Buchvorstellung "Education for Future": Wie wichtig ist die Schule fürs Leben?

Das Buch "Education for Future. Bildung für ein gelingendes Leben" von Hirnforscher Gerald Hüther, Sozialpädagoge Marcell Heinrich und Sportmanager Mitch Senf macht klar: Die Schule ist für ein erfolgreiches Leben längst nicht alles. Bildungserlebnisse außerhalb der Klassenzimmer sind mindestens genauso wichtig.

Schüler einer ersten Grundschulklasse sitzen im Unterricht auf ihren Plätzen. 5 min
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Ein neues Buch des Hirnforschers Gerald Hüther und zweier Mit-Autoren erklärt, warum Bildung außerhalb der Schule mindestens so wichtig ist wie innerhalb. Zugleich macht es klar: Zensuren und Zeugnisse sind überbewertet.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 20.05.2020 12:00Uhr 04:58 min

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Sag das Wort "Schule", und in allen, die es hören, wird sofort ein Film ablaufen. Und bei allen ist es ein anderer. Ein innerer Film von Erfolgen und Beschämungen, von glücklichen Momenten und tief sitzenden Verletzungen, von andauernden Bewertungen, die uns geprägt haben. Es ist wichtig, uns davon zu erzählen. Weil genau diese Erzählungen Schule eine Bedeutung geben, unsere Bedeutung.

Marcell Heinrich, Mitch Senf und Gerald Hüther tun das in ihrem Buch "#Education for Future. Bildung für ein gelingendes Leben". Sie erzählen und lassen erzählen: Geschichten von herausfordernden Situationen und wie die jungen Menschen damit umgegangen sind, wer sie dabei begleitet hat und wie sie daran gewachsen sind, in der Schule und außerhalb.

Innerhalb und außerhalb der Schule

Und genau um diese Konstellation geht es den drei Autoren: innerhalb und außerhalb, in der Schule und draußen. Eine Trennung der Bildungswelt, die natürlich Konsequenzen hat und somit auch nach Festlegungen verlangt, was nach drinnen gehört und was draußen gelassen wird.

Marcell Heinrich am Mikrofon
Der Sozialpädagoge Marcell Heinrich Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Und da genauer hinzusehen, ist von enormer Bedeutung, sagt Mit-Autor Marcell Heinrich, der selbst vom Bordstein im Leipziger Osten bis zur Exzellenz-Schule alle Bildungslandschaften mitgemacht hat: "Wir wünschen uns für unsere Kinder als Eltern natürlich auch, dass sie einen Sinn im Leben erkennen", so Heinrich. Sie sollten mit Begeisterung neue Projekte angehen "und nicht sagen: 'Schon wieder Montag, ich hasse meine Arbeit, meinen Chef, ich hasse meine Kollegen'". Dafür brauche man Willensbildung, Herzensbildung, Charakterbildung und fachliche Bildung, so Heinrich weiter.

Schulerfolg ist nicht alles

Mit Bildung ist all die Sozialisation gemeint, die Heranwachsenden ermöglicht wird. Das unterscheidet die drei Autoren von anderen, die über Bildung schreiben – dieser alles, das Ganze einbeziehende Blick. Allein der Schulerfolg, so dann auch die These der Autoren, ist nicht gleichzusetzen mit gelingendem Leben.

Wer mit einer Drei oder Vier die Schule verlässt, ist kein Lebensversager, und wer ein Einser-Abitur hat, kann dennoch orientierungslos sein. Das ist nicht neu und wissen die Autoren aus ihren eigenen Bildungs- und Lebensläufen. Und mit ihnen viele andere.

Die Autoren wollen die Schule nicht schlechtreden

Gerald Hüther, Marcell Heinrich, Mitch Senf: #Education For Future. Bildung für ein gelingendes Leben
Ein Ratgeber für alle, die wirklich fürs Leben lernen wollen statt für die Schule Bildrechte: Goldmann

Aber das, was die drei Autoren nun damit anfangen, ist kühn und grundsätzlich in dem Sinne, dass sie kein Gejammer über das System Schule anheben, sondern auf die Bedeutung oder – konkreter – Deutungshoheit von Schule verweisen. "Gleichzeitig haben wir viele Missstände mit diesen Institutionen, und die rühren nicht aus einer Grundethik der Lehrer her", sagt Marcell Heinrich. "Die sind begründet in der institutionellen Monopolstellung der Schulen, aus der strukturellen Macht, die die Schule auf das Aufwachsen unserer Kinder hat."

Nein, die Autoren wollen Schule nicht schwächen, sie wollen das "da draußen", das außerhalb von Schule Stattfindende, bestärken, bedeutender werden lassen, real und in unserer Wahrnehmung. Und damit bekommt dieses Buch so etwas wie Lebenshilfe, ermutigend für alle, die am System Schule verzweifeln.

Wer wirklich werden möchte, was der innere Plan vorsieht, heißt: Wer sein Potenzial entdecken und entfalten will, braucht mehr als Schule, braucht das Draußen: Nachbarschaften, Mentoren, Hinterhöfe, Werkstätten, Klubs – Familien. Die Eltern müssten dafür sorgen, dass das möglich wird, glaubt Marcell Heinrich. Dafür "dürfen wir uns befreien von dem Dogma, dass das das Monopol wäre, und wenn da kein gutes Zeugnis ist, wäre es nicht gelungen."

Die Corona-Krise: der Test eines Lebens ohne Schulbesuch

In den vergangenen Wochen konnten Eltern ihren Kindern zusehen, wie sie entdeckend, fragend und lernend die Krisenzeit erlebt haben, ohne tagefüllende Schulbesuche ihren eigenen Rhythmus gefunden, sich selbst motiviert und den Tag strukturiert haben, mehr oder weniger gelungen – an dieser Herausforderung aber ihre Stärken und Schwächen erkannt haben, also ihr Ich. Und die Schule als Gemeinschaftsort vermissten.

Und wie erlebt, so steht es geschrieben, und dass "jemand nur dann etwas nachhaltig lernen kann, wenn sie oder er es selbst lernen will. Das angstbesetzte Streben nach einem guten Schulabschluss ist unnötig".

Die innere Haltung, schreiben die Autoren weiter, mit der wir unsere Kinder zur Schule schicken, ist der Hebel zur Veränderung. Und sie liefern das Wissen mit, um diese Haltung haben zu können: 2017 zum Beispiel konnten fast 15.000 junge Leute ein Studium aufnehmen, ohne Abitur, auch das Medizinstudium. Die innere Orientierung bewirkt mehr als Noten.

So ist dieses Buch überaus lebendig, mit all den gründlich recherchierten Bildungsverläufen, die noch nicht üblich, aber möglich sind. Und das Buch lebt, weil die Autoren ein Bild gefunden haben, das an bezaubernde Kindheitserlebnisse rührt: Den Mythos vom Schulerfolg als Garant für gelingendes Leben bauen sie ab wie ein Zirkuszelt. Allein das zu lesen erheitert und ermutigt, und übrig bleibt ein großer freier Platz – Freiraum zum Mit- und Nachdenken … Eintritt frei, für alle.

Angaben zum Buch Gerald Hüther, Marcell Heinrich, Mitch Senf: "#Education for Future. Bildung für ein gelingendes Leben"
Goldmann
320 Seiten
22 Euro (Hardcover)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Mai 2020 | 12:40 Uhr