Neuer Dokfilm im Kino Leben, um zu arbeiten: "Der marktgerechte Mensch"

Fahrradkuriere und Verkäuferinnen, die auf Abruf jobben, Leiharbeiter am Fließband oder Uni-Dozenten, die mit Hartz-IV aufstocken, IT-Dienstleister mit Tagesverträgen, all das ist keine Seltenheit mehr. Zwei Drittel aller Beschäftigten in Deutschland haben keinen festen Arbeitsvertrag. Was Kapitalismus in Zeiten der Digitalisierung bedeutet, für sie und für die Gesellschaft, das zeigt eindrucksvoll der Dokumentarfilm "Der marktgerechte Mensch", der jetzt im Kino startet.

Da ist Lukasz, Fahrradkurier in Berlin. Jeden Tag liefert er sich ein Rennen. Er tritt an gegen sich selbst. Engagiert von der Firma Deliveroo bringt er Essen auf Bestellung. Wie er eingesetzt und bezahlt wird, das bestimmt nicht etwa ein Arbeitsvertrag, sondern seine "Statistik". Mittels eines Algorithmus', der seine Fahrstrecke und den umgesetzten Warenwert verrechnet. Läuft es gut, bekommt er die lukrativen Touren zu den besten Zeiten. Ist er zu langsam oder war krank, macht sich das negativ bemerkbar. So wie nach dem Sturz, der ihm eine Gehirnerschütterung und damit Ausfallzeiten bescherte. Letzten Sommer hat sich Deliveroo aus dem Deutschland-Geschäft zurückgezogen. An einem Montag erhält Lukasz die Nachricht. Am Freitag steht er auf der Straße, heißt es lapidar im Dokumentarfilm "Der marktgerechte Mensch".

Willkommen in der "Gig-Ökonomie"

Aus der Dokumentation «Der marktgerechte Mensch»
Szene aus der Kunstaktion beim G20-Gipfel Bildrechte: Salzgeber & Co. Medien

Willkommen in der schönen neuen Arbeitswelt. In einer Welt, in der man nicht arbeitet, um zu leben, sondern lebt, um zu arbeiten. In einer Welt der massenhaften Vereinzelung. Dafür fand eine Kunstaktion beim G20-Gipfel in Hamburg eindrucksvolle Bilder im Zug der "1.000 Gestalten". Aschgrau von Kopf bis Fuß tauchen sie immer wieder auf in der Dokumentation wie ein Heer der Freelancer und Minijobber: Ermüdet davon, immer am Markt, immer verfügbar zu sein, in einem gnadenlosen Wettbewerb. Die neue "Qualität" des digitalen Kapitalismus, der mit Schlagworten wie "Gig-Ökonomie" und "Crowdworking" von sich reden macht, beschreibt Filmemacher Herdolor Lorenz so:

Die Filmemacher der Dokumentation "Der marktgerechte Mensch": Herdolor Lorenz und Leslie Franke
Regisseur Herdolor Lorenz Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist einfach eine brutalere Form des Kapitalismus, der nicht mehr nur die Arbeitskraft für acht Stunden will, sondern den ganzen Menschen. Der muss immer auf dem Markt sein. Immer fit, immer abrufbereit und flexibel.

Herdolor Lorenz Regisseur

Und wer nicht liefert, wird ausgetauscht: Der Mensch als marktgerechte Ware.

Konkurrenz statt Kooperation: "Das macht krank und zerstört die Gesellschaft"

Im gern propagierten Homeoffice verschmelzen Arbeit und Privatsphäre vollständig, wie Mit-Regisseurin Leslie Franke schildert:

Die Filmemacher der Dokumentation "Der marktgerechte Mensch": Herdolor Lorenz und Leslie Franke
Filmemacherin Leslie Franke Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Homeoffice wird groß geschrieben. Da kannst du deine Waschmaschine anschalten, die Kinder füttern und gleichzeitig im Internet versuchen, einen Job zu erfüllen. Das stresst die Menschen total, und man hat festgestellt: Das macht krank.

Leslie Franke Regisseurin

Der Film von Lorenz und Franke zeigt anhand vieler Beispiele, von der Textilbranche bis zum Wissenschaftsbetrieb, was "Arbeit auf Abruf", was Ausbeutung, Unsicherheit und Vereinzelung mit Menschen macht. Die neuen Volkskrankheiten – Depressionen, Ängste, hoher Blutdruck, Rückenschmerzen – interpretieren Forscher wie der Neurologe Gerald Hüther als Symptome der Zerstörung unserer physischen und psychischen Substanz: "In dem Augenblick, wo man erleben muss, dass man in seinem Bedürfnis dazuzugehören und eine Gemeinschaft mit anderen zu bilden, verletzt wird; durch Mobbing, Ausgrenzung oder Ähnliches, oder von anderen zum Objekt gemacht wird, kommt es im Hirn zur Aktivierung der gleichen Netzwerke, die auch anschlagen, wenn wir körperliche Schmerzen haben."

Eva Illouz
Die Soziologin Eva Illouz analysierte: "Warum Liebe endet". Eine Kritik zu ihrem Buch finden Sie auch am Ende dieses Artikels. Bildrechte: imago images / Future Image

Die ganze Art unseres Zusammenlebens verändert sich gerade stark. Aus dem sozialen Wesen Mensch droht ein Einzelgänger zu werden. Das Internet vernetzt uns mit der ganzen Welt, aber zugleich sind wir immer isolierter. Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, spricht im Film auch von der Einsamkeit als neuer Volkskrankheit: "Nicht umsonst haben die ganzen Partnerbörsen Konjunktur ohne Ende. Die Leute suchen dringend nach Kontakt."

Sogar die Liebe ist in Zeiten der "Gig-Economy" nicht nur ein Geschäft, sondern eine Art Job. Die Soziologin Eva Illouz beobachtet, dass die Menschen ihre Beziehungen anbahnen "wie eine Bewerbung für eine Stelle". Bekanntlich werde man dabei interviewt, müsse sich von der besten Seite zeigen, dürfe keine Schwächen zeigen: "Dabei geht es in Beziehungen und in der Liebe doch darum, einer anderen Person die eigene Schwäche und Verwundbarkeit zeigen zu können." Das aber wäre die Voraussetzung und Basis von Vertrauen, gibt Illouz zu bedenken.

Fundamentalkritik, aber auch Suche nach neuen Ansätzen          

Aus der Dokumentation «Der marktgerechte Mensch»
Protest gegen H&M-Arbeiten auf Abruf Bildrechte: Salzgeber & Co. Medien

Die Dokumentation "Der marktgerechte Mensch" ist Fundamentalkritik und Pamphlet. Zu Wort kommen die Freelancer, Crowdworker und Wissenschaftler. Studien werden herangezogen. Zum Beispiel eine mit Kleinstkindern an der Yale University. Im Experiment hatten sie die Wahl, sich zu entscheiden zwischen einem Kuscheltier, das freundlich ist und hilft, und einem, das nur an sich denkt. Immer entschieden sie sich für das erste. Hirnforscher Gerald Hüther bringt den Drang zur Kooperation so auf den Punkt:

Das Prinzip, das wir im letzten Jahrhundert zu einer Art Ideologie erhoben haben, nämlich dass Wettbewerb die Voraussetzung jeder Weiterentwicklung sei, das gilt eigentlich nur für Tiere. Die müssen warten, bis eine neue Mutation auftritt. Menschen müssen für die von ihnen selbstverursachten Veränderungen Lösungen finden. Die finden sie nicht mit Hilfe von Mutationen, sondern durch Kooperation.

Gerald Hüther Hirnforscher
Aus der Dokumentation «Der marktgerechte Mensch»
Selbst in der Textilbranche proben Beschäftigte die Selbstorganisation. Bildrechte: Salzgeber & Co. Medien

Etwas ist faul im aktuellen Kapitalismus. Das zeigt besonders krass immer wieder der Blick in Textil-Industrie und -Handel. H&M und adidas produzieren seit langem in Billiglohnländern. Näherinnen in Serbien arbeiten für einen Lohn, der ein Fünftel des Mindestlohns beträgt. Wenn das nicht mehr so läuft, gehen die Unternehmen woandershin. Der Film könnte einem allen Mut nehmen, aber er will auch welchen machen. Veränderungen einzufordern, hält Filmemacher Herdolor Lorenz keineswegs für Idealismus, der folgenlos bleiben muss: "Wir sehen, dass die Verhältnisse, wie sie jetzt sind, die Leute dazu bringen, etwas zu tun", sagt Lorenz und verweist darauf, dass es mittlerweile einen Gesamtbetriebsrat bei Lieferando gibt. Selbst von Google höre man Hacker-Geschichten, wonach auf den Bildschirmen der Mitarbeiter hier und da eine neue Losung auftauche: "Wir haben das Recht, uns zusammenzuschließen." Kein Wunder, findet Leslie Franke, denn die derzeitige, hoch wettbewerbsorientierte Wirtschaft sei "nicht menschenkonform". Ihr Film solle auch zeigen, "dass der Mensch von Geburt an auf Kooperation aus ist!"

Die Filmemacher der Dokumentation "Der marktgerechte Mensch": Herdolor Lorenz und Leslie Franke
Franke und Lorenz: Filmemacher und Aktivisten Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Eine neue Form des Wirtschaftens und des Wettbewerbs müsse her, eine, die auf das Gemeinwohl orientiert ist, sagt Herdolor Lorenz. Es gäbe längst erste Projekte. Auch Gemeinden arbeiteten schon so: Unternehmen, die regional und nachhaltig investierten, erhielten günstigere Kredite. Die Sparda-Bank in München hat eine Direktorin für Nachhaltigkeitsmanagement. Christine Miedl erklärt im Film, es gebe viele Unternehmen, die jeglichen Blick und jedes Gefühl für Ethik und Maß verloren hätten: "Uns geht's mit unserem Engagement wirklich darum, einen Beitrag zu leisten, wieder dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft für die Menschen da ist und nicht umgekehrt." Ob das in der globalen Ökonomie mehr sein kann als die berühmte Alibi-Veranstaltung? Es muss mehr sein, sagt dieser Film, denn so, wie es geht, geht es nicht weiter. Gesucht wird nicht weniger als ein regime change, ein Übergang vom marktgerechten Menschen zum menschengerechten Markt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 16. Januar 2020 | 22:05 Uhr

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