Sachbuchkritik "Echte Bäume weinen nicht" – Gerbrand Bakkers Antwort auf Peter Wohlleben

Förster Peter Wohlleben hat mit dem Bestseller "Das geheime Leben der Bäume" viele Leser den Wald mit anderen Augen sehen lassen. Dem Niederländer Gerbrand Bakker ("Oben ist es still", "Der Umweg") ist das zu viel Romantisierung und Vermenschlichung. Er antwortet nun mit dem Essayband "Echte Bäume weinen nicht". Eine Sachbuchkritik.

Cover des Buches 'Echte Bäume weinen nicht'
Laut Gerbrand Bakker weinen Bäume nicht und so hat er auch sein Buch genannt "Echte Bäume weinen nicht", das im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Bildrechte: Suhrkamp Verlag

Bienen, Hummeln, Lurche, Bäume, Pilze, Schmetterlinge, Oktopusse ... Es mangelt seit Jahren wahrlich nicht an Büchern, die uns Fauna und Flora nahebringen wollen. Darunter die faszinierenden "Naturkunde"-Bände des Matthes & Seitz Verlags und nicht wenige überflüssige, plump an ökologische Emotionen appellierende Titel, deren Autoren als Trittbrettfahrer eines erfolgreichen Trends einherkommen. Maßgeblich vorangetrieben hat dieses Segment der Förster Peter Wohlleben, der mit "Das geheime Leben der Bäume" oder "Das Seelenleben der Tiere" die Bestsellerlisten stürmte.

Unangemessene Romantisierung von Natur

So breit der allgemeine Zuspruch für Wohlleben und seine Nachahmer war, so verstärkt meldet sich seit einiger Zeit die Fachwissenschaft zu Wort, die vor einer unangemessenen Vermenschlichung und Romantisierung der Natur warnt. In dieses Horn stößt nun auch der Niederländer Gerbrand Bakker, der bislang vor allem mit hochgelobten Romanen ("Oben ist es still", "Der Umweg") hervorgetreten ist. Bereits der famose deutsche Titel seiner Essaysammlung "Echte Bäume weinen nicht" deutet darauf hin, dass Bakker die Hutschnur geplatzt ist und er es, durchaus mit polemischer Absicht, darauf anlegt, gegen eine irreführende Anthropomorphisierung der Natur zu wettern.

Der Band kompiliert (und aktualisiert) zum Teil Texte, die der diplomierte Gärtner Bakker während der letzten Jahre in Zeitschriften und Blogs veröffentlicht hat. Das wirkt mitunter ein wenig zusammengestückelt und ist doch stets anregend, da Bakker ohne ideologische Scheuklappen die Frage umkreist, was "Natur" heute für uns bedeutet und wie wir mit deren Veränderung umgehen sollten.

Neugieriger Beobachter der Natur

drüsiges Springkraut
Auch das Springkraut hat Gerbrand Bakker beobachtet. Bildrechte: IMAGO

Bakker nähert sich, wo immer er sich aufhält – in Wales oder in Portugal – der Natur als neugieriger Beobachter, der ohne Sentimentalität seine Eindrücke festhält. Als Besitzer eines abgelegenen Hauses in der Eifel weiß er genau, was es heißt, der Natur etwas abzuringen und sich einen Garten nach eigenen Vorstellungen zu schaffen. Bakkers Essays sind voller überraschender Anmerkungen, so wenn er über die Ausbreitung des Springkrauts, über die unterschiedlichen Geräusche, die Elektro-, Benzin- oder Handmäher machen, oder die "Fehlbesetzung" von Mauerseglern in Filmen nachdenkt.

Ökologische Fundamentalisten werden keine Freude daran haben, wenn Bakker fragt, ob jedes Aussterben einer Tierart zu beklagen ist und ob es grundsätzlich verwerflich ist, in sich den Drang zu verspüren, die Natur zu "bezwingen". Vor allem aber ist es ihm zuwider, wenn Pflanzen "menschliche Eigenschaften und Werturteile" zugeschrieben werden und plötzlich vom "Gehirn" der Bäume die Rede ist oder eine Zeitschrift "Täglich twittern Bäume weltweit über ihre Saftströme" titelt.

"Roter Faden" der Sammlung ist, wie Bakker selbst einräumt, die Auseinandersetzung mit Peter Wohlleben. Diesem wirft er vor, Vorläufer wie den britischen Wissenschaftsjournalisten Colin Tudge – der schon 2005 "The Secret Life of Trees" veröffentlichte – nicht zu erwähnen, die Natur zu verniedlichen und so dazu beizutragen, die Grenzen, die Menschen und Pflanzen trennen, auf gefährliche Weise zu verwischen. Wohllebens Wald-Buch erscheint Bakker als ein "Science-Fiction-Roman", in dem wissenschaftliche Beweise keine zentrale Rolle spielen. "Echte Bäume weinen nicht" opponiert so wohltuend gegen eine sich breitmachende, unreflektierte Naturseligkeit.

Angaben zum Buch Gerbrand Bakker:
"Echte Bäume weinen nicht. Warum wir die Natur Natur sein lassen sollten"
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019
207 Seiten, broschiert
14,95 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Juli 2019 | 08:10 Uhr