"Tiere im Nationalsozialismus" Neues Sachbuch analysiert Tierliebe der Nazis

Die Jahre des Nationalsozialismus sind ausführlich erforscht worden, die Bibliotheken sind voll mit Büchern, die diese Zeit im Ganzen oder im Detail beleuchten. Trotzdem tauchen immer mal wieder Titel auf, die überraschen wie das gerade erschienene Buch "Tiere im Nationalsozialismus" von Jan Mohnhaupt. Schäferhunde galten als "Herrentiere", Katzen dagegen gar nicht und Juden wurden als "Parasiten" bezeichnet. Die hoch im Kurs stehenden Pferde waren am Ende nur Mittel zum Zweck und Schulkinder züchteten Seidenraupen für Fallschirmstoffe.

Buchcover - Jan Mohnhaupt: "Tiere im Nationalsozialismus"
Bildrechte: Hanser Literaturverlag

Alles beginnt mit Foxl. Das ist ein kleiner Hund, den Adolf Hitler im ersten Weltkrieg in sein Herz schließt, und mit ihm Bett und Futter teilt. Als dieser Foxl eines Tages verschwindet, ist das für den späteren Diktator eine traumatische Erfahrung.

Man merkt dann aber auch, wenn man sich die Aussagen von ihm durchliest, wie sehr er doch auf die Rolle des Angehimmelten abfährt. Also dass er den Hund gar nicht so toll findet, sondern er findet toll, dass dieser Hund ihm gehorcht und überallhin folgt.

Jan Mohnhaupt, Buchautor

Schäferhunde stehen hoch im Kurs

Mit kühlem Blick seziert der Autor und Journalist Jan Mohnhaupt in seinem Buch "Tiere im Nationalsozialismus" die behauptete Tierliebe der Nazis und wartet mit so verblüffenden wie verstörenden Details auf. Hunde - vor allem Schäferhunde - stehen während des Regimes der Nationalsozialisten grundsätzlich hoch im Kurs. Katzen dagegen rufen bei den Machthabern ambivalente Reaktionen hervor. Während die einen sie für nützliche Mäusejäger halten, ist sie anderen allein wegen ihrer Herkunft suspekt. 

Die Gegner der Katze haben gesagt, das ist ein jüdisches Tier, weil es ursprünglich aus Nordafrika und dem Orient kommt und in dem Sinne kein klassisches deutsches oder europäisches Tier ist.

Jan Mohnhaupt, Buchautor

Und problematisch ist: "Dass die Katze sich nicht zähmen lässt wie der Hund, dass sie immer ein bisschen ihren wilden Charakter behält, weil auch die dicke Hauskatze immer noch die Maus jagt, und man sie nicht richtig kontrollieren kann."

Die Katze ist ein "jüdisches" Tier

Adolf Hitler mit einem Hund.
Adolf Hitler mit einem "Herrentier" Bildrechte: IMAGO

Allein im Begriff des "jüdischen" Tieres zeigt sich bereits, wie sich die ideologische Gesinnung der Nationalsozialisten auch auf scheinbaren Nebenschauplätzen breitmacht. Besonders bewegend ist die Geschichte von Kater Mujel. Die Tatsache, dass seine Besitzer, der Dresdner Philologe Victor Klemperer und dessen Frau Eva, als "jüdischer Haushalt" gelten, umfasst auch das geliebte Haustier. 

Mohnhaupt führt aus: "Das heißt auch für Mujel das Todesurteil. Sie versuchen ihn noch beim Nachbarn abzugeben und dann doch schweren Herzens an einen Tierarzt. Auch das ist schwierig, weil offiziell muss man ihn den Behörden abgeben. Und das kann sich wohl jeder vorstellen, der eine innige Beziehung zu einem Haustier hat, was das bedeutet, wenn es auf einmal heißt, du darfst das nicht mehr halten."

Schweine gelten als wichtige Fettreserve

Unterdessen gelten den Nazis andere Tierarten als derart nützlich, dass ihre Züchtung vorangetrieben und ausgebaut wird. Für Schweine wird ein besonderes Programm aufgelegt, um sich mit deren Fettreserven von Importen unabhängig zu machen. "Fettrüsten" hat Jan Mohnhaupt sein Kapitel darüber genannt. Und mit der Züchtung von Seidenraupen werden sogar Schulkinder in die Kriegsvorbereitungen einbezogen, denn es wird Seide für Fallschirme gebraucht:

"Im gesamten Reich gab es Schulgärten, in denen Maulbeerbäume gepflanzt wurden. Für die Kinder war es Teil des Unterrichts, dass man sich um die Raupen gekümmert hat. Sie haben gelernt, wie man die einzelnen Raupenrassen unterscheidet, und so konnte man den Kindern auf kindliche und scheinbar harmlose Weise nahebringen, was es mit Rassenhygiene und Reinrassigkeit auf sich hat."

Von "Herrenmenschen" und "Herrentieren"

Wie perfide die Nationalsozialisten selbst Tiere ihrem Rassismus unterordnen, zeigt sich daran, dass es für sie, die sich für "Herrenmenschen" halten, auch "Herrentiere" gibt, dass sie nicht trennen zwischen Mensch und Tier, sondern nur zwischen lebenswertem - und unwerten Leben. Das spiegelt sich bereits in der Sprache wieder. Einerseits werden bestimmte Menschen als Parasiten und Schädlinge bezeichnet, andererseits bestimmte Tiere mystifiziert. So muss der Wolf für diverse Nazi-Vereinigungen und -Einrichtungen herhalten, von den Werwölfen bis zur Wolfschanze. Und auch Pferde gelten als besonders wertvoll. Millionenfach kommen sie im Zweiten Weltkrieg überall dort zum Einsatz, wo Panzer und Flugzeuge an ihre Grenzen stoßen. 

Beispielsweise von den vielen Pferden, die in Stalingrad eingekesselt waren, ist am Ende keins mehr rausgekommen. Es zeigt sich auch dort, wo vorher gesagt wurde, das Pferd wäre ein 'Herrentier', ist es im Endeffekt auch nur Mittel zum Zweck und wurde am Ende aufgegessen.

Jan Mohnhaupt, Buchautor

Hunde, Katzen, Schweine, Seidenraupen, Wölfe, Pferde: Die wahlweise nützlichen oder schädlichen Tiere werden von den Nationalsozialisten in den Dienst von Politik und Propaganda gestellt. Der Begriff Tierschutz wird so zurechtgebogen, dass er zur Gesinnung passt. Sachlich und mit großer Empathie für die Tiere erzählt Jan Mohnhaupt in seinem Buch davon und fügt der Geschichte des Nationalsozialismus eine aufschlussreiche Facette hinzu.

Angaben zum Buch: Jan Mohnhaupt: "Tiere im Nationalsozialismus"
Erschienen im Hanser Verlag
256 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3446264045

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. März 2020 | 07:40 Uhr

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