Roman "Tschudi" Mariam Kühsel-Hussaini begeistert die Leser für die Kunstgeschichte

In ihrem Roman "Tschudi" erzählt Mariam Kühsel-Hussaini vom Kampf um die Kunst an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert, noch weit vor den Goldenen Zwanziger Jahren. Im Mittelpunkt steht der Museumsdirektor Hugo von Tschudi, der sich früh für die Maler der Moderne wie Manet, Monet oder Renoir einsetzt und deren Werke nach Berlin holt. Doch damit schafft er sich auch mächtige Gegner.

Der Kampf um die Moderne tobte in Berlin schon zum Ausgang des 19. Jahrhunderts als der deutsche Kaiser noch fest auf seinem Thron saß und stolz die Pickelhaube auf seinem Kopf spazieren führte. Von diesem Kampf erzählt die Schriftstellerin Mariam Kühsel-Hussaini in ihrem vierten Roman.

Eine junge Frau betrachtet in der Berliner Nationalgalerie das Bild "Im Wintergarten", des Malers Eduard Manet (1879)
Hugo von Tschudi holte Bilder wie "Im Wintergarten" des Malers Eduard Manet nach Berlin Bildrechte: dpa

Romanheld wird als Überfigur gezeichnet

Im Mittelpunkt steht Hugo von Tschudi, der nach historischem Vorbild gezeichnete, umtriebige und innovative Direktor der Nationalgalerie in Berlin. Der historische Tschudi war eine imposante Erscheinung: großgewachsen, vornehm, selbstbewusst, eloquent, so haben Zeitgenossen ihn beschrieben. Kühsel-Hussaini macht ihren Helden jedoch zu einer Überfigur. Zurückhaltung liegt dieser Autorin nicht. Ungebrochenes Pathos gehört zu ihrem Schreiben dazu:

Tschudi stand an der Spree und blickte hoch zum Schloss. Sein hoher Hut und sein langer Mantel streckten ihn zu einem jenseitigen Wesen, einzig ein schmaler zarter langer Mund war sichtbar.

Mariam Kühsel-Hussaini

Der 1896 zum Museumsdirektor bestellte Mann macht Berlin zur Hauptstadt der modernen Kunst. Er fährt nach Paris, kauft die Werke französischer Impressionisten und bringt sie nach Deutschland.

Um Platz zu schaffen für die neuartige Malerei, muss Tschudi die patriotischen Bilder der bisher tonangebenden Hofmaler abhängen. Selbstverständlich stößt er auf heftigen Widerstand. "Jetzt wichsen die Franzosen auf die Leinwand, und wir sollen noch davor stehen und es anbeten", flucht der einflussreiche Maler Anton von Werner. Aber da Tschudi in diesem Roman zu einem "jenseitigen Wesen" gestreckt wird, kann sein wichtigster Gegenspieler nur der mächtigste Mann im Reich sein, Kaiser Wilhelm II.

Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches, Anton von Werner, Bismarck, Wilhelm I
Kaiser Wilhelm II. favorisierte Maler wie Anton von Werner, von dem dieses Bild "Die Proklamierung des deutschen Kaiserreiches" stammt Bildrechte: imago/United Archives International

Tschudi litt unter Wolfskrankheit

Der historische Tschudi litt unter der tückischen, unheilbaren Wolfskrankeit. Auch Kühsel-Hussainis überlegener Held ist davon gezeichnet. Man könnte fast sagen glücklicherweise, denn das macht ihn zumindest in dieser Hinsicht zu einer normal-menschlichen Figur. Chronische Entzündungen schwächen seinen Organismus, sein Gesicht sieht wie zerfressen aus.

Kühsel-Husseini erzählt berührend von der Pein des schwerkranken und gezeichneten Mannes. Und ihr glücken einprägsame Porträts, von dem mit forscher Berliner Schnauze ausgestatteten Max Liebermann etwa oder dem genialischen Eigenbrötler Adolph Menzel.

Verunglückte Formulierungen

Mariam Kühsel-Hussaini: Tschudi
Das Cover des Buches "Tschudi" von Mariam Kühsel-Hussaini Bildrechte: Rowohlt Verlag

Doch gibt es in diesem historischen Roman auch eine ganze Reihe verunglückter Formulierungen und schiefer Bilder. Augen werden zu "ekstatischen Murmeln", zwei Männer "schnitzen an der Stille des Zirpens" und ein Mächtiger ist "von Sehnsucht durchströmt, wie der Golf von Neapel von gebräunten männlichen Schimmern". Ein paar entschiedene Streichungen und ein beherztes Lektorat hätten das Buch vor manchem Ausrutscher bewahren können.

Autorin Mariam Kühsel-Hussaini

Mariam Kühsel-Hussaini ist eine Schriftstellerin, deren Biografie aufhorchen lässt. Geboren wurde sie 1987 in Kabul, der Vater ein Schriftsteller, der Großvater ein Kalligraph. 1990 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland, heute lebt sie in Berlin. 2010 erschien ihr Debütroman "Gott im Reiskorn", mit dem sie nach Afghanistan zurückkehrte. Es folgten rasch aufeinander zwei weitere Romane, angesiedelt im Deutschland und im Israel der Gegenwart.

Angaben zum Buch Mariam Kühsel-Hussaini: "Tschudi"
320 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-498-00137-7
Rowohlt Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. April 2020 | 06:15 Uhr

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