Provenienz Welche Ergebnisse brachte die Herkunftsforschung zur Gurlitt-Sammlung?

Nach sechs Jahren Forschungsarbeit wurden jetzt die Ergebnisse zur Provenienz der Gurlitt-Sammlung bekanntgegeben. Vor etwa acht Jahren wurde der spektakuläre Schwabinger Kunstfund von Cornelius Gurlitt beschlagnahmt. 1.500 Werke wurden damals gefunden, unter ungeklärten Bedingungen in der Hitler-Zeit erworben von Kunsthändler Hildebrand Gurlitt. Welche Ergebnisse die Herkunftsforschung nun erbracht hat, erklärt Andrea Baresel-Brand vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste Magdeburg im Interview.

Kunstobjekte aus der Gurlitt-Sammlung
Die Sammlung Gurlitt umfasst zahlreiche Werke berühmter Künstler Bildrechte: imago/epd

MDR KULTUR: Sechs Jahre lang wurde recherchiert und der Nachlass von Hildebrand Gurlitt, ca. 1.500 Werke gesichtet. Was ist dabei herausgekommen?

Andrea Baresel-Brand: Wir haben in der Tat eine Fülle von Erkenntnissen gewonnen aufgrund der verschiedenen Projekte, die sich über die am Ende sechs Jahre mit der Kunst von Gurlitt befasst haben. Es war ja zunächst die Taskforce Schwabinger Kunstfund, die die beschlagnahmten Kunstwerke auf den NS-Raubkunstverdacht hin untersuchen sollte und dann die Provenienzrecherche Gurlitt, die sich angeschlossen hat.

Andrea Baresel-Brand, wissenschaftliche Koordinatorin der Taskforce Schwabinger Kunstfund
Andrea Baresel-Brand Bildrechte: imago/Reiner Zensen

Ja, wir haben also gelernt – und die Öffentlichkeit mit uns – dass mitnichten alle über tausend Kunstwerke von Gurlitt NS-Raubkunst waren oder sind. Wir haben ja 14 Werke als Raubkunst identifiziert. Wir haben zahlreiche Werke auch nach langen Jahren der Forschung leider nicht aufklären können. Das heißt also, wir haben den Raubkunstverdacht weder bestätigen, noch ihn verwerfen können. Wir haben aber auch einige hundert Werke als unverdächtig aufklären können, mit gemeinsamer Anstrengung. Und ich denke, dass wir alle gelernt haben – das ist auch ein Ergebnis – dass Provenienzforschung  ein sehr mühsamer Weg ist. Provenienzforschung  ist ja auch abhängig von vielen externen Quellen. Und der Nachlass hatte ja auch einen schriftlichen Anteil. Da hatten wir natürlich gehofft, wenn wir den sehen, da können wir die Werke aufklären. Aber das ist eben mitnichten der Fall.

Provenienzforschung ist also eine schwierige Sache, dauert unter Umständen auch sehr lange. Heißt das auch, dass die Sammlung von Gurlitt gar nicht so belastet ist, wie zunächst angenommen? Dass er gar nicht so skrupellos gehandelt hat, wie man ihm immer unterstellt hat?

Ich denke, dass jeder Raubkunstfall, den wir im Kunstfund Gurlitt aufgeklärt haben, gerechtfertigt hat, dass wir diese Sammlung angeschaut haben. Man muss ja hier immer sagen, es war ja ein sehr besonderer Fall. Cornelius Gurlitt war ein Privatmann. Er hat sich ja dann in einem Vertrag letztendlich bereit erklärt, diese Sammlung untersuchen zu lassen und sich damit den Washington Principles unterworfen. Das heißt also, jedes Werk, das man zurückgeben konnte und das man aufklären konnte, denke ich, hat ja den Verdacht nicht von dem Rest der Sammlung genommen.

Kunstobjekte aus der Gurlitt-Sammlung
Zu den Objekten der Gurlitt-Sammlung gehört auch "Divan Japonais" von Henri de Toulouse-Lautrec Bildrechte: imago/Manngold

Gleichzeitig haben wir eben gesehen: nicht alles war Raubkunst. Wir haben eben auch gelernt, dass Hildebrand Gurlitt jegliche Gelegenheit genutzt hat, Kunst zu kaufen. Eben vor allen Dingen auf dem Pariser Kunstmarkt. Und das ist auch ein Ergebnis der Gurlitt-Projekte, dass wir unser Augenmerk in der Provenienzforschung  vielleicht noch mal mehr nach Frankreich richten konnten. Und das haben wir ja dann in unserer neuen Publikation "Kunstfund Gurlitt – Wege der Forschung" auch nochmal versucht, punktuell darzulegen.

Gibt es noch andere Erfahrungen über die Geschäftspraktiken von Hildebrand Gurlitt in dieser Zeit, vielleicht auch über den ganzen Kunsthandel zu dieser Zeit?

Auf jeden Fall haben wir da an viele Punkte rühren können. Verbunden ist auch das Thema Benelux, also Niederlande, Belgien. Einer Person sind wir nachgegangen, wo wir dann am Ende die Identität klären konnten. Das war ein Niederländer, der aber für die Abwehr dann als Agent gearbeitet hat und auch mal versucht hat, Kunst zu handeln. Und das sagt auch etwas über den Kunstmarkt vielleicht.

Hildebrand Gurlitt
Hildebrand Gurlitt Bildrechte: dpa

Aber gar nicht mal nur die klassischen Kunsthändler haben sich dort getummelt, sondern es sind auch viele Laien oder interessierte Laien eingesprungen, weil sie gesehen haben, hier ist etwas zu holen. Hier ist Geld. Hier ist der Markt. Hier sind Menschen, die ihr Hab und Gut veräußern, um zu überleben, um über den Krieg zu kommen. Das ist eine unglaublich wilde Zeit gewesen.

Und wir haben natürlich viel gelernt, auch über die Exportpraktiken. Der NS-Staat war ja, auch wenn er Besatzer war, im Ausland sehr akribisch in der Verwaltung. Man musste Exportgenehmigungen einholen. Wir haben aber auch gesehen, wie Dinge manchmal verschleppt wurden. Dass aber gleichzeitig französische Kunstexperten vom Hôtel Drouot – das ist so der Kunst-Umschlagplatz gewesen –  sich sozusagen verwandt haben bei den behördlichen Stellen, dass ein Hildebrand Gurlitt beispielsweise Kunstwerke mitnehmen kann. Und wenn keine Spedition zur Verfügung stand, dann hat es auch mal der Botschafter im Gepäck mitgenommen oder andere offizielle Menschen. Also, das sind ganz viele Wege, die wir aber heute mitunter gar nicht im Detail werden aufklären können, weil es natürlich Dinge sind, die schon historisch verschleiert worden sind.

Und ein Wort vielleicht noch, was uns auch neugierig gemacht hat (das war halt nicht die Aufgabe dieser Projekte, wir sollten ja Einzelwerke aufklären, aber es ist eben so viel daraus entstanden): Das ist auch der Blick in das Nachkriegsdeutschland, wo man sich dann gegenseitig Persilscheine gegeben hat, wo die Netzwerke weiter getragen haben. Und da schauen wir in dem Buch auch noch mal ein bisschen über den Zaun sozusagen, in die Nachkriegszeit

Was war denn die größte Überraschung, das Berührendste vielleicht während der Recherche? Waren das Bilder von Größen wie Menzel, Matisse oder Liebermann?

Wenn man viele Jahre, wie wir, die wir damit befasst waren, in dem Feld ist, dann ist man vielleicht nicht immer so überrascht. Weil wir es ja, leider muss man sagen, gewohnt sind umzugehen mit Systemen der Verschleierung, des Verleugnens, des Ignorierens.

Der Sitz des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg
Der Sitz des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg Bildrechte: dpa

Aber es ist doch noch mal was anderes, wenn man dann eben auch Korrespondenzen zum Beispiel findet in dem Nachlass eben dieser Familie, die doch sehr genau wussten, was sie getan haben. Wo man sich so schreibt "Aber er wird doch wissen, was er zu tun hat." Das kommt doch von, ich sag jetzt mal Rothschild oder ähnlichen eben, die unter der Shoah dann leiden mussten. Und das ist eben immer wieder berührend. Und natürlich ist es ganz großartig, wenn man ein Werk erforschen kann. Man klärt es auf und man kann es an die Berechtigten restituieren. Man kann es zurückgeben. Das ist, glaube ich, für jeden Provenienzforscher ein ganz berührender Moment. Es ist immer auch ein emotionales Thema.

Wobei natürlich eine Forschung, wenn man sie beginnt, neutral sein muss. Sie muss ergebnisoffen sein. Sie muss unaufgeregt stattfinden. Aber wenn es dann am Ende tatsächlich gelingt und man hat das Gefühl, ein Stück Unrecht wieder gutmachen zu können – sofern man das so sagen kann – dann ist es sicherlich immer noch das Schönste.

Und was passiert nun mit den rund tausend Werken, wo die Herkunft nicht geklärt werden konnte?

Davon ist ein Teil, der gehört in die sogenannte Verdachtgruppe Entartete Kunst. Hildebrand Gurlitt war ja auch einer derjenigen autorisierten Händler des NS-Regimes, die die sogenannte Entartete Kunst handeln durften. Die aber eine ganz andere rechtliche Konstellation hat als die sogenannte NS-Raubkunst, da sind wir ja im Bereich der moralischen Selbstverpflichtung. Und das, was wir als Verdachtgruppe Entartete Kunst haben, wird das Kunstmuseum Bern als Erbin weiter erforschen und aufzuklären versuchen. Hier geht es dann unter Umständen auch noch einmal darum, zu gucken, wenn etwas als sogenannte Entartete Kunst erkannt wird – da sind eben die Provenienzspuren leider auch verschleiert worden, von Gurlitt oder anderen – da muss man ja immer noch mal gucken, hat es jüdische Vorbesitzer? War es als Leihgabe eines jüdischen Bürgers in einem Museum. Das ist der Schritt.

Ansonsten hat das Kunstmuseum Bern ja vertraglich ein Wahlrecht, was die gelben, also nach dem Ampelsystem gelben Werke, unaufgeklärten Werke betrifft. Aber eben  überhaupt alle anderen. Und die Werke, die nicht nach Bern gehen, werden in Deutschland bleiben. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien hat ja da zugesichert, sich der Restitutionsfragen anzunehmen. Und der Bestand wird sicherlich dann weiter bearbeitet – aber nicht mehr von uns.

Sie werden zum Großteil auf jeden Fall zu sehen sein. Wie sie ja schon ausgestellt waren, in Bern und in Bonn …

… und in Jerusalem. Hunderttausende von Menschen haben sich dafür interessiert. Das muss man auch sagen. Und diese Transparenz, das ist eben auch ein Effekt unserer Forschungsarbeit,denke ich. Wir haben alles online gestellt, auch in unsere neue Forschungsdatenbank Proveana. Ich denke, das war ein ganz wichtiger Faktor, auch für die interessierte Öffentlichkeit. Und man sieht es ja an der Rezeption der Ausstellung, was da so in Gang gekommen ist. Ich denke, das war auch ein sehr schönes Ergebnis – bei all dem Schrecklichen, was geschehen ist, historisch.

Kunstobjekte aus der Gurlitt-Sammlung
Besucher bei der Ausstellung von Werken der Gurlitt-Sammlung in Jerusalem Bildrechte: imago images/ZUMA Press

Das Interview führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Mehr zu Kunst

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Mai 2020 | 12:10 Uhr