Zwei neue Sachbücher Überleben in Auschwitz: Wozu der Mensch fähig ist

Wie überlebt man einen der mörderischsten Orte des 20. Jahrhunderts? Diese Frage lässt sich auch 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau nicht endgültig beantworten. Denn die Zahlen sind unfassbar: Über eine Million Menschen wurden in Auschwitz ermordet, überlebt haben das Grauen dagegen gerade 8000 Menschen. Nach der Befreiung gab es für die Überlebenden zwei Möglichkeiten, mit ihren Lagererfahrungen umzugehen: verdrängen und schweigen oder sprechen und schreiben, um mit der Erinnerung nicht allein zu bleiben. Und so sind einige Bücher von Auschwitz-Überlebenden zu Schlüsseltexten der Erinnerungskultur geworden, darunter Primo Levis "Ist das ein Mensch?" oder Imre Kertészs "Roman eines Schicksallosen". Doch auch 2020 gibt es Neuerscheinungen: Eddy de Winds "Ich blieb in Auschwitz" und Ginette Kolinkas "Rückkehr nach Birkenau" sind der Beweis, dass auch 75 Jahre nach der Befreiung des KZ noch nicht alles gesagt ist.

Befreiung KZ Auschwitz, 27. Januar 1945 - befreite Kinder
Kinder nach der Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 Bildrechte: imago images/United Archives International

Ein Psychiater und eine Strickwarenhändlerin: Es sind sehr unterschiedliche Schicksale, die dennoch zeitlebens von der Gefangenschaft in Auschwitz und Birkenau geprägt sind und von denen ihre neu aufgelegten Bücher erzählen. Eddy de Wind, 27, arbeitet im niederländischen Internierungslager Westerbork als Arzt und begegnet dort Krankenschwester Friedel, die er bald darauf heiratet. 1943 wird das Paar mit dem Zug nach Osten geschickt, im festen Glauben, sie würden in ein Arbeitslager gebracht. Auch Ginette Kolinka, die 1944 mit 19 Jahren aus Frankreich nach Auschwitz-Birkenau kommt, gemeinsam mit ihrem Vater und Bruder und einem Neffen, hat die Hoffnung, sie würde es schon irgendwie überstehen. Es ist einzig die jüdische Abstammung, die Eddy de Wind und Ginette Kolinka verbindet und ihre so unterschiedlichen Lebenswege in Auschwitz-Birkenau zusammenführt.

Im Labyrinth des Lagers

Begegnet sind sich Eddy de Wind und Ginette Kolinka vermutlich nicht, handelt es sich bei Auschwitz-Birkenau doch um einen unüberschaubaren Lagerkomplex. Während Auschwitz I, das sogenannte Stammlager "nur" ein KZ ist, gilt Auschwitz-Birkenau als größtes Vernichtungslager der Nationalsozialisten, dem weitere Außenlager angegliedert sind. Eddy de Wind hat das zweifelhafte Glück, als junger gesunder Mann mit medizinischer Ausbildung im KZ zu landen. So kann er der sonst üblichen Schwerstarbeit entgehen und wird in Krankenstationen eingesetzt, während seine Frau Friedel in Birkenau für medizinische Experimente missbraucht wird. Ginette Kolinka dagegen muss auch als zarte junge Frau Steine schleppen und Schienen verlegen, was sie an ihre körperlichen Grenzen bringt.

Unterschiedlicher Umgang mit dem Leid

Sachbuch: Ich blieb in Auschwitz
Eddy de Wind "Ich blieb in Auschwitz" Bildrechte: Piper Verlag

Nüchtern berichten die beiden Überlebenden von ihrem Tagesablauf und den existenzielle Dingen des Lebens, von Kälte und Dreck, vom eigenen Körper und wie er sich durch Hunger und Entbehrung verändert. Dabei ist Ginette Kolinka komplett auf sich konzentriert und schreibt, dass sie sich an kein einziges Gesicht ihrer Leidensgenossinnen erinnern kann. Eddy de Wind wiederum erzählt von Begegnungen und Gesprächen mit Gefangenen aus aller Herren Länder, reflektiert über die Zukunft und rettet sich nachts in Träume von einer besseren Welt. Legt man die Bücher nebeneinander, so fällt auf, wie unterschiedlich die Menschen mit unerträglichen Situationen umgehen. Während Ginette Kolinka zur menschlichen Maschine wird und sich komplett abschließt, ist Eddy de Wind hellwach, registriert alles und wähnt sich doch in einem abscheulichen Albtraum.

Nach der Befreiung

Noch im Winter 1944 wird Ginette Kolinka nach Bergen-Belsen und später in ein Arbeitslager in der Nähe von Leipzig gebracht, für sie ein kleines Paradies, verglichen mit den KZs. Dennoch mit Typhus und völlig unterernährt kehrt sie nach dem Ende des Krieges nach Frankreich zurück, wo sie beschließt, niemals über die Zeit im Lager zu sprechen. Erst Jahrzehnte später bringt sie ein Anruf der Steven-Spielberg-Stiftung, die Augenzeugenberichte von Deportierten sammelt, dazu, sich wieder mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Ganz anders geht Eddy de Wind mit seinen Erfahrungen um. Der junge Arzt bleibt auch nach der Befreiung von Auschwitz im Lager, behandelt verletzte russische Soldaten und schreibt sofort alles auf, was er erlebt hat. Ihm ist es wichtig, dass die Welt davon erfährt. Doch als sein Buch 1946 erscheint, interessiert sich zunächst niemand für seine Geschichte.

Schuldgefühle nach dem Überleben

Schließlich wird Eddy de Wind Psychiater und widmet seine Arbeit dem Leben mit traumatischen Kriegserfahrungen und den Schuldgefühlen der Überlebenden, die sich oft genug fragen: Warum lebe ich und so viele andere nicht? Auch Ginette Kolinka kennt dieses Gefühl, waren ihr Vater, ihr Bruder und ihr Neffe doch gleich nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau umgekommen. Gutmeinend riet sie ihnen, den Bus zu nehmen, den die Nazis für Kinder und Alte bereitgestellt hatten, ein Bus, von dem sie nicht wissen konnte, dass er ohne Umwege zu den Gaskammern fuhr.

Wozu ist der Mensch fähig?

Sachbuch: Rückkehr nach Birkenau
Ginette Kolinka "Rückkehr nach Birkenau" Bildrechte: Aufbau Verlag

Formal ergänzen sich die Bücher von Eddy de Wind und Ginette Kolinka sehr gut, hier der Bericht des gebildeten jungen Holländers von 1945 und dort die Erinnerungen einer über 90-jährigen Französin, die über sich selber sagt: "Man darf im Leben nicht zu intelligent sein. Wenn sie zu intelligent sind, denken Sie zu viel nach." Zusammen gelesen schlagen die Bücher einen weiten Bogen, der bei Ginette Kolinka bis in die Gegenwart reicht, in der sie gemeinsam mit französischen Schülern nach Birkenau zurückkehrt und ihre Erinnerungen mit ihnen teilt. Und auch wenn man vieles, von dem, was die beiden hier erzählen, schon einmal gehört oder gelesen hat, wühlen ihre Texte doch auf und treten unweigerlich existenzielle Fragen in den Vordergrund, die auch 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz-Birkenau noch aktuell sind: Wozu ist der Mensch fähig? Wie kann ein Mensch einem anderen Menschen solches Grauen und Leid zufügen und wie kann ein Mensch dieses Grauen und Leid überleben? Welche Kraft muss es kosten und hätte ich diese Kraft jemals aufgebracht? Es sind Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt und die sich jeder Leser dieser beiden eindrücklichen Bücher selber stellen muss.

Infos zu den Büchern Eddy de Wind
"Ich blieb in Auschwitz. Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943-45"
Von Christiane Burkhardt aus dem Niederländischen übersetzt
Piper Verlag, 240 Seiten.

Ginette Kolinka
"Rückkehr nach Birkenau. Wie ich überlebt habe"
Von Nicola Denis aus dem Französischen übersetzt
Aufbau Verlag,124 Seiten.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. Januar 2020 | 07:10 Uhr

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