Sachbuch Wie sich die PiS-Partei auf den Alltag der Polen auswirkt

Etwa zwei Millionen Menschen polnischer Herkunft leben in Deutschland – eine von ihnen ist die Journalistin Emilia Smechowski. Als Fünfjährige kam sie mit ihrer Familie aus Polen. Jetzt ist sie mit ihrer kleinen Tochter für ein Jahr nach Danzig zurückgekehrt. Ihre Erfahrungen beschreibt sie in ihrem Buch "Rückkehr nach Polen. Expeditionen in mein Heimatland".

Beata Szydlo und Jaroslaw Kaczynski
Beata Szydlo und Jaroslaw Kaczynski von der PiS-Partei feiern ihren Wahlsieg bei der Europawahl Bildrechte: imago images / Eastnews

Am Anfang steht die Sehnsucht. Der Wunsch, zurückzukehren in das Land der ersten Erinnerungen – und der kleinen Tochter die Welt des Polnischen zu erschließen. Aber natürlich treibt die Journalistin Emilia Smechowski auch ein professionelles Motiv. Sie möchte die Veränderungen im Nachbarland verstehen, erst recht, seit dort die rechtspopulistische PiS-Partei regiert. Sie will wissen, wie sich der Machtwechsel auf den Alltag der Menschen auswirkt.

Danzig ist ehrgeiziger als Berlin

Das Cover des Buches "Rückkehr nach Polen" der Autorin Emilia Smechowski.
Bildrechte: Hanser Verlag

Für ein Jahr zieht Emilia Smechowski mit ihrer kleinen Tochter nach Danzig. In ihrem Stadtteil lernt sie schnell: ob beim Yogakurs oder beim Osterkörbchen-Basteln – immer sind die Menschen ehrgeiziger, aufstiegsorientierter als zuhause in Berlin:  "In Polen ist schon dieser Leistungsgedanke, finde ich, schichtenübergreifend", sagt die Autorin. "Also der hat nichts mit Blasen und Milieus zu tun, sondern der findet sich eigentlich fast überall, also dieses: wenn du was willst, dann musst Du selber dafür sorgen auch. Das hat viel mit Skepsis dem Staat gegenüber zu tun, viel mit: das wird keiner für dich erledigen."

Durchaus sympathisch, findet Smechowski. Als Berlinerin ist sie es ja auch gewohnt, dass ihr keiner reinredet. Es sind, zunächst einmal, diese Alltagsreflexionen, die das Buch lesenswert machen. Die Autorin lernt, dass ihr die Codes dieser neuen, polnischen Gesellschaft fremd sind. Etwa beim Sommerfest der Kita, zu dem Smechowskis Vierjährige im schlichten Hängerchen, die anderen kleinen Mädchen aber in feinen Ballkleidchen erscheinen.

Völlig anderes Land als früher

Der Anfang sei hart gewesen, sagt die Journalistin im Rückblick über ihre Erfahrungen. Sie habe nicht gedacht, dass sich das Land gegenüber ihr als gebürtiger Polin so wenig öffne: "Ich hatte erwartet, dass sich so ein Kreis schließt, dass ich nach Hause komme, so in Anführungsstrichen", sagt sie. "Was sich natürlich nicht bewahrheitet hat. Weil ich war in einem völlig anderen Land als das, was ich verlassen hatte." 

Ein Buch über die Fremde und das Vertraute, über die vergebliche Suche nach Heimat. Smechowskis Reportagen gewinnen gerade durch diesen Kontrast, durch die Spannung zwischen nicht erfüllter Erwartung – und der Realität, die sie präzise beobachtet und beschreibt. Etwa, wenn sie in die ländlichen Regionen des Ostens reist, zu jenen, die sich von der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes abgehängt sehen. Die polnische Politik habe die Situation der Verlierer lange unterschätzt, meint die Autorin: "Die PiS hat diesen Frust und diese Wut sehr gut erkannt und zu Politik gemacht, auch zu populistischer Politik. Aber es hat gewirkt.

Die PiS hat zum ersten Mal soziale Programme gestartet, die sehr wichtig waren. Und damit hat sie die Wahlen gewonnen.

Emilia Smechowski

Mittlerweile hat die PiS die Unabhängigkeit der Justiz beschnitten und die staatlichen Medien auf Linie gebracht, das Ringen um die Kulturinstitutionen dauert an. Doch der Widerstand gegen die mächtige Partei ist inzwischen erlahmt. Die liberale Opposition reibe sich in Machtkämpfen auf, sagt Smechowski. Sie rechnet damit, dass die Populisten bei den Parlamentswahlen im Herbst erneut an die Regierung kommen.

Die Autorin Emilia Smechowski 25 min
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MDR KULTUR - Das Radio Sa 10.08.2019 19:05Uhr 24:57 min

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Kein Happy End

Emilia Smechowkis "Rückkehr nach Polen" hat kein Happy End. Die Journalistin sieht das Land abgleiten, spürt den unterschwelligen Hass in der Gesellschaft. Mitte Januar 2019 sticht ein – vermutlich psychisch kranker Täter – den liberalen Bürgermeister von Danzig auf offener Bühne nieder. Pawel Adamowicz stirbt an den Folgen. Smechowski geht zur Trauerkundgebung, sieht die vielen Menschen, denen die Tränen übers Gesicht laufen. Und spürt, wie ihr distanzierter Reporterblick plötzlich versagt. "Es war schon der Moment, wo ich dachte, man ist als Journalistin geschult, schnell zu denken und schnell zu reagieren im Kopf", sagt sie. "Und in dem Moment wusste ich einfach nicht mehr, was passieren wird. Und wie das mit Polen weiter gehen kann."

Ein Wendepunkt, im Rückblick. Emilia Smechowski fühlt sich ebenso ratlos wie alle anderen auf dem Platz. Sie gewinnt ihre polnische Identität zurück. Doch begreift der Leser: die Sehnsucht nach dem Ursprung lässt sich niemals stillen. Und das ist auch gut so.

Angaben zum Buch Emilia Smechowski
"Rückkehr nach Polen"
Hanser Verlag
256 Seiten
23 Euro
ISBN 978-3-446-26418-2

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. August 2019 | 08:10 Uhr

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