Sachbuch-Empfehlung Was uns die ersten Sätze über Romane erzählen

Die ersten Sätze entscheiden, ob man ein Buch weiterliest oder weglegt. Peter-André Alt untersucht in seinem Buch solche Romananfänge - und findet etwas über die Kunst des literarischen Erzählens heraus. Oft ist ein erster Satz in vielen Fällen nicht wirklich ein erster Satz, sondern ein nachträglich formulierter Anfang. Schriftsteller wie Franz Kafka, Max Frisch oder Ingo Schulze verfolgen immer eine eigene Strategie.

Eine Frau liegt von vielen Büchern umgeben auf einem "Lesesofa".
Der erste Satz entscheidet manchmal, ob wir das Buch lesen oder weglegen ... Bildrechte: dpa

Ein Romananfang kann sofort eine Atmosphäre, Stimmung oder Spannung aufbauen. Peter-André Alt untersucht den ersten Satz und findet darüber etwas heraus über die Kunst des Erzählens, die eine sehr vielgestaltige Kunst ist. Es gibt auch Romananfänge, die verwirren durch eine gewisse Belanglosigkeit. Robert Walser etwa beginnt seine kurze Erzählung "Basta" (1917) mit "Ich kam dann und dann auf die Welt, wurde dort und dort erzogen, ging ordentlich zur Schule, bin das und das und heiße soundso und denke nicht viel." Er treibt ein Spiel mit dem Leser und auch mit der Erwartung, dass ein Roman einen ordentlichen Anfang haben sollte.

Oft ist der erste Satz nachträglich eingefügt

Buchcover - Peter-André Alt: "Jemand muss Josef K. verleumdet haben"
Buchcover - Peter-André Alt: "Jemand musste Josef K. verleumdet haben ..." Bildrechte: C.H.Beck Verlag

Von Kafka zum Beispiel ist überliefert, dass er diesem riesigen Druck des ersten Satzes ausgewichen ist, indem er sich sozusagen spielerisch, in einem Trancezustand in die Texte hineingeschrieben hat (nachts, gern per Tagebuchschreiben) und dann erst nachträglich den ersten Satz festgelegt hat. Oder ein anderes markantes Beispiel: Max Frischs Roman "Stiller" aus dem Jahr 1954, der erste Satz lautet: "Ich bin nicht Stiller". Dieser Satz ist nun, wie man aus dem Typoskript weiß, erst am Ende des Romans eingefügt worden, und das beweist eben, dass Literatur oft mehr Arbeit und Montage und Kalkül ist, und nicht aus dem einen unverrückbaren Genie-Moment entsteht. Mit anderen Worten: Ein erster Satz ist in vielen Fällen nicht wirklich ein erster Satz, sondern nachträglich formulierter Anfang.

Roman-Anfänge erzählen über die Entwicklung der Literatur

Verblüffend ist zum Beispiel, dass bis ins 18. Jahrhundert, bis in die Goethezeit hinein, dem eigentlichen Roman oft eine Einleitung vorangestellt war. Oft tarnt sich der Autor als Herausgeber und erklärt, dass der Autor (Autorinnen gab es kaum!) in bester moralischer Absicht schreibt. Es wird der fiktive Charakter des Romans noch einmal ausdrücklich benannt - und dass eben dort, wo vielleicht doch einmal die Abgründe der Welt aufblitzen, da nur dem Plan folgt, zu läutern und das Gute dann um so genauer hervorleuchten zu lassen.

Ein Roman, der wirklich mit dem unmittelbaren Romanstoff einsetzt, wird dann erst zum Ende des 18. Jahrhunderts ein übliches Verfahren. Da sprengt die Literatur die politisch-moralischen Klammern und geht ihre eigenen ästhetischen Wege. Und ab da werden auch die Romananfänge grell und ironisch, pathetisch wie zum Beispiel bei Nabokovs "Lolita": anzüglich und frivol. Im Bereich der Unterhaltungsliteratur werden sie oft auch sehr kitschig.

In der Gegenwart ist am Romananfang alles erlaubt

Heute darf so ziemlich alles gemacht werden. Ein Autor wie Ingo Schulze hat auch schon mit dieser vorgeschobenen Instanz des Herausgebers gespielt, also ältere Muster zitiert. Eine Autorin wie Sibylle Lewitscharoff liefert mit ihrem Roman "Pong" eine schöne Mischung aus sozialer und psychologischer Ironie, die bereits den ersten Satz trägt: "Einem Verrückten gefällt die Welt, wie sie ist, weil er in ihrer Mitte wohnt." Hier nun, sagt Peter-André Alt, stellt die ironische Perspektive schon mit dem ersten Satz unsere gewohnten Urteile auf den Kopf. Denn üblicherweise wird der Verrückte ja am Rande der Wirklichkeit verortet - aber das wird hier eben ironisch umgedreht, und genau das ist auch das Programm des folgenden Romans.

Ansonsten, meint Literaturkritiker J örg Schieke, gehen viele ambitionierte Autoren heute doch eher nüchtern in ihre Romane, weil sie wissen, dass im öffentlichen Leben ohnehin in allen Bereichen um Aufmerksamkeit gekämpft wird. Die Literatur kann dieser Entwicklung eher einen anderen, feineren Blick entgegensetzen. Denn wenn sie sich auf diesen Wettbewerb um den schnellsten und grellsten Effekt einließe, könnte sie gegen das Medium Film zum Beispiel ohnehin nur verlieren.

Informationen zum Buch Peter-André Alt: "Jemand musste Josef K. verleumdet haben ..." - Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten

Erschienen bei C.H.Beck
262 Seiten
26,95 Euro
ISBN: 978-3-406-75004-5

Über das Lesen!

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Mai 2020 | 11:15 Uhr