Trauer Dramatiker Rolf Hochhuth gestorben: "Mutiger Tabubrecher"

Rolf Hochhuth
Der Dramatiker Rolf Hochhuth (1931-2020). Bildrechte: dpa

Der Schriftsteller und Dramatiker Rolf Hochhuth ist tot. Er starb am Mittwoch im Alter von 89 Jahren in Berlin, wie der Rowohlt-Verlag am Donnerstag mitteilte. Der Zentralrat der Juden in Deutschland würdigte Hochhuth als "mutigen Tabubrecher". Sein Drama "Der Stellvertreter" gehöre längst zum Kanon der deutschen Literatur. Hochhuth habe damit die unrühmliche Rolle des Vatikans während des Nationalsozialismus beleuchtet und damit eine überfällige Debatte in Deutschland angestoßen. "So unverständlich es war, dass Rolf Hochhuth zwischenzeitlich mit dem Holocaust-Leugner David Irving sympathisierte, so bleiben seine Verdienste um die Auseinandersetzung mit der Verstrickung der gesellschaftlichen und kirchlichen Eliten in die Schoa ungeschmälert", erklärte der Präsident des Zentralrats, Josef Schuster. "Er sollte bis heute Schriftstellern als Vorbild dienen, um gesellschaftliche Missstände anzuprangern und sich für eine fortwährende Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit einzusetzen."

Rolf Hochhuth, 2009 9 min
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Dramatiker mit 89 Jahren gestorben Zum Tod von Rolf Hochhuth

Zum Tod von Rolf Hochhuth

Mit "Wessis in Weimar" und "Der Stellvertreter" hatte der Dramatiker für Furor gesorgt. War er mehr ein Aufreger als ein Dichter? Gespräch mit dem Theaterkritiker Michael Laages.

MDR KULTUR - Das Radio Do 14.05.2020 15:30Uhr 08:51 min

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Streitbarer Moralist

Dieter Borsche als Papst Pius XII. (M) während der Uraufführung des Stücks "Der Stellvertreter" von Rolf Hochhuth im Theater am Kursfürstendamm in Berlin
"Der Stellvertreter", Uraufführung in Berlin Bildrechte: dpa

Hochhuth wurde mit seinem Stück "Der Stellvertreter" 1963 schlagartig berühmt. Darin prangerte er das Schweigen des Papstes Pius XII. zum Holocaust an. Das Stück führte zum ersten westdeutschen Theaterskandal. Weitere sollten folgten. 1978 veröffentlichte Hochhuth seine Erzählung "Eine Liebe in Deutschland". Auch sie spielte in der NS-Zeit: Ein polnischer Zwangsarbeiter wird wegen einer Liebesbeziehung zu einer Deutschen hingerichtet, die schließlich im KZ Ravensbrück landet. Ein Vorabdruck der Erzählung in der "Zeit" führte zum Rücktritt des damaligen baden-württembergischen CDU-Ministerpräsidenten Hans Filbinger. Hochhuth bezeichnete ihn darin als "furchtbaren Juristen" und "Hitlers Marinerichter". Filbinger klagte gegen Hochhuth und verlor. In der Folge wurden mehrere Todesurteile bekannt, an denen Filbinger als NS-Marinerichter beteiligt war. Daraufhin distanzierte sich auch seine Partei, die CDU. Filbinger musste seine Ämter aufgeben. Auch im Stück "Juristen" klagte Hochhuth ehemalige Nazi-Richter wegen ihrer Vergangenheit an.

"Provozieren, um Erstarrungen zu lösen"

In der Menschenmenge vor dem Stadttheater in Basel wird 1963 ein Plakat mit der Aufschrift 'BRAVO HOCHHUTH FÜR IHRE ZIVILCORAGE' zu Gunsten der Theateraufführung von Rolf Hochhuths 'Der Stellvertreter' hochgehalten.
Demo pro Hochhuth vor dem Stadttheater Basel Bildrechte: dpa

Mit Vorliebe suchte sich Hochhuth historische Stoffe, um "durch Provokationen Erstarrungen zu lösen", wie der Dramatiker sein Motiv erklärte. So untersuchte er die Mitverantwortung des englischen Premiers Winston Churchill an den Luftangriffen auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg ("Soldaten, Nekrolog auf Genf", 1967). Die auf Profit ausgerichteten Praktiken der Pharmaindustrie klagte er in "Ärztinnen" (1980) an.

Für hitzige Debatten sorgte später sein 1993 uraufgeführtes Stück "Wessis in Weimar" über das Wirken der Treuhand im Osten Deutschlands oder "McKinsey kommt" über Massenentlassungen.

Aus einfachen Verhältnissen zum Lektor und Theaterbesitzer

Propst Heinrich Grüber, (l-r) Rolf Hochhuth, Theaterregisseur Erwin Piscator und Diskussionsleiter Gotthard Kutzner während des Diskussionsforums am 27.03.1963 im großen Saal des Studentenhauses am Steinplatz in Berlin.
Große Diskussion um den "Stellvertreter", auf dem Podium in Berlin 1963 sitzt Hochhuth mit Propst Heinrich Grüber (l.) und Regisseur Erwin Piscator (r.) Bildrechte: dpa

Rolf Hochhuth wurde am 1. April 1931 im hessischen Eschwege geboren. Sein Vater war Schuhfabrikant. Die Mutter gab gelegentlich Aphorismen heraus. Hochhuth verließ die Schule ohne Abitur. Als Gasthörer besuchte er später Vorlesungen in Geschichte, Philosophie und Literatur an den Universitäten Heidelberg und München. Außerdem unternahm erste Schreibversuche. Er absolvierte eine Buchhändlerlehre, später wurde er Lektor beim Bertelsmann-Lesering. 1963 siedelte er nach Basel über, um Abstand von Deutschland zu gewinnen, 2007 kehrte er zurück und lebte in Berlin.

Um missliebigen Interpretationen seiner Stücke vorzubeugen, plante Hochhuth dort ein Autorentheater, in dem die Dramatiker und nicht eigenmächtige Regisseure entscheiden. So machte er Anfang und Mitte der 90er-Jahre vor allem als verhinderter Theaterbesitzer von sich reden, der einmal das Berliner Schlosspark-Theater, dann die Freie Volksbühne begehrte, beide Spielstätten aber nicht bekam. 1996 klappte es dann doch: Die 1993 von ihm im Namen seiner Mutter gegründete Ilse-Holzapfel-Stiftung wurde Eigentümerin des Berliner Ensembles, was den damaligen künstlerischen Leiter Heiner Müller erboste, der von einer "feindlichen Übernahme" sprach. 1998 regelte ein Mietvertrag mit dem Land Berlin die Verhältnisse. Hochhuth ließ sich darin das Recht einräumen, das Haus im Sommer zu nutzen und am BE seine Stücke aufzuführen. Premiere "feierte" dort 2014 unter unglücklichen Umständen Hochhuths Stück "Sommer 14 - Ein Totentanz", die der Autor nicht besuchte.

Spätes Debüt im Goethe-Theater Bad Lauchstädt

Eine seiner letzten Uraufführungen war ein Jahr zuvor im Goethe-Theater von Bad Lauchstädt zu sehen. Der Dreiakter "9 Nonnen fliehen" beruht auf Episoden aus dem Leben des Reformators Martin Luther und seiner späteren Frau Katharina von Bora. Die hatte als junge Nonne in Nimbschen das Klosterleben satt und floh, inspiriert durch die Schriften ihres späteren Mannes. Die Hauptrollen in der "Komödie über die erste weibliche Rebellion in Deutschland" übernahmen Caroline Beil und Dominique Horwitz.

Nicht unfehlbar

Die Mischung aus historischer Recherche und politischer Provokation war das Markenzeichen des Dramatikers. Seine Kritiker monierten, Hochhuth schreibe mit erhobenem Zeigefinger, wie direkt von der Kanzel und fühle sich immer im Recht. Seine Werke versprühten die dramatische Wirkung von gesprochenen Leitartikeln. Wirkmächtig war er damit jedenfalls. Einmal musste er jedoch einen Fehler einräumen: In einem Interview, das er 2005 der "Jungen Freiheit" gab, irritierte er darüber hinaus mit einer Lobeshymne auf den britischen Historiker und Holocaust-Leugner David Irving, mit dem er privat befreundet war. Die Äußerungen nahm er später zurück. Infolge der Affäre lehnte es die Deutsche Verlags-Anstalt ab, Hochhuths Autobiografie zu publizieren. Seine Werke erschienen bei Rowohlt.

Hochhuth erhielt im Laufe seines jahrzehntelangen Wirkens zahlreiche Auszeichnungen. So wurde ihm 1976 der Kunstpreis der Stadt Basel zuerkannt, 1980 der Geschwister-Scholl-Preis und 1981 der Lessing-Preis der Freien Hansestadt Hamburg. 2001 erhielt der Dramatiker, Essayist und Lyriker den Jacob-Grimm-Preis für Deutsche Sprache.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2020 | 11:30 Uhr