Jazz Leipziger Musiker Philipp Rumsch komponiert Album über Angst

Seiner Angst stellt man sich nicht gern. Aber vielleicht sollte man? Philipp Rumsch, Jazzmusiker aus Leipzig, hat der Angst jetzt ein ganzes Album gewidmet. "Mikro of Anxiety and Discernment" heißt es. Frei übersetzt: "Von Angst und Einsicht".

Philipp Rumsch
Musiker, Komponist und Klangforscher Philipp Rumsch Bildrechte: Antje Kröger

Es beginnt mit einem leichten Grusel, das Album "Mikro of Anxiety and Discernment". Aber bei dem bisschen Gänsehaut bleibt es nicht: Schnell findet man sich wieder in einem Strudel aus Sorge, Beklemmung und nackter Panik.

Ein Album über die Angst zu machen, diese Idee hatte Philipp Rumsch, als ihn selbst die Angst überkam: Und zwar beim Komponieren für eben dieses Album, für das ihm nämlich erst ein Konzept gefehlt hat: "Und dann dachte ich, 'Okay, irgendwie hab ich Angst davor, jetzt anzufangen, zu schreiben', und dann dachte ich, es gibt so viele Arten und Ausprägungen von Angst und jeder kennt das."

Wie empfinden wir Angst?

Cover - Philipp Rumsch: "Mikro of Anxiety and Discernment"
Cover - Philipp Rumsch: "Mikro of Anxiety and Discernment" Bildrechte: Denovali Records

Wie empfinden wir Angst? Der Pianist und Träger des Leipziger Jazz-Nachwuchspreises 2018 wollte es genau wissen. Er hat einen Fragebogen erstellt, ihn an befreundete Musiker, Künstler und Psychologen geschickt, und so haben sie geantwortet:

"Da wird geschrieben von Sachen wie, dass Hände anfangen zu schwitzen, dass der Körper zittert, dass es extreme Kälte- und Hitzeschwankungen gibt im Körper. Viel auch, dass man irgendwie denkt, 'Um Gottes Willen, wo bin ich grade?' Eine Orientierungslosigkeit." Die Antworten hat Philipp Rumsch zu einer Textcollage verarbeitet, die im Song d4 zu hören ist.

Zwei Jahre dauerte die Arbeit an diesem Album

Menschen stehen eng beieinander, berühren und umarmen sich.
Das Philipp Rumsch-Ensemble Bildrechte: Jennifer Ressel

Bis "Mikro of Anxiety and Discernment" fertig war, hat es mehr als zwei Jahre gedauert. Aufgenommen wurde es in den Jazzanova Studios in Berlin, und das teilweise mit einer speziellen Aufnahmetechnik, die sich "binaural" nennt. "Man hat da so einen Kunstkopf", erzählt Philipp Rumsch. "Das ist ein einem menschlichen Kopf nachgebildetes Objekt, und in diesem Kopf sind zwei Mikrofone, genau an den Stellen der Ohren. Und dadurch ist es sozusagen möglich, ein dreidimensionales Bild herzustellen, mit nur zwei Signalen. Also es gibt nicht nur wie bei Stereo normal links und rechts, sondern es gibt auch oben und unten und hinten und vorne."

Bedingung, um den 3D-Sound richtig wahrnehmen zu können: mit Kopfhörern hören! Und dann klingt es schon mal, als laufe man direkt durch das Ensemble: Das Philipp Rumsch Ensemble, bestehend aus 15 Musikerinnen und Musikern, darunter auch Volker Heuken am Vibraphon, der beim Erzeugen dieser beklemmenden Töne durchaus Freude empfinden kann.

Ein komplexes Album aus spiegelbildlich angelegten Teilen

Volker Heuken bewundert die Komplexität des Albums: Klänge, Melodien, Textstellen tauchen in mehreren Tracks auf, überall finden sich Bezüge. Das Album an sich besteht aus zwei spiegelbildlich angelegten Teilen, wobei der erste Teil in die Angst hineinführen soll, erklärt der Komponist Philipp Rumsch: "Und der zweite Teil will ja genau das Gegenteil davon erreichen, also wieder raus aus dieser Grube, in der man sich in dem ersten Teil so reingefangen hat. Und hoffentlich auch mit einer Erkenntnis. Oder sei es nur: Man hat so eine Reise durchgemacht und geht da jetzt mit einem positiven Gefühl wieder raus."

So wie man also in der Mitte des Albums in die dunkelsten Abgründe seiner verängstigten Seele schaut, so schaut man am Ende auch wieder ins Licht.

Ein Porträt über Philipp Rumsch

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. März 2020 | 17:10 Uhr

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