Superstar der Neuen Deutschen Welle Nena wird 60 - So wurde "99 Luftballons" zum Hit

"Komm nach Hagen, werde Popstar, mach dein Glück", sang die Band Extrabreit 1982. Eine musste nicht mehr nach Hagen kommen, denn sie stammt von dort: Die Sängerin Nena, die mit Hits wie "Leuchtturm", "Rette mich" und natürlich dem Klassiker "99 Luftballons" sogar international Furore machte und zur Galionsfigur der sogenannten Neuen Deutschen Welle wurde. Heute wird Nena, die den Zeitgeist der 80er-Jahre bündelte, wie kein anderer deutscher Popstar, 60 Jahre alt.

Pershing II hieß das Schreckgespenst. Pershing II, das waren ballistische Mittelstreckenraketen, die die NATO Anfang der 80er-Jahre in Westdeutschland stationieren wollte. Und wie so vielen anderen ging Carlo Karges die Muffe, dass der sogenannte Kalte Krieg nur allzu bald in die letzte Atomschlacht zwischen Amerikanern und Sowjets münden würde. Karges spielte Gitarre in einer Berliner Band und hatte die Alltagspoesie im kleinen Finger. Und während er bei einem Gig der Stones 1982 Hunderte von Luftballons gen Himmel steigen sah, kam Karges eine Songidee. Es war kein Lied, das jeder singen konnte, eigentlich nur die 22-Jährige, die neben ihm stand: Nena hieß sie.

Der Schlager, wo ich herkomme, also als Acht-, Neunjährige, wo ich dann wusste, ich will reich und berühmt werden, da haben mich dann Michael Holm beeinflusst, Christian Anders und Peter Maffay mit 'Du' natürlich.

Nena

Von den Rolling Stones zu "99 Luftballons"

Die deutsche Popsängerin Nena ("99 Luftballons") mit ihrer Band (l-r): Rolf Brendel (Schlagzeug), Nena, Jürgen Demel (Bass), Uwe Fahrenkrog-Petersen (Tasteninstrumente) und Carlo Karges (Gitarre). Aufnahme vom 22.03.1983.
Nena mit ihrer Band (von links): Rolf Brendel (Schlagzeug), Jürgen Demel (Bass), Uwe Fahrenkrog-Petersen (Tasteninstrumente) und Carlo Karges (Gitarre). Bildrechte: dpa

Fünf Jahre zuvor hatte ein gewisser Rainer Kitzmann ebenjene Nena in einer Hagener Disco angequatscht. Ob sie Lust habe, eine Band mit ihm zu gründen – und das war nicht mal als Anmache gemeint. Und Nena kennt durchaus noch andere Sounds als "Tränen lügen nicht". Ihre ersten Aufnahmen mit Kitzmann und der Band The Stripes verblenden Suzi Quatro gekonnt mit Lene Lovich und Blondie – nur dass das "girl wonder" niemand auf Englisch hören will.

Mehr als "Tränen lügen nicht"

Aber plötzlich hat Deutschland zum ersten Mal eine eigene Popmusik. Sie nennt sich Neue Deutsche Welle, eine Art Neo-Schlager im New-Wave-Design. Und schon ihre zweite Single unter dem Namen Nena schlägt ein wie eine Pershing II. Tatsächlich handelt es sich um den Song, den Gitarrist Carlo Karges nach einem Rolling-Stones-Gig in Berlin für sie getextet hat; die Musik stammt von Uwe Fahrenkrog-Petersen. Der Geniestreich heißt "99 Luftballons", der größte Song, den die NATO je hervorgebracht hat: Eine Powerpop-Hymne, die Friedensbewegung und Rotz der frühen Jahre, Kinderlied und Endzeitstimmung fabulös vereint.

Smash-Hit in den USA

Sängerin Nena, 1984 anlässlich eines Konzerts
Nena bei einem Auftritt im Jahr 1984. Bildrechte: imago images / Frinke

Dieser Song, ein weltweiter Megaseller, wird selbst in den USA zum Smash-Hit, nachdem ihn die Kinder-vom-Bahnhof-Zoo-Vorzeige-Fixerin Christiane F. in der Sendung des amerikanischen Punk-DJs Rodney Bingenheimer vorgestellt hat. Und "99 Luftballons" ist nicht nur Nenas theme song. Er ist Nena selbst, das schmale, herausfordernde Gesicht der ersten wahrhaft entnazifizierten Generation, einer Jugend, die so etwas wie die Geburt einer Nation aus dem Geist des Punk zelebriert. Nena ist die perfekte Verkörperung des Zeitgeists, Unschuld und Rampensau zugleich. Und natürlich hat sie auch das gewisse Etwas, wie es alle Projektionsflächen brauchen.

Sie hat ein Face, wie Monroe es hatte, wie es James Dean hatte, wie es Elvis hatte.

Peter Maffay, Schlager-Rocker

Dass bald darauf die sogenannte Generation Golf anrollte, die den Wende-Onkel Helmut und den Shopping-Kapitalismus für sich entdeckt hatte, war die ganz profane Ironie des Backlashs.

Jurorin bei "The Voice"

Nena
Mit Songs wie "Leuchtturm", "Rette mich" oder "Nur geträumt" hat Nena die Popmusik geprägt. Bildrechte: imago images / teutopress

Nena selbst war Mutter geworden, ehe sie in den Zehnerjahren in Castingshows wie "The Voice" zur Privatsender-Pop-Mami der Nation wurde. 2007 hatte sie noch das Album "Cover Me" herausgebracht, auf dem sich eine herzzerreißende Version des T.-Rex-Klassikers "Children of the Revolution" befindet – ein langer, elegischer Seufzer, der in direkter Verbindung zu ihrer ersten, besten Single von 1982 zu stehen scheint. Sie heißt: "Nur geträumt".

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. März 2020 | 12:10 Uhr

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