Sachbuch über ein einzigartiges Tier "Das Evangelium der Aale" - Was verbindet Aale und Menschen?

Er gilt als der rätselhafteste aller Fische: der europäische Aal. Noch immer sind Fragen zu seiner Lebensweise unbeantwortet, und das, obwohl Wissenschaftler seit Jahrhunderten dem Aal auf der Spur sind. Über diese Suche hat der schwedische Journalist Patrik Svensson ein Buch geschrieben, das in dreißig Sprachen übersetzt, schon kurz nach seinem Erscheinen weltweit gefeiert wurde. "Das Evangelium der Aale" zeigt: Mit diesem Tier hat es eine besondere Bewandtnis.

Buchcover - Patrik Svensson: "Das Evangelium der Aale"
Buchcover - Patrik Svensson: "Das Evangelium der Aale" Bildrechte: Hanser Verlag

Der Aal ist eigentlich vier Tiere in einem. Gezeugt wird er in der Sargassosee, einem Meeresgebiet östlich von Florida. Hier stirbt er auch wieder - vermutlich. Dazwischen wandert der Aal um die halbe Welt. Er ist Weidenblattlarve, wird zu Glasaal und Gelbaal, um am Ende als Blankaal zurückzukehren. Schon Aristoteles war von diesem Wesen fasziniert:

"Bei keinem anderen Tier beschreibt er so ausführlich, was sich in seinem Inneren verbirgt, wie die Organe angeordnet und die Kiemen konstruiert sind. ... Immer wieder hat er vermutlich ein Exemplar in den Händen gehalten und überlegt, was für eine Art Wesen das wohl sein mochte. Und ist letztendlich zu dem Schluss gekommen, das der Aal etwas Einzigartiges ist."

Seit Jahrhunderten Forschungsobjekt

Junge Glasaale schwimmen in einem Plastikbehälter
Junge Glasaale schwimmen in einem Plastikbehälter Bildrechte: dpa

An diesem Eindruck hat sich jahrhundertelang nichts geändert. Denn Rätsel wirft der Aal bis heute auf, auch wenn Wissenschaftler inzwischen viel mehr über ihn wissen. Anschaulich berichtet Patrik Svensson, mit welcher Leidenschaft und Mühe man viele Geheimnisse nach und nach zu lüften suchte. Etwa der Däne Johannes Schmidt, der nach zwanzig Jahren Forschung zeigen konnte, dass die europäischen Aale zur Fortpflanzung in die Sargassosee wandern. Weniger erfolgreich war dagegen Sigmund Freud, der - zu seinem Frust - ein halbes Jahrhundert zuvor in Triest daran gescheitert war, die Keimdrüsen des Aals zu finden:

"Vierhundert Aale hatte er aufgeschnitten und nicht von einem hatte sich beweisen lassen, dass er männlich war. … Was also fand Sigmund Freud in Triest? Vielleicht, wenn schon nicht anderes, eine erste Erkenntnis darüber, wie weit unter der Oberfläche manche Wahrheiten verborgen liegen. Beim Aal, wie auch beim Menschen."

Hat der Aal die moderne Psychoanalyse beeinflusst?

Hatte der Aal damit die moderne Psychoanalyse beeinflusst? Das ist ein weiteres großes Thema in Patrik Svenssons lehrreichem Buch. Nämlich die These, dass die Geheimnisse des Aals auf existentielle Fragen des Menschen verweisen. Erst zwanzig Jahre später etwa gelang es zu entdecken, wonach Freud vergeblich gesucht hatte: Die Geschlechtsorgane des männlichen Aals. Wegen dieser Widerspenstigkeit dagegen, erkannt zu werden, verortet Svensson den Aal im Grenzland zwischen Glauben und Wissen.

Irgendwo in der Dunkelheit und im Schlamm gelang es dem Aal immer wieder, sich der Erkenntnis zu entziehen. Wo es um ihn ging, sah sich der ansonsten wissende Mensch immer wieder aufs Glauben zurückgeworfen.

aus "Das Evangelium der Aale"

Svensson verbindet seine Vater-Sohn-Beziehung mit dem Aal

Hier wird Patrik Svensson manchmal ein bisschen esoterisch. Zum Beispiel, wenn er ohne Ergebnis über die Gefühlswelt des Aals philosophiert oder fragt, was nun genau das Tier vom Menschen unterscheidet, einfach, weil das Geheimnisvolle des Aals so viele Projektionsmöglichkeiten bietet. Dennoch gelingt es Svensson überzeugend, die Suche nach Erkenntnissen über den Aal mit seiner eigenen Lebensgeschichte zu verknüpfen. Das ist der dritte große Strang: Die Vater-Sohn-Beziehung, die sich quasi über den Aal konstituiert.

"Es war mein Vater, der mir beibrachte, Aale zu fangen. Im kleinen Flusslauf, der an den Feldern seines Elternhauses vorbeifloss. … Aus dem Kofferraum holten wir zwei schwarze Eimer mit Anglergerätschaften, eine Taschenlampe sowie eine Dose Würmer. Dann zogen wir los. Nach etwa vierzig Metern blieb mein Vater stehen und sah sich um: 'Hier ist es gut', sagte er."

Das Aaleangeln ist eine eigene Kultur

Mit starken Bildern beschreibt Patrick Svensson die Abende in der Natur, die Vater und Sohn immer wieder zusammenschweißen. Und: Er führt den Leser ein in eine weitere, kaum bekannte Welt: In die Kunst des Aaleangelns, die über Jahrhunderte ihre eigene Infrastruktur und eine eigene Kultur hervorgebracht hat. Mit der wird es allerdings, so fürchtet der Autor, bald zu Ende gehen:

"Alle seriösen Berechnungen sprechen davon, dass die Anzahl neu ankommender Glasaale in Europa heute nur noch ein bis fünf Prozent dessen beträgt, was aus den 70er-Jahren bekannt ist. Wo in meiner Kindheit jedes Jahr einhundert kleine Glasrütchen den Fluss hinaufschwammen, tritt heute nur noch eine knappe Handvoll diese Reise an."

Dem Aal droht ein baldiges Ende - menschengemacht

Das Buch endet mit dem Tod des Vaters, der - jahrelang als Straßenbauer giftigen Dämpfen ausgesetzt - viel zu früh an Lungenkrebs stirbt. Dieses berührende Schlussbild steht symbolhaft für das Schicksal, das dem Aal droht. Denn auch seine prekäre Situation ist menschengemacht. Patrik Svensson wunderbare Würdigung dieses faszinierenden Tieres mahnt dringlich, dem mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Informationen zum Buch: Patrik Svensson: „Das Evangelium der Aale“
übersetzt aus dem Schwedischen von Hanna Granz
erschienen im Hanser Verlag
256 Seiten, 22 Euro
ISBN: 978-3446265844

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. April 2020 | 08:10 Uhr