In der Alten Synagoge Forscherin lüftet Rätsel um Erfurter Schatz

Mareike Wiemann
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

1998 wurde in Erfurt ein einzigartiger mittelalterlicher Schatz gefunden, der einst von einem jüdischen Kaufmann vergraben worden war. Noch immer ist bei einigen Objekten nicht klar, wozu sie einmal dienten. Eine Forscherin aus Israel konnte bei einem silbernen Schlüssel nun aber Licht ins Dunkel bringen.

Drei Frauen betrachten einen Schlüssel
Historikerin Merav Schnitzer (rechts) begutachtet den Schlüssel gemeinsam mit Karin Sczech (links, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie) und Claudia Bergmann (Universität Erfurt). Bildrechte: Maria Stürzebecher

Da liegt er, in einer Vitrine im Untergeschoss der Alten Synagoge in Erfurt: Ein robuster, mehrere Zentimeter großer Schlüssel aus Silber mit einem Vierkant daran. Bislang trug er – wie so manch weiteres Objekt des Erfurter Schatzes – ein Geheimnis in sich: Wofür wurde er einst genutzt? Und stammte er wirklich von einer jüdischen Familie? Maria Stürzebecher, Beauftragte der Stadt Erfurt für das Unesco-Welterbe sagt, es habe sie immer gewundert, dass der Schlüssel aus Silber gewesen sei. Denn das Metall sei zu weich, um etwa regelmäßig ein Eisenschloss umzudrehen.

Schlüssel aus dem Erfurter Schatz
Der Erfurter Schatz wurde 1998 zufällig bei Bauarbeiten gefunden. Bildrechte: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie

Stürzebecher wollte mehr wissen und kontaktierte Merav Schnitzer, eine Historikerin aus Tel Aviv. Diese hatte bereits einen Schlüssel aus dem mittelalterlichen Schatz von Colmar untersucht, mit verblüffendem Ergebnis: Schnitzer hatte heraus gefunden, dass dieser Schlüssel versilbert worden war, weil er nur dann auch am heiligen Schabbat – eben als Schmuckstück – aus dem Haus mitgenommen werden durfte. Über einen Umweg konnten die jüdischen Frauen des Mittelalters also die so wichtigen Haustürschlüssel mitnehmen, während sie in der Synagoge waren.

Musik in der Synagoge

Schnitzer vermutete, dass auch in Erfurt die Versilberung des Schlüssels diesen Zweck haben könnte. Eine Annahme, die sich als richtig herausstellte, wie die Historikerin nun in der Alten Synagoge hervorhebt: "Das hier ist ein weiterer Schlüssel, der am Schabbat genutzt wurde. Von einer Frau, die ihn benutzte, um ihre Harfe zu stimmen!" Besonders sei dies, weil hochreligiöse Menschen heutzutage keine Musik mehr in Synagogen machten und am Schabbat grundsätzlich nicht musizierten: "Aber im Mittelalter spielte die jüdische Gemeinschaft Harfe und Violine, am Schabbat und auch in der Synagoge."

Frauen, die in der Synagoge am Schabbat musizieren – für Schnitzer zeigt der Schlüssel, wie emanzipiert Jüdinnen im 12. und 13. Jahrhundert waren. In Erfurt habe es damals eine Synagoge nur für Frauen gegeben, vermutlich habe die frühere Besitzerin des Schlüssels dort gespielt. Natürlich sei dies nicht hundertprozentig sicher, aber vieles deute darauf hin: "Vor einer Stunde erst haben wir einen starken Beweis aus dem 14. Jahrhundert gefunden: Im Chorgestühl des Erfurter Doms findet sich eine geschnitzte Skulptur von König David, der gerade seine Harfe stimmt. Und der Schlüssel, den er dafür nutzt, sieht genau so aus. Deswegen denke ich, dass wir dieses Puzzle zuende gebracht haben."

Mehr Aufmerksamkeit für positive Geschichtsaspekte

Merav Schnitzer
Merav Schnitzer forscht zu Schmuck und Kleidung christlicher und jüdischer Frauen im Mittelalter. Bildrechte: Mareike Wiemann/MDR

Maria Stürzebecher sieht das ähnlich. Für sie ist das langjährige Rätsel um den Schlüssel nun gelöst. Und auch eine weitere Diskussion rund um den Erfurter Schatz gehöre hoffentlich bald der Vergangenheit an: dass es sich beim Schatz eventuell gar nicht um das Privateigentum einer jüdischen Familie handele. "In der vorhergegangenen Forschung wurden Schatzfunde oder Wertgegenstände, die Juden zugeordnet wurden, immer als Pfände angesehen. Es hieß immer – 'Ein reicher Jude muss ein Pfandleiher gewesen sein, und die Objekte des Schatzes sind deswegen christliche Objekte, die nur aus Versehen beim Juden gelandet sind'. Dagegen habe ich immer argumentiert. Und jetzt habe ich ein kleines Puzzlestück mehr, dass diese argumentative Basis verstärkt."

Historikerin Merav Schnitzer zeigt sich sehr berührt von ihrem Forschungsergebnis: Es zeuge von einer prosperierenden jüdischen Gesellschaft in Erfurt, und schiebe so das Gedenken an den Pogrom Mitte des 14. Jahrhunderts etwas beiseite. "Wir hören die ganze Zeit immer nur von dem Tag, an dem hier alles zerstört wurde. Aber über Jahrhunderte spielten junge Frauen hier die Harfe in der Synagoge. Deswegen denke ich – dieser Schlüssel ist auch ein Schlüssel für eine positive Geschichte. Und wir sind hier, um diese Geschichte zu erzählen."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Februar 2020 | 08:45 Uhr