Staatliche Kunstsammlungen Dresden Nach 36 Jahren als Restauratorin: Marlies Giebe geht in Ruhestand

Die Dresdner Galerien Alte und Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden stehen im Ruf, gut gepflegt zu sein – was den konservatorischen Zustand der Gemälde und ihr Erscheinungsbild betrifft. Das heißt, dass den Bildern jene konservatorische und im nötigen Fall auch restauratorische Aufmerksamkeit zuteilwird, die sie brauchen. Dafür gesorgt hat viele Jahre Marlies Giebe, die Leiterin der Gemälderestaurierung der SKD mit ihren wenigen festangestellten und vielen freien Kolleginnen und Kollegen. Jetzt beendet sie nach 36 Dienstjahren ihre Tätigkeit für die Staatlichen Kunstsammlungen.

Marlies Giebe, 2018
Marlies Giebe, Leiterin der Gemälderestaurierung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, geht in den Ruhestand. Bildrechte: dpa

Aufräumen im Büro! In 36 Dienstjahren hat sich viel angesammelt. Wobei Dienst für die umsichtige Arbeit von Marlies Giebe der falsche Begriff ist. Berufung wiederum klingt hochgestochen und passt irgendwie nicht zum sachlich-noblen Auftreten der Restauratorin. Als Tochter eines Künstlerehepaars – ihr Vater Gerhard Kettner war ein bedeutender Zeichner und Grafiker, zeitweilig Rektor der Dresdner Kunsthochschule, ihre Mutter Gitta ist vor allem als Illustratorin hervorgetreten – ist sie mit Kunst aufgewachsen. Da aber auch die Naturwissenschaften ihr Interesse fanden, kam die neu eingerichtet Restauratorenausbildung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden ihr gerade recht.

Diese Jahre waren toll mit dem Aufbau des ersten naturwissenschaftlichen Labors in Dresden unter Prof. Schramm und in der Fachklasse von Ingo Sandner.

Marlies Giebe, Restauratorin

Restaurierung als Abenteuer

Marlies Giebe überprüft 2018 nach der Restaurierung den Zustand des Gemäldes
Seit 2003 leitet Marlies Giebe die Gemälderestaurierung der Kunstsammlungen Dresden. Bildrechte: dpa

Drei Jahre blieb sie als Assistentin an der Hochschule, ging dann zu den Staatlichen Kunstsammlungen, wo sie im Juli 2003 die Leitung der Gemälderestaurierung übernahm. Dort war sie für die konservatorische Betreuung Tausender Bilder von der Frührenaissance bis zur Gegenwart zuständig. Sie hat Quadratzentimeter um Quadratzentimeter alte Firnisschichten abgenommen und  große  aufsehenerregende Projekte, wie die Restaurierung von Vermeers "Kupplerin" oder des vierteiligen "Cuccina"-Zyklus von Veronese, konzipiert und vorangetrieben. Jede Restaurierung sei wie ein Abenteuer gewesen – das mit Tatkraft und Ehrgeiz anzugehen war.

Man muss professionelle Sicherheit entwickeln, um zu agieren – und trotzdem die Ehrfurcht nicht verlieren.

Marlies Giebe, Restauratorin

Das Jahrhunterthochwaser als Zäsur

Jahrhundertflut 2002: Wasserpalais Schloss Pillnitz
Wasserpalais Schloss Pillnitz während der Flut 2002. Bildrechte: dpa

Mit der Einrichtung einer großen Werkstatt mit Nordlicht im schwebenden Dach des Albertinums und eines großen hochwassersicheren Depots haben sich im Laufe der Zeit und als Folge des Hochwassers 2002 die Arbeitsbedingungen verbessert.  Auch dafür hat sie gekämpft: "Ich bin wirklich richtig stolz, dass es in der Zeit, wo ich hier war, gelungen ist, diese Außendepots in Pillnitz und in Moritzburg aufzulösen und hier im Albertinum ein Depot für Gemälde zu schaffen, das auf einem hohen Niveau die besten Bedingungen bietet."

Das Jahrhunderthochwasser ist für sie – wie wohl für alle, die das aus der Nähe erlebt haben – nach wie vor eine Zäsur. In nur wenigen Stunden mussten am 13. August 2002 aus den tiefergelegenen Depots bei steigendem Wasser und ausgefallener Elektroenergieversorgung fast 3.000 Bilder und Rahmen geborgen werden.

Das waren moderne Depots, die waren 1992 erst eingerichtet worden. Die haben keine zehn Jahre wirklich das geleistet, was sie sollten: zu bewahren.

Marlies Giebe

Wiedereinrichtung der Galerie Alte Meister

Viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl waren auch nötig bei der Wiedereinrichtung der Galerie Alte Meister in diesem Jahr. Um trotz der zahlreichen Restaurierungen – die nicht nur das Erscheinungsbild des einzelnen Gemäldes veränderten, sondern auch das der ganzen Galerie – den Zusammenhang dieser Sammlung nicht aufzugeben. Denn seit dem 18. Jahrhundert ist diese durch die einheitliche Rahmung und den traditionell eher dunklen Firnis, manche nennen ihn den goldenen Galerieton, sehr homogen. Diesen Zusammenklang  nicht völlig zugunsten der Wirkung des Einzelbildes aufzugeben, war ein Spagat.

Leihverkehr contra Konservierung

Besucher der Gemäldegalerie - Alte Meister - bestaunen Raffaels Sixtinische Madonna
In der Gemäldegalerie Alte Meister wird Raffaels "Sixtinische Madonna" bestaunt. Bildrechte: imago/momentphoto/Robert Michael

Dem wachsenden internationalen Leihverkehr steht die erfahrene Restauratorin kritisch, aber keinesfalls ablehnend gegenüber, wenn er mit Umsicht betrieben wird und nicht nur die immer gleichen Werke um die Welt gehen. Jede einzelne Leihanfrage wird sorgfältig geprüft. Die berühmte "Rote Liste" mit der "Sixtinischen Madonna" an der Spitze, die der viel zu früh verstorbene Generaldirektor Martin Roth gelegentlich erwähnte, gibt es tatsächlich – auch wenn sie nicht so heißt.

Es gibt wirklich Werke, die sind konservatorisch in einem Zustand – die brauchen die bestmögliche Ruhe und Stabilität, um erhalten zu werden. Die können nicht reisen.

Marlies Giebe

Marlies Giebe wird der Galerie immer verbunden bleiben, wenn sie um ihren Rat gebeten wird und als aufmerksame, sachkundige, ungemein begeisterungsfähige jetzt von den täglichen Pflichten entbundene Besucherin.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. Mai 2020 | 15:45 Uhr