Sachbuch Die Frau des Philosophen: Wer war Dora Benjamin?

Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Walter Benjamin zählt zu den aufregendsten deutschen Denkern des 20. Jahrhunderts. Bis heute beschäftigt sein Werk Forscher und Intellektuelle. 13 Jahre war er mit seiner Ehefrau Dora verheiratet, dann kam die Scheidung. Die Autorin Eva Weissweiler hat sich vorgenommen, die in bisherigen Veröffentlichungen als eher blass bis negativ dargestellte Dora gebührend zu würdigen - in ihrem Buch "Das Echo deiner Frage". Ihr Fazit: Dora Benjamin war eine hochgebildete, emanzipierte und attraktive Frau. Sie hatte Philosophie und Chemie studiert, stand auf eigenen Beinen, schrieb für angesagte Zeitungen und Magazine der Weimarer Republik - oft genug war sie es, die das nötige Geld zum Leben der beiden verdiente.

Buchcover – Eva Weissweiler: Das Echo Deiner Frage
Buchcover - Eva Weissweiler: "Das Echo deiner Frage" Bildrechte: Verlag Hoffman und Campe

Der Anfang der Beziehung ist romantisch: Sie lernen sich als Studenten in Berlin kennen, da sind beide noch in einer Beziehung, Dora sogar verheiratet. Walter bezaubert Dora mit seiner Intellektualität, im Gespräch ist er charismatisch, so ungeheuer klug und völlig unkonventionell - dabei ein Abziehbild des realitätsuntüchtigen Intellektuellen. Dora hat von Anfang auch den Impuls, ihn vor der Welt zu beschützen, so schildert es Eva Weissweiler.

Es beginnt romantisch - bis das Baby kommt

Eva Weissweiler
Die Autorin Eva Weissweiler schrieb auch das Buch "Lady Liberty" - Über das Leben der jüngsten Marx-Tochter Eleanor Bildrechte: imago images/Future Image

Sie heiraten dann 1917 mit einem komplizierten Heiratsvertrag, den die Eltern der beiden aushandeln: Beide Elternhäuser sind vermögend, das von Walter Benjamin sogar sehr reich. Die Verbindung wird dann schwierig, läuft später jahrelang im On- und Off-Modus. Die Probleme, die es gab, wirken sehr modern: Walter hat keine feste Stelle - immer nur Projektverträge, würde man heute sagen. Um weiter Geld von Walters Eltern zu bekommen, halten die beiden zunächst sogar die Promotion vor ihnen geheim. Sie führen ein unstetes Bohèmeleben: Wechselnde Wohnorte, ein Leben teils aus dem Koffer, teils in Pensionen und Luxushotels.

Aber mit der Geburt des Sohnes Stefan wird dieses Leben noch komplizierter: Der kleine Junge stört Walter beim Denken und Schreiben. Er wird immer wieder abgeschoben, für Monate mal zu den Großeltern, mal in ein Sanatorium. Das erste Wort, das der kleine Stefan sprechen kann, heißt "Ruhe". Er spricht es mit erhobenem Zeigefinger, so wie er es vom Papa kennt.

Die Ehe endet mit einem Rosenkrieg

Irgendwann zieht die Familie bei Walters Eltern in Berlin ein. Für Dora muss das die Hölle gewesen sein, so schildert es Eva Weissweiler. Dann beginnen beide Affären. Walter will schließlich die lettische Theatermacherin Asja Lācis heiraten und reicht nach 13 Jahren Ehe die Scheidung ein. Weil er extreme Finanzprobleme hat und an Doras Geld will, beginnt er einen juristischen Amoklauf: Er führt einen sehr schmutzigen Scheidungsprozess, den er dann verliert.

Zuweilen spekuliert und unterstellt die Autorin

Zeitgenössische Aufnahme des deutschen Literatur- und Kulturkritikers und Essayisten Walter Benjamin.
Der Literatur- und Kulturkritiker und Essayist Walter Benjamin kommt in dem Buch nicht gut weg Bildrechte: dpa

Eva Weissweiler ergreift häufig sehr stark Partei für Dora und schildert Walter als egomanisch und kalt. Allerdings arbeitet sie auch mit Spekulationen, sehr freien Deutungen und teilweise auch mit Unterstellungen. Außerdem führen Maßstäbe von heute hier vielleicht nicht ans Ziel: Diese Menschen lebten vor hundert Jahren: Was auch heute nach jahrzehntelangem Kampf für Gleichberechtigung bei weitem nicht vollständig erreicht wurde, war damals für die allermeisten Frauen eine Utopie.

Wesentlich ist die Erkenntnis, dass die Institution Ehe zur damaligen Zeit in der Krise ist: Einerseits ist sie traditionelle wirtschaftliche Verbindung, andererseits haben die jungen Angehörigen der jüdisch großbürgerlichen Bohème, der Dora und Walter angehören, ganz andere Vorstellungen von Sex und Selbstbestimmung, als ihre Eltern - eben nicht nur die Männer, auch die Frauen, und das ist das eigentlich Spannende an diesem Buch.

Lebendige Beschreibung der jüdischen Milieus 1880 bis 1930

Eva Weissweiler brilliert, wenn sie die verschiedenen jüdischen intellektuellen Milieus der 1880er- bis 1930er-Jahre in Deutschland und Österreich schildert, von traditionellen über zionistische bis hin zu assimilierten Kreisen. Hier wird Alltagsgeschichte lebendig: Die Feiern, die Essen, die Partys, die Gespräche, die Medienwelt. Sie erweckt ein ganzes kulturelles Biotop wieder zum Leben, das der Nationalsozialismus zerstört hat. Und bekanntlich ist Walter Benjamin 1940 auf der Flucht vor den Schergen Hitlers im spanisch-französischen Grenzort Portbou umgekommen.

Dora konnte nach England flüchten, wo sie einen neuen Lebensgefährten findet, mit dem sie verschiedene Hotels führt. Sie stirbt 1964 in London. Die Beziehung zu Walter aber hielt weit über das Ende ihrer Ehe hinaus. Bis zuletzt versucht Dora, ihm zu helfen aus dem besetzten Frankreich zu entkommen. Was sie für ihn empfand, das drückt sie in einem Brief an den Freund Gershom Scholem aus:

Ich erinnere mich an nichts Dunkles, an kein Leid, das er mir zugefügt hat. Ich denke an ihn, wie ich es tat, als du mich fragtest, was der Sinn des Lebens für mich sei und ich zu Dir sagte, ihn zu schützen und ihn fähig zum Leben zu machen. Er wäre nicht gestorben, wenn ich bei ihm gewesen wäre.

Dora Benjamin über Walter - in einem Brief an Gershom Scholem

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Februar 2020 | 08:10 Uhr

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