der Berliner diese Gegenden noch nicht unsicher macht und seine Butterstullen-Papiere noch nicht in den Bodekessel wirft", wie er schreibt.

Hotel Zehnpfund in Thale
Das Hotel Zehnpfund in Thale in einer Aufnahme von 2015. Das Gebäude steht seit langem leer. Bildrechte: imago images / imagebroker

Fontane beschreibt den beginnenden Massentourismus und stellt dabei literarische Beobachtungen an. Mit schriftstellerischem Blick für das Charakteristische und feinem Humor ordnet er die Touristen, die er vom Hotel "Zehnpfund" aus beobachtet, Kategorien zu. Er schreibt seiner Frau: "Da waren zuerst die 'Kraftmeier'. Sie würdigten das Hotel, als einer Stätte der Verwöhnung, keines Blicks und nahmen die Roßtrappe sofort im Sturm."

Es folgen die "Renommisten", die sich mit der Karte in der Hand sofort zu Reiseleitern aufschwingen und die "Elegants", die hauptsächlich der Konversation mit den Damen wegen hier sind.

Eine vierte Gruppe waren die Dicken. Kurzbeinig, kurzhalsig, apoplektisch, rot und schweißtriefend erzählten sie von Touren, die sie vorhätten, dass einem trotz der Hitze ganz kalt wurde.

Theodor Fontane

Im Hotel Zehnpfund sitzend, sah Fontane auch eine Frau, die zur Vorlage seiner wohl berühmtesten Romanfigur wurden - die Rede ist von Effi Briest:

Ich saß im Zehnpfund-Hotel und sah nach der Rosstrappe hinauf, als ein englisches Geschwisterpaar […] hinaustrat. Das Mädchen war genauso gekleidet, wie ich Effi geschildert habe: Hänger, blau und weiß gestreifter Kattun, Ledergürtel und Matrosenkragen. Ich glaube, dass ich für meine Heldin keine bessere Erscheinung finden konnte.

Theodor Fontane

Als Apotheker in Leipzig

Lesung in der historischen Adler Apotheke in Leipzig
Die Adler-Apotheke in Leipzig existiert noch - und dient auch heute noch manchmal als Ort der Literatur, wie hier bei einer Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse 2016. Bildrechte: dpa

Auch in Leipzig gibt es noch einen authentischen Fontane-Ort: Die Adler-Apotheke in der Hainstraße. Hier arbeitet der junge Fontane 1841/42 für ein knappes Jahr als Apothekergeselle. Und er trifft Doktoren und andere gebildete Leute, die in die Apotheke kommen, um Zeitung zu lesen oder über Gott, die Welt und Literatur schwatzen.

So knüpft Fontane mit Anfang 20 erste literarische Kontakte und verfasst einige Gedichte – ohne große Resonanz. Und er tut das, wofür er später ebenfalls berühmt wird: Er wandert – durchs Leipziger Rosental und über die Schlachtfelder der Völkerschlacht. Auch das ist eine Passion, die er von hier mitnimmt.

Fontane und die Frauen in Dresden

Der deutsche Schriftsteller und Verfasser Theodor Fontane
Theodor Fontane Bildrechte: dpa

Nach dem Ende seiner Apothekerzeit in Leipzig wechselt Fontane im Sommer 1842 an die Salomonis-Apotheke von Gustav Struve nach Dresden. Literarisch bedeutendes hat er in dem knappen Dresdener Jahr nicht vollbracht, trotzdem ist es ein wichtiges Jahr für ihn - wegen der Dresdnerinnen. "Diese Leere, die mich so häufig beschleicht ... sie wird nicht eher enden als bis ich die Unbekannte, die Namenlose gefunden habe, die mich mit Sehnsucht erfüllt, nach der mein Herz in unglücklicher Liebe schmachtet", schreibt er an den Autor Wilhelm Wolfsohn.

Der macht Fontane mit Sophie Melgunow bekannt, der Frau eines adligen russischen Schriftstellers, die allerdings unter ihrer Ehe leidet. Seither rätselt die Fontane-Forschung: War da was zwischen den beiden? Denn später berichtet Fontane in einem Brief an einen Freund, er sei "zum zweiten Male unglückseliger Vater eines illegitimen Sprößlings" geworden. Doch über die Mutter (oder die Mütter) schreibt er nichts.

Gruselige Spurensuche in der Altmark

Die Kirche in Wust, 1995
Die Dorfkirche Wust in einer Aufnahme von 1995 Bildrechte: dpa

1867 ist Fontane unterwegs im Havelland. Er besucht auch das Dörfchen Wust bei Stendal, den Sitz der Familie von Katte. Über die hatte er früher schon geschrieben: Gut 130 Jahre zuvor war Hans Hermann Katte auf Befehl des preußischen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. hingerichtet. Er hatte dem Kronprinzen bei der Flucht vor dem eigenen Vater geholfen. 1867 besucht Fontane also das Geburtshaus des Hingerichteten und anschließend zu der Gruft, in der er dessen sterbliche Überreste anschauen kann.

Es war ein Bild, das ich mein Lebtag nicht vergessen werde. Die Kerzen warfen helle Streifen durch das Dunkel, und von der Decke herab wehte es in langen, grauen Fahnen. Stein- und Eichensärge ringsum.

Theodor Fontane
 Blick in die Gruft des Adelgeschlechts von Katte, die sich neben der Kirche der Altmarkgemeinde Wust befindet
Blick in die Katte-Gruft in der Dorfkirche Wust Bildrechte: dpa

Die Beschreibung der finsteren Gruft, der Blick in den offenen Sarg mit den halb vermoderten Knochen. In den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" verknüpft Fontane Elemente einer guten Schauergeschichte mit geschichtsphilosophischen Betrachtungen über den Umgang mit historischen Zeugnissen. Beim Publikum hat genau diese fontanische Mischung aus Faktischem und Literarischem riesigen Erfolg – bis heute.

Inspiration in Tangermünde

Im Herbst 1859 stößt Fontane bei seinen "Wanderungen durch die Mark" auf den Stoff für eine historische Novelle: Den Fall der Margarethe von Minden. Die verstoßene Tochter einer angesehenen Tangermünder Familie wurde 1617 auf dem Scheiterhaufen qualvoll getötet, weil sie ihre Heimatstadt angezündet haben soll.

150 Jahre später findet Fontane in Tangermünde noch Spuren des Brandes, klettert auf der Stadtmauer herum und auf Kirchtürmen und macht sich zu allem eifrig Notizen. Daraus wird die Novelle "Grete Minde". Sie ist eine jener Fontaneschen Frauenfiguren, die an starren Konventionen, kaltem Dogmatismus und der Ungerechtigkeit ihrer Mitmenschen zugrunde gehen. Heute steht Grete Minde in Form einer Bronzefigur vor dem historischen Rathaus in Tangermünde.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Dezember 2019 | 08:10 Uhr

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