Roman "Superbusen" Autorin Paula Irmschler macht Chemnitz zum Sehnsuchtsort

Die Stadt, wo die Nazis wohnen, die Stadt, wo Migranten nicht sicher sind, die Stadt, die der Deutschen Bahn nicht einmal einen IC-Anschluss wert ist: Die Vorurteile gegenüber Chemnitz sind gesetzt. Nur wer etwas genauer hinschaut, stellt fest, auch Chemnitz hat eine andere Seite, eine lebendige Kultur-und Musikszene und viele Studierende, die von Lebenshaltungskosten profitieren, von denen man anderswo nur träumen kann. Nun hat Paula Irmschler, geboren 1989 in Dresden und mittlerweile Redakteurin der Satirezeitschrift "Titanic", einen Roman geschrieben, der Chemnitz ganz offiziell zum Sehnsuchtsort erklärt.

Paula Irmschler
Paula Irmschler Bildrechte: Paula Irmschler

Gisela liebt Britney Spears. Für die junge Erzählerin aus Paula Irmschlers Debütroman "Superbusen" ist die Sängerin eine echte Identifikationsfigur. Als Tochter einer alleinstehenden Mutter wächst Gisela in Dresden in sogenannten prekären Verhältnissen auf und hadert mit ihrem Körper. Die Musik von Popsängerin Britney Spears gibt ihrem Leben den Glamour, den sie vermisst. 

Auszug aus dem Roman

"Und dann kam sie. Tipp, tipp, tipptipp, tippeldietipp machte sie mit ihrem Stift auf einem Tisch im einem Klassenzimmer und sah albern aus mit ihren zwei Zöpfen, der Bluse und dem Minirock und so cool in dem Sportoutfit in der Turnhalle. "… Baby One More Time" war da, und wir Mädchen fingen an, mit den Zungen zu schnalzen. (…) Wie Britney werden, wie Britney singen und tanzen, wie Britney aussehen, mit Britney befreundet sein, das waren die einzigen vorstellbaren, notwendigen Ziele fürs Leben zum Ende des letzten Jahrtausends."

Das verheißungsvolle Wort "Chemnitz"

Im neuen Jahrtausend gibt es dann nur ein Ziel: weg von Zuhause. Dass es Chemnitz wird, ist weniger Absicht als Zufall. Für eine coolere Stadt reicht das Geld nicht und für Politikwissenschaften gibt es hier keine Zugangsbeschränkungen. So kann sogar Chemnitz zum Sehnsuchtsort werden.

Das Karl-Marx-Monument in Chemnitz
Der Nischel ist ein Wahrzeichen von Chemnitz. Bildrechte: dpa

Auszug aus dem Roman

"Das verheißungsvolle Wort 'Chemnitz' - ich würde jede Wette annehmen, dass niemals jemand zuvor so über diese Stadt gedacht hat. Es war so verheißungsvoll, weil es das erste Mal Alleinsein bedeutete, das erste Mal war, dass ich selbst etwas entschieden hatte und mir nun mein Umfeld ganz neu zusammensuchen konnte."

Ausschreitungen im August 2018

Dieses Umfeld besteht für Gisela zunächst aus Freunden, mit denen sie studiert, feiert und gegen Rechts protestiert. Auch im August 2018, als sich plötzlich alle Welt für Chemnitz interessiert, weil es nach dem gewaltsamen Tod eines Mannes unweit der monumentalen Karl-Marx-Büste zu Ausschreitungen kommt.

Aus "Superbusen"

"Die Nazis nennen es Trauermarsch. Aber auf unserer Seite wissen alle, dass in Chemnitz nicht getrauert wird. In Chemnitz wird verdrängt oder aufmarschiert, je nachdem welche Herkunft die jeweiligen Opfer haben. Zunächst stehen ein paar Hundert Rechte vor dem Nischel. Sie rufen 'Mir sin das Volk'. Ein paar Naziopas machen beschwichtigende Gesten, weil ein paar Nazijungs ihre Hintern zeigen."

Das beste 80er-Jahre-Wort überhaupt

Schließlich sind es Jana, Fred und Meryam, ihre besten Freundinnen, die für Gisela zum Familienersatz werden. Mit ihnen gründet sie eine Band und zwar sehr spontan, auf dem Rückweg von einer Spritztour nach Tschechien. Den Bandnamen wählen sie, weil "Superbusen", wie sie meinen, das beste 80er-Jahre-Wort überhaupt ist, noch vor "Pornosternchen".

Aus "Superbusen"

"Für uns ging es erstmal nur nach Chemnitz zurück, aber dieses kassettige, tankstellige, wässriger-kaffee-ige Roadgefühl in diesem Moment manfestierte unser Vorhaben, und wir beschlossen, wirklich eine Band zu gründen, wirklich auf Tour zu gehen. Wir mussten nur noch irgendwie Musik kreieren, aber das würde kein Problem sein."

Britney Spears als falsches Idol?

Britney Spears @Kiss FM Jingle Ball/L.A. Kalifornien
Popstar Britney Spears Bildrechte: Getty Images/Christopher Polk

Ihren offensichtlichen Dilettantismus verkaufen "Superbusen" erfolgreich als künstlerisches Experiment, ihre erste Tour führt sie nach Marburg, Leipzig und sogar nach Berlin. Dort wohnt auch ein gewisser Paul, mit dem Gisela ein weiteres Experiment eingeht, das des Zusammenseins. Als Paul sich per SMS von ihr trennt, brechen tief sitzende Verletzungen auf. Während die Freundinnen Gisela auffangen, hat Gisela längst erkannt, dass nicht Britney Spears das wahre Idol ihrer Kindheit war.

Auszug aus dem Roman

"Ich begriff damals nicht, dass ein großes weibliches Vorbild schon längst da war und weniger glamouröse Schlachten schlagen musste: Miete, Strom, Essen und Klassenfahrten bezahlen, für alle von uns den Alltag organisieren, die Menschen aushalten, die uns verurteilten, weil wir für sie 'Assis' waren, die Verantwortung alleine tragen, weil ihr nie ein Mann welche abgenommen hat."

Ein Popsong für jede Lebenslage

"Superbusen" ist vieles zugleich: ein Coming-of-Age-Roman, ein feministischer, ein politischer, ein Ost-Roman. Das klingt anspruchsvoll und auch ein wenig anstrengend, aber das ist es überhaupt nicht. Im Gegenteil, Paula Irmschler hat mit Gisela eine verletzbare, eigensinnige und starke junge Frau erschaffen, bei der alles ganz selbstverständlich zusammengehört, die Identitätssuche, die Frauenpower, die Antifa, das Prekariat. Frei von Larmoyanz oder Minderwertigkeitskomplexen ist "Superbusen" ein Buch über Selbstermächtigung und Freundschaft, das für jede Lebenslage den passenden Popsong bereit hält. Ein mitreißendes, ein stellenweise sehr komisches, ein zärtliches Debüt, das wahrhaftig vom Leben in gegenwärtigen Zeiten erzählt. 

Mehr Infos zum Buch Paula Irmschler: "Superbusen"
Claassen-Verlag
Hardcover, 320 Seiten
ISBN: 9783546100014
Preis: 20 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 31. März 2020 | 07:40 Uhr

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