Reportage Wie Buchhändler gegen Corona kämpfen und was Literaturfans wissen sollten

Wer gerade ein Buch kaufen möchte, hat es nicht leicht: Außer in Berlin und Sachsen-Anhalt sind die Buchläden zu. Amazon vertreibt nun lieber Hygieneartikel, was die Lage gerade für kleinere Verlage weiter zuspitzt. Bleiben die Onlineshops der Buchhandlungen. Wer noch keinen hat, muss erfinderisch sein. Wie sich Buchhändler in Mitteldeutschland gegen die Corona-Krise stemmen, zeigt das Beispiel von Peter Hinke, der von großer Solidarität berichtet und betont, dass sie weiter vonnöten ist.

von Tino Dallmann, MDR KULTUR

Blick in die Buchhandlung im Specks Hof mit Buchregalen und Büchertischen 6 min
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MDR KULTUR - Das Radio Do 19.03.2020 07:40Uhr 06:00 min

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Peter Hinke hält durch. Seit Anfang der Woche ist aus seiner Buchhandlung am Rande der Leipziger Innenstadt, dem Wörtersee, ein Kiosk geworden. Bücher darf er nur noch verkaufen, wenn diese vorher bei ihm bestellt wurden. Zu seinem Schutz – und dem seiner Kunden natürlich hat er eine Plexiglasscheibe aufgestellt. So passt er sich den öffentlichen Vorgaben an und improvisiert.

Improvisieren und Durchhalten, Kurzarbeit

Peter Hinke schaut dabei nicht mehr von Tag zu Tag, sondern von Stunde zu Stunde: "In einigen Bundesländern, also in Berlin und Sachsen-Anhalt, gelten Buchhandlungen als systemrelevante Geschäfte. Das macht es schwieriger. Bei Verlagen kam es relativ spät an, dass wir nicht mehr arbeitsfähig sind. Wir hatten keine Zeit, etwas zu diskutieren. Wir mussten schauen, wie wir uns organisieren." Hinkes Connewitzer Verlagsbuchhandlung hat zwar eine Internetseite, aber keinen Onlineshop. Momentan können Kunden Bücher nur per Telefon oder Mail bestellen und im "Wörtersee"-Laden im Peterssteinweg abholen, das große Geschäft in Speck's Hof ist zu. Wo es geht, will Hinke auch anbieten, die Bücher zu verschicken. Er hofft so, die Auswirkungen der derzeitigen Ladenschließungen abzufedern. Seine Mitarbeiter muss er trotzdem in die Kurzarbeit schicken.

Die Zeit läuft, Börsenverein mahnt schnelle Hilfen an

Wie es mit seiner Buchhandlung weitergeht, hängt auch davon ab, wie lange die Geschäfte geschlossen bleiben müssen: "Wir haben alles auf den Tisch gelegt und geschaut, wie lange wir überleben können. Wir kommen für drei Wochen ganz gut klar. Fünf Wochen, wie es jetzt vorgesehen ist, sind eine Herausforderung, die wir meistern würden. Ein Szenario mit zwei Monaten, das können wir uns momentan überhaupt nicht vorstellen."

Die Vielfalt im Sortimentsbuchhandel sei akut bedroht, heißt es beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Es sei zu befürchten, dass es ohne Hilfe von außen zu einem Sterben vieler unabhängiger Buchhandlungen kommen werde. Ein Problem dabei: Der Ernst der Lage kommt erst allmählich bei den Verlagen und Banken an, die sich gegenüber den Buchhandlungen kulant zeigen könnten. Diese Erfahrung hat auch Peter Hinke gemacht: "Ich habe auf unsere Internetseite einen Beitrag gestellt, in dem es auch um die ersten Versuche ging, mit Banken zu sprechen. Das Problem braucht ein paar Tage, um durchzusickern. Wir haben aber auch unglaubliche Solidarität erlebt von Kunden und Freunden, die Bücher bestellen."

Auch in Sachsen-Anhalt Laufkundschaft weggebrochen

Diese Solidarität spüren auch die Mitarbeiter der Buchhandlung Eckermann in Weimar. Dort können Kunden ihre Bücher online bestellen. Innerhalb der Stadt werden sie dann klimaneutral mit dem Fahrrad geliefert. Man versuche sich zu vernetzen, die Händlervereinigung in Weimar informiere, wer gerade ausliefere. In Sachsen-Anhalt dürfen die Buchhandlungen zwar noch öffnen, die Laufkundschaft sei aber nahezu komplett weggebrochen, sagt Buchhändler Wolfram Wahle aus Magdeburg. Dafür nutzten Kunden verstärkt den Onlineshop seiner Buchhandlung.

"Buy local!": Appell und Dank für ermutigende Solidarität

In Leipzig schöpft Peter Hinke durch die erlebte Solidarität neue Kraft. Gerade jetzt, wo sich Amazon vorranging um Haushalts- und Hygieneartikel kümmert, sollte man die Geschäfte vor Ort unterstützen, findet der Buchhändler.

Irgendwann sei auch diese Krise überwunden, sagt Peter Hinke weiter. Und dann sollten alle Geschäfte eine Chance haben. Auch die unabhängigen Buchhandlungen.

Wichtig ist, dass in erster Linie lokal gekauft wird. Dort, wo auch Steuern gezahlt werden. Denn alles, was jetzt an Förderung läuft, wird ja über drei Ecken über Steuergelder eingenommen. Da sollte man überlegen, wen man jetzt unterstützt.

Peter Hinke Connewitzer Verlagsbuchhandlung

Buchhandel in Zeiten von Corona Von den Corona-bedingten Ladenschließungen sind auch die Buchhandlungen in Sachsen und Thüringen betroffen. Einzig in Berlin und Sachsen-Anhalt dürfen sie weiterhin öffnen.

Erlaubt ist die Besetzung der Buchhandlung zur Abwicklung von Bestellungen und die Zustellung, beispielsweise auf dem Postweg. Der Zeitungsverkauf soll aber weiter möglich sein.

Viele Läden haben sowohl Bücher als auch Presseartikel im Sortiment. So war die Leipziger Bahnhofsbuchhandlung vom Ordnungsamt geschlossen worden, nach Protest ist das Geschäft, das nach eigenen Angaben 7.000 Presseartikel führt, nun wieder geöffnet, allerdings mit abgesperrtem Buch-Bereich.

"Katastrophe" für unabhängige Verlage": In der Corona-Krise priorisiert Amazon Haushaltswaren, Sanitätsartikel und weitere Produkte mit hoher Nachfrage Um die Lager schneller auffüllen und an Kunden liefern zu können, hat der Online-Händler die Bestellung für andere Waren, also auch Bücher, bis Anfang April ausgesetzt. Björn Bedey, im Börsenverein Mitglied im Sprecherkreis der IG unabhängige Verlage, erklärte dazu, die veränderte Lagerpolitik von Amazon sei gerade für unabhängige inhabergeführte Verlage mit einem belletristischen Programm "eine Katastrophe".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2020 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2020, 12:09 Uhr

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