Kommentar zu den Nobel-Vorlesungen "Olga Tokarczuk ist in der Welt zu Hause und Peter Handke im Ich"

Olga Tokarczuk und Peter Handke haben am Wochenende ihre Nobelvorlesungen gehalten. Dabei offenbarten sie ein sehr unterschiedliches Verständnis von Literatur, von der Arbeit des Schreibens und von ihrem Verhältnis zur Welt. Am Dienstag haben beide den Literaturnobelpreis überreicht bekommen: Tokarczuk ("Die Jakobsbücher") für 2018 und Peter Handke ("Die Obstdiebin"), der zuletzt wegen seiner Haltung zum Jugoslawien-Krieg in der Kritik stand, für 2019.

Die Literaturnobelpreisträgerin 2018, Olga Tokarczuk, und Literaturnobelpreisträger 2019, Peter Handke, kommen zu ihren Nobelvorträgen an die Schwedische Akademie
Die Literaturnobelpreisträgerin 2018, Olga Tokarczuk, und Literaturnobelpreisträger 2019, Peter Handke, kommen zu ihren Nobelvorträgen an die Schwedische Akademie Bildrechte: dpa

Vorweg: Ich habe von Peter Handke viel mehr gelesen als von Olga Tokarczuk. Vor etwa 30 Jahren habe ich mehrere Handke-Bücher gelesen und mir viele Sätze notiert. Doch jetzt, als ich das noch mal gesichtet habe, kommt mir vieles wie aus einer anderen vergangenen Zeit vor. Gerade mit Blick auf die Vorlesungen, die die beiden am Wochenende in Stockholm gehalten haben, scheint mir das Literaturverständnis der Olga Tokarczuk ein viel spannenderes zu sein. Es ist viel offener und fragender, gerade im Kontrast zu Handke, der sofort in sein eigenes Denkmalgebäude eingezogen ist. Diesen weihevollen Habitus hat Handke hundertmal durchgespielt, mir scheint, er kalkuliert die Empörung der Kritiker fast schon mit ein. Ich finde das aber überhaupt nicht empörend, sondern sehr erwartbar und ausrechenbar. Sein unbedingtes Beharren auf die radikal eigene Wahrnehmung, dieses ewige Umkreisen der eigenen Herkunft und Biografie, das ist natürlich schon literarisch legitim.

Tokarczuk über Verhältnis von Erfundenem und Realität

In ihrer Nobelvorlesung zeigt sich Olga Tokarczuk als eine Autorin, die sich mit allem, was ihr zur Verfügung steht, mit der Gegenwart und der Geschichte aussetzt. Sie geht weit über ihre eigenen biografischen Erfahrungen hinaus und findet dafür auch die sprachlichen Mittel. Tokarczuk hat auch eigene Überlegungen zum Handwerk der Literatur gerade unter den heutigen Bedingungen mit eingebaut. Sie hat in ihrem Vortrag über das Verhältnis von Erfundenem und Realität nachgedacht und darüber, welche Erzählperspektive die heutigen Welten tragen könnten.

Handke sonnt sich in seinem Werk

Handke scheint mir demgegenüber blass, er beginnt nicht einmal mit einer Anrede an das Publikum, sondern versenkt sich sofort in einen eigenen Text aus den 80er-Jahren. Das ist eben dieses Priesterhafte, da geraten wir sofort in ein Esoterik-Gewitter: Er zitiert aus seinem Langgedicht "Über die Dörfer": "Sei absichtslos, sei weich und stark und verachte den Sieg, beobachte nicht, prüfe nicht, sei bereit für die Zeichen, sei erschütterbar, wink die andern in die Tiefe, zeig deine Augen, scheitere ruhig, überhör keinen Baum und kein Wasser, weich aus in die Menschenleere, zerlach den Konflikt" - das ist der pathetische Tonfall desjenigen, der sich berufen fühlt und gar nicht merkt, dass so was in dieser Häufung heute alles ziemlich abgenutzt und fast schon ein bisschen gemütlich und seicht klingt. Dass er nun nichts zu Jugoslawien gesagt hat, finde ich nicht schlimm, da wird er nichts mehr zurücknehmen. Aber er hat sich ansonsten nur in sich selbst gespiegelt und gesonnt.

Eine Stimme der 20. Jahrhunderts und eine des heutigen Europas

Ich kann mir vorstellen, dass die Jury, die gerade für ihre Entscheidung pro Handke heftig gescholten wurde, letztlich ganz zufrieden ist: Der Erfolg einer solchen kulturpolitischen Entscheidung wird vor allem danach bemessen, was sie in der Öffentlichkeit ausgelöst hat - und das war eine ganze Menge. Und klar ist: Es wurde mit Handke ein Autor benannt, der zumindest im 20. Jahrhundert die Weltliteratur befeuert hat, und mit Tokarczuk eine Autorin, die gerade dabei ist, sich unüberhörbar in diese Literatur einzuschreiben. Tokarczuks Roman "Die Jakobsbücher" ist 2019 erst auf Deutsch erschienen, führt ins Polen des 18. Jahrhunderts und erzählt trotzdem auch ganz bedrängend vom heutigen Europa. Dieser Roman wird mit dem Literaturnobelpreis hoffentlich auch in aller Welt gelesen werden.

Mehr zu den Literaturnobelpreisträgern

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Dezember 2019 | 08:40 Uhr

Abonnieren