Buch: "Die feine New Yorker Farngesellschaft" Oliver Sacks' Loblied auf die Amateurforscher

Der berühmte britische Neurologe Oliver Sacks zeigt in seinem Buch "Die feine New Yorker Farngesellschaft" was wahre Naturbegeisterung ist. Bislang ist er hierzulande eher mit seinen Fallgeschichten aus seiner neurologischen Praxis bekannt geworden, mit Büchern wie "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" oder "Der Tag, an dem mein Bein fortging". Sein Reisebericht liest sich ebenso mitreißend und spannend.

Oliver Sacks
Oliver Sacks Bildrechte: imago/Leemage

Im kalten Winter des Jahres 2000 reist der Neurologe Oliver Sacks mit der "New Yorker Farngesellschaft" nach Mexiko, genauer gesagt handelt es sich um eine botanische Exkursion in die Provinz Oaxaca. Seine Erinnerungen daran hat der 2015 verstorbene Autor in dem Buch "Die feine New Yorker Farngesellschaft, eine Reise nach Mexiko" festgehalten.

Es lebe das Hobby

Die meisten Mitglieder dieser Reisegesellschaft sind Amateurbotaniker – so wie auch Oliver Sacks. Er ist im pflanzenvernarrten England aufgewachsen. Als Kind hat er im Natural History Museum riesige versteinerte Bärlapp- und Schachtelhalmpflanzen gesehen. Seine Mutter pflegte den Farngarten der Familie, der noch aus viktorianischer Zeit stammte. Und gelegentlich führte ein Sonntagsspaziergang in den Botanischen Garten.

Dort sah ich zum ersten Mal Baumfarne mit sechs bis zehn Meter hohen Wedeln und Nachbildungen der Farnschluchten in Hawaii und Australien. Ich fand, dass dies die schönsten Landschaften waren, die ich je gesehen hatte.

Oliver Sacks in seinem Buch "Die feine New Yorker Farngesellschaft"
Oliver Sacks, Die feine New Yorker Farngesellschaft. Eine Reise nach Mexiko
Cover des Buches "Die feine New Yorker Farngesellschaft" von Oliver Sacks Bildrechte: Liebeskind

Nun ist Sacks also in Mexiko, einem Land, in dem es tausende Farnsorten gibt, diese Pflanzen von sympathischer Zurückhaltung, die aus fernen Erdzeitaltern stammen, als es noch keine Blüten gab. Sacks beschreibt die Entdeckerlust so: "John Mickel zeigt uns den Wedel eines seltenen Elaphoglossum – anscheinend hat er sei Leben riskiert, um ihn zu bekommen, und ist weit auf einen Ast hinaus gekrochen; der Ast brach unter seinem Gewicht und um ein Haar wäre er hinunter gestürzt."

Spätestens hier wird klar, dass es dem Autor in seinem höchst unterhaltsamen Reisebericht nicht nur um Farnspezies geht, sondern vor allem um die Spezies des leidenschaftlichen Amateurbotanikers, in dessen geräumigem Geist neben dem Farn zum Beispiel auch Kandelaberkakteen Platz finden: "Man reißt sie aus der Erde, um Zaunpfosten daraus zu machen, und diese treiben dann oft neue Wurzeln und vermehren sich. Und so halten wir eine ad-hoc-Konferenz zum Thema 'lebende Zäune' ab und diskutieren ausgiebig das Bauen mit Pflanzen."

Drei Leute im Wald von Mexiko
Ein mexikanischer Baumfarn wird begutachtet und fotografiert Bildrechte: imago images / Nature Picture Library

Gemischte Reisetruppe

Unter den Diskutanten gibt es tatsächlich eine Handvoll studierter Botaniker, aber auch einen Physiker, Computerspezialisten, eine Mathematikerin, einen Landwirt oder eben Oliver Sacks, den Neurologen. Amateure wie diese waren schon immer unentbehrlich für den Fortgang der Naturwissenschaften. Früher waren es Adlige wie Alexander von Humboldt zum Beispiel, aber auch Pastoren oder Lehrer. Heute, im Zeitalter des kleinteiligen Spezialistentums, sind sie wichtiger denn je – vor allem bei der Feldforschung.

Da sie unabhängig sind von Forschungsstipendien und der Unterstützung durch irgendwelche Institute, reisen sie an Orte, an die bezahlte Fachleute nicht gelangen und beschreiben jedes Jahr neue Arten.

Oliver Sacks über Amateurforscher

Die Reisenden der "New Yorker Farngesellschaft" besuchen auch historische Stätten, die Ruinen von Mitla etwa oder die von Monte Alban. Das botanische Interesse reicht bis in die Antike und zum Beispiel zu der Frage, wie für das zapotekische Ballspiel der Latex für die Bälle hergestellt wurde.

Oliver Sacks
Oliver Sacks Bildrechte: imago/Leemage

In diesem Bus ist eine riesige Menge Wissen versammelt und ich denke, dass es für die systematische Botanik ein unersetzlicher Verlust wäre, wenn wir einen Unfall hätten. Und ich empfinde ein Gefühl der Freude, so ungewohnt, dass ich es zunächst nicht erkannt habe … das schöne Gefühl, Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

Oliver Sacks in seinem Buch "Die feine New Yorker Farngesellschaft"

Oliver Sacks hinterlässt den Leser mit einigem Neid auf diese besondere Art des Reisens und auf diese Reisegefährten. Sie sind verbunden durch etwas, wofür es im Deutschen nur den seltsam abwertenden Begriff des "Hobbys" gibt, das aber nichts anderes ist als wahrhaftige, brennende Leidenschaft.

Angaben zum Buch Oliver Sacks: "Die feine New Yorker Farngesellschaft. Eine Reise nach Mexiko"
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
192 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN 978-3-95438-109-8
Verlag Liebeskind

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Dezember 2019 | 12:40 Uhr

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