Sachbuch "Mitternacht in Tschernobyl" Wie die Menschen in Tschernobyl ihr Leben riskierten – und verloren

Spannender als die Serie "Chernobyl": Das Sachbuch "Mitternacht in Tschernobyl" des amerikanischen Journalisten Adam Higginbotham erzählt die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aus der Sicht der Beteiligten: Vom Kraftwerksdirektor bis zum Feuerwehrmann.

Blick auf den zerstörten Reaktor im ehemaligen Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine
Der zerstörte Reaktor im ehemaligen Kernkraftwerk Tschernobyl Bildrechte: dpa

Das Reaktorunglück von Tschernobyl versetzte im April die ganze Welt in Unruhe, auch in Deutschland machte man sich Sorgen um verstrahlte Lebensmittel. Das Buch des New Yorker Journalisten Adam Higginbotham erzählt die Geschichte dieses GAUs, des größten anzunehmenden Unfalls, erstmals in seiner gesamten Komplexität. Faszinierend an diesem Sachbuch ist vor allem, dass es eben nicht sachlich erzählt, sondern anhand persönlicher Schicksale und konkreter Orte. Higginbotham hat seine jahrelangen Recherchen im Stil des "New Journalism" niedergeschrieben.

Geschichte der Menschen vor Ort

Bau des Betonsarkophags nach der Katastrophe im AKW Tschernobyl
Hunterttausende wurden während der Aufräumarbeiten und dem Bau des Beton-Sarkophargs verstrahlt. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Seine Geschichte des Unglücks von Tschernobyl stellt die Menschen vor, die daran beteiligt waren: Den karrieristischen Kraftwerksdirektor. Den Feuerwehrmann, der in den Stunden nach der Explosion in tödlich verstrahlter Umgebung versucht, das Feuer zu löschen. Die Bürger der Stadt Prypjat, die ihre Wohnungen für immer verlassen müssen und monatelang nicht wissen, was aus ihnen werden soll. Diese Menschen und die Orte, in denen sie leben, arbeiten und viele von ihnen auch sterben, werden sehr bildhaft und literarisch beschrieben. Man erlebt förmlich mit, wie sie an der Strahlenkrankheit leiden und auf grausame Weise zu Grunde gehen. Wie sie ihr Leben aufs Spiel setzen, um die Folgen des Unfalls, der die ganze Welt bedroht, einzudämmen. Wie sie an der sowjetischen Elite, die die Ursachen des Unglücks verschleiern will, regelrecht verzweifeln. Das Buch enthält zudem teilweise private Fotos, und man kann beim Lesen kaum anders, als mit den Menschen vor Ort mitzufühlen, für sie zu hoffen. Wissend, dass die Radioaktivität viele von ihnen zerstören wird.

Faszination des realen Schreckens

Higginbotham hat dabei nicht nur versucht, alle Quellen und Dokumente einzusehen, was er in einem 150-seitigen Anhang gründlich belegt, sondern er hat hunderte Zeitzeugen interviewt, hat Orte wie die vollständig geräumte Geister-Stadt Prypjat besucht, die 1970 eigens für das Kraftwerk gebaut wurde und in der nach dem Unglück in kürzester Zeit mit tausenden Bussen mehr als 20.000 Menschen evakuiert wurden. Das schildert er anhand von Augenzeugen-Berichten, in denen man die Dimension der Katastrophe in jeder Zeile spüren kann. Der Unfall von Tschernobyl hat eine so riesige Fläche für Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte unbewohnbar gemacht, dass man am liebsten nicht darüber nachdenken möchte, was noch alles passieren könnte. Man tut es dann natürlich doch. Und bekommt einen Schreck.

Die Stadt Prybjat
Die Stadt Prybjat Bildrechte: IMAGO

Die Stadt Kiew evakuiert auf Grund der Strahlung hunderttausende Kinder. In der menschenleeren Stadt Prypjat gehen noch ein Jahr nach der Evakuierung jeden Abend die Straßenlaternen an. In einem Moskauer Spezialkrankenhaus kämpfen Ärzte oft vergeblich um das Überleben derjenigen, die als erste zum brennenden Kraftwerk gerufen wurden. Es ist diese Faszination des realen Schreckens, mit der Higginbothams Buch fesselt.

Weltgeschichte und Ende des Kalten Krieges

Eine weitere Qualität des Buches ist es, dass es diesen "Störfall"  – wie ein Buch von Christa Wolf darüber hieß –  in die Weltgeschichte einbettet. Der Unfall im Reaktor fällt in die frühe Regierungszeit Michail Gorbatschows, der für Transparenz und Offenheit stand. Welche Rolle Gorbatschow in diesem Fall und welche Rolle die Katastrophe für die Entwicklung der Sowjetunion spielt,  bezieht Higginbotham in sein Buch ein.

Männer mit Wasserschläuchen
Arbeiter versuchen das verstrahlte Gelände zu dekontaminieren. Bildrechte: dpa

Es ist auch ein Buch über die letzten Jahre des Kalten Krieges und den beginnenden Zerfall der Sowjetunion. Wir lesen von einem schockierten Generalsekretär Gorbatschow und internen Kämpfen um die Frage, was über das Ausmaß der Katastrophe man den Menschen in der Sowjetunion und in der Welt mitteilt. Und wie man es tut. Die Schäden von Tschernobyl sind in jeder Hinsicht – moralisch, wirtschaftlich, politisch – einer der Sargnägel der Sowjetunion. Auch das beschreibt Higginbotham nicht abstrakt, sondern sehr genau. Nachdem sich die Sowjetunion zunächst lange weigert, die Welt korrekt zu informieren und internationale Hilfe anzunehmen, lesen wir von amerikanischen Ärzten, die selbst mit modernsten Methoden bei der Behandlung der Strahlenkrankheit scheitern. Wir lesen von deutschen, finnischen und amerikanischen Hi-Tec-Maschinen, die bei den Räumarbeiten in Tschernobyl zum Einsatz kommen – und angesichts der gigantischen Strahlung versagen. Am Ende werden zehntausende Menschen das Gelände mit teilweise abenteuerlich anmutenden, improvisierten Hilfsmitteln, manchmal aber auch schlicht per Hand beräumen und den riesigen Sarkophag über den Reaktor bauen. Viele von diesen Helfern, die man zynisch "Bio-Roboter" nannte, bezahlen diesen Einsatz mir ihrem Leben.

Unvorstellbar und spannend

Adam Higginbotham: Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten
Bildrechte: S.Fischer Verlag

Ähnlich wie die ebenfalls sehr spannende Serie "Chernobyl" zu diesem Thema erzählt das Buch das Unglück an persönlichen Schicksalen entlang. Aber es schafft eben noch mehr: Man muss sich das Unvorstellbare selbst vorstellen. Man durchlebt es förmlich beim Lesen. Und dadurch macht es, ohne irgendwie belehrend zu sein, noch einmal bewusst, was für eine mörderische Kraft die Atomkraft sein kann, wenn sie außer Kontrolle gerät. Der Titel "Mitternacht in Tschernobyl" ist vielleicht – auf das Marketing zielend – etwas zu laut übersetzt. Das Original heißt "The Untold Story", was man auch als die "noch nicht erzählte" oder die "unvorstellbare" Geschichte verstehen kann. Sei’s drum. Dieses Buch ist ein Thriller, der auf Fakten basiert. Auf Fakten, die so ausführlich bisher noch niemand zusammengetragen hat. Und auf Emotionen, die mich als Leser wahnsinnig ergriffen haben. Was für Schicksale! Meine Empfehlung: Sollten Sie "Mitternacht in Tschernobyl" zu Weihnachten geschenkt bekommen, fangen Sie bitte nicht gleich nach der Bescherung zu lesen an. Sie könnten die Weihnachtsgans am ersten Feiertag verpassen.

Angaben zum Buch Adam Higginbotham
"Mitternacht in Tschernobyl. Die geheime Geschichte der größten Atomkatastrophe aller Zeiten"
S.Fischer Verlag,
640 Seiten
25 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. November 2019 | 08:10 Uhr

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