Promenadologie Was die Wissenschaft über das Spazierengehen sagt

Schon der Philosoph und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau wusste Spaziergänge zu schätzen. Zum Wissenschaftsobjekt wurde das Spazierengehen dann im 20. Jahrhundert durch Lucius Burckhardt und seine Promenadologie. Gehen ist nämlich nicht bloß die natürlichste Fortbewegungsart des Menschen, sondern auch eine Kulturtechnik. Nicht nur Schriftstellerinnen und Schriftsteller lassen sich dabei inspirieren.

Eine Frau spaziert allein über eine Landstraße.
Promenadologie untersucht die wechselseitige Durchdringung von Gehen, Wahrnehmen und Denken. Bildrechte: imago images/Westend61

Der Philosoph und Aufklärer Jean-Jacques Rousseau war ein leidenschaftlicher Spaziergänger. Aus gutem Grund. In seinen "Bekenntnissen" gesteht er: "Ich kann nur im Gehen denken, sobald ich stehen bleibe, denke ich nicht mehr, mein Kopf arbeitet nur mit den Füßen gleichzeitig." Womit Rousseau einst intuitiv erfasste, was heute neurowissenschaftlich nachgewiesen ist: Dass nämlich die ruhig-rhythmische Bewegung des Gehens den Hippocampus, also jenen Teil des Gehirns, der für das Gedächtnis und das Lernen zuständig ist, stimuliert. Gehen vernetzt die Hirnhälften, optimiert die Aufmerksamkeit und darüber nicht selten die Inspiration.

Der Begründer der Promenadologie

Worüber auch die Promenadologie, also die – ja, es gibt sie wirklich! – Spaziergangswissenschaft einiges zu erzählen weiß. Begründet von dem Schweizer Soziologen und Ökonomen Lucius Burckhardt (1925-2003) untersucht die Promenadologie die wechselseitige Durchdringung von Gehen, Wahrnehmen und Denken vor allem im urbanen Raum. Sie versteht sich als kulturwissenschaftliche Disziplin, die den Spaziergang als reflexive Methode der Weltaneignung begreift.

Spazieren als Kulturtechnik

Jean-Jacques Rousseau
Wusste Spaziergänge zu schätzen: Jean-Jacques Rousseau. Bildrechte: imago/UIG

Dass nun das Gehen erst einmal die natürlichste Fortbewegungsart des Menschen ist, heißt im Umkehrschluss freilich weder, dass es fürs Denken lediglich gesunder Füße bedarf, noch dass Spazierengehen so "natürlich" ist, wie man es eventuell glauben könnte. Im Gegenteil.

Das Spazieren ist eine Kulturtechnik, die sich erst mit Beginn des bürgerlichen Zeitalters entwickelte. Ein soziales Ritual der Präsentation, des flanierenden Sehen-und-gesehen-Werdens, das mit der Zeit freilich zur mehr oder weniger quälenden Pflichtschuldigkeit sonntäglicher Familiennachmittage verkam. Und heute, fern jeglicher sozialen Klassifizierung, ist Spazieren nur eine von vielen Freizeitaktivitäten an der frischen Luft, die im Beliebtheitsranking zudem weit hinter Ertüchtigungen wie Joggen oder Radfahren zurückliegt.

Schlendern contra Leistung und Zielorientierung

Wobei letzterer Umstand schon auf eine genuine Qualität verweist: In einer auf Leistung und Zielorientierung fixierten Gesellschaft markiert das gelassene und ziellose Schlendern des Spaziergängers heute einen Kontrast, dem fast etwas Provokantes anhaften mag. Wo andere sich in schweißtreibender Körperoptimierung ergehen, manifestiert sich im zumal einsamen Spaziergang die demonstrative Distanz kontemplativer Ruhe. Vorausgesetzt natürlich, der Spaziergänger oder die Spaziergängerin geht das Spazieren richtig an. Aber was heißt das?

Bloß keine Eile!

Burckhardt schreibt: "Spazierengehende Menschen sind schon durch den Gebrauch ihrer Füße langsamer – und da sie gehen, weil sie Lust dazu haben, und nicht, um anzukommen, sind sie zeitlich unberechenbar." Die Kunst (oder eben Wissenschaft) des Spazieren liegt also darin, das nicht Zielgerichtete als zielführend zu begreifen. Das eigene Tempo zu finden und darin das Treibenlassen mit der Aufmerksamkeit, das äußere Wahrnehmen mit der inneren Reflexion zu harmonisieren. Fuß- und Gedankengang in einen Rhythmus zu bringen und somit das Denken als einen Prozess des Schritt-für-Schritt im wörtlichen Sinne zu erleben. Oberstes Gebot dabei: Bloß keine Eile!

Schriftsteller als versierte Spaziergänger

Spazierengehen ist also Bewusstseinssache oder es ist kein (richtiges) Spazierengehen. Ob man dann Wälder durchstreift oder in Parks und über Boulevards einer Großstadt flaniert, ist nebensächlich. Und es mag nicht verwundern, dass viele Wissenschaftler und Künstler, vor allem aber auffällig viele Schriftsteller versierte Spaziergänger waren. Von denen dann wieder mal der alte Goethe auf den Punkt brachte, worum es geht: "Ich ging im Walde/so für mich hin/und nichts zu suchen,/das war mein Sinn…"

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 11. Februar 2020 | 16:00 Uhr