Erinnerung Marcel Reich-Ranicki: Zum 100. Geburtstag des Literaturpapstes

Günter Grass, beziehungsweise seinen Roman "Ein weites Feld", verriss er symbolträchtig auf dem "Spiegel"-Titel. Mit Martin Walser lieferte er sich heftige Duelle – das waren nur zwei legendäre Fehden von Marcel Reich-Ranicki. Dabei ging es längst nicht nur um Literatur, sondern auch um Eitelkeiten, darum, was Literatur und Kritik kann und darf. Reich-Ranicki, einst der deutsche Literaturpapst, wurde am 2. Juni 1920, vor 100 Jahren, im polnischen Włocławek geboren. Eine Erinnerung.

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki während der SWR-Sendung - Literatur im Foyer - in Mainz.
Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki während der SWR-Sendung "Literatur im Foyer" Bildrechte: imago/Rau

1994 sagt Marcel Reich-Ranicki etwas, das bis heute unvergessen ist. Die Worte klingen wie ein Abriss seiner Biographie.

Sollte ich mit zwei Namen andeuten, was ich als Deutschtum in unserem Jahrhundert verstehe, dann antworte ich, ohne zu zögern: Deutschland, das sind in meinen Augen Adolf Hitler und Thomas Mann.

Marcel Reich-Ranicki, Literaturkritiker

Aus Deutschland, aus dem Land, dessen Sprache und Literatur er liebt, in dem er als "Literaturpapst" gilt, aus diesem Land, stammen auch die Mörder seiner Verwandten und Freunde.

Ich habe kein eigenes Land, keine Heimat und kein Vaterland.

Marcel Reich-Ranicki

Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit durchzieht sein Leben

Geboren wird er 1920 in Włocławek an der Weichsel. Der Vater ist Pole, die Mutter Deutsche, beide sind Juden. Wohin gehört man da? In der Schule fühlt er sich als Außenseiter, zuerst in Polen, dann ab 1929 in Deutschland. Reich-Ranicki erzählt: "'Mein Sohn ist Jude und Pole. Wie wird er in Ihrer Schule behandelt werden?', fragte meine Mutter den Direktor des Fichte-Gymnasiums in Berlin-Wilmersdorf. Es war im Winter 1935."

Auf dem Gymnasium findet Reich-Ranicki eine Heimat: in der Musik und der deutschen Literatur. Er liest mit Begeisterung, entdeckt seine Leidenschaft fürs Theater, kritzelt allererste Kritiken in ein Schulheft. Doch die Zeiten ändern sich. Das Abitur darf der 18-Jährige noch in Berlin machen. Ende 1938 aber wird Reich-Ranicki als Jude verhaftet und nach Polen ausgewiesen, 1940 ins Warschauer Ghetto gedrängt. Die meisten der dort internierten Juden bringen die Nazis um, auch große Teile der Familie Reich-Ranickis. Er selbst überlebt, lernt in dieser Zeit seine spätere Frau Teofila kennen. Gemeinsam ziehen sie 1958 aus dem nun kommunistischen Polen nach Deutschland.

Ich hatte wieder einmal nichts, gar nichts – nur dieses unsichtbare Gepäck, die Literatur, die deutsche zumal.

Marcel Reich-Ranicki

Mit dem "Literarischen Quartett" zum rabiaten Fernsehstar

Mit diesem "Gepäck" schafft Reich-Ranicki in kürzester Zeit einen erstaunlichen Aufstieg, wird als scharfzüngiger Literaturkritiker der "ZEIT" und der "F.A.Z." bekannt. Und das ganz ohne Universitätsabschluss. Regelrecht populär macht ihn ab 1988 eine Fernseh-Sendung: "Das literarische Quartett".

Ein entschiedener, nicht selten rabiater Umgang mit Autoren und ihren Werken oder auch seiner Kritikerkollegin Sigrid Löffler – Reich-Ranicki sorgt für Skandale, liefert sich erhitzte Debatten mit Günther Grass, Walther Jens oder Martin Walser. Als Walser sein Buch "Tod eines Kritikers" mit antisemitischen Untertönen versieht, zeigt sich nicht nur Reich-Ranicki betroffen. Er sei, so schrieb einmal ein Kollege: "Deutschlands meist gelesener, meistgefürchteter, meistbeobachteter, darum meistgehasster Literaturkritiker".

Ewige Kämpfe mit Günter Grass oder Martin Walser

Der Kritiker selbst steht einmal mehr im Mittelpunkt, als Details aus seiner Nachkriegsvergangenheit beim Geheimdienst des kommunistischen Polen bekannt werden. Oder 2008, als er den Fernsehpreis vor laufender Kamera mit einem Rundumschlag gegen das verleihende Medium Fernsehen ablehnt.

Reich-Ranicki wirkt nicht nur als Großkritiker. Er leitet 15 Jahre lang den Literaturteil der "F.A.Z." Er betätigt sich auch als Herausgeber eines umfangreichen Literaturkanons, einer Lyrik-Anthologie, als Autor brillianter Essays. Seine Autobiografie wird zum Bestseller. Im September 2013 stirbt Marcel Reich-Ranicki. Bereits zu seinem 70. Geburtstag merkt die "Frankfurter Allgemeine" einen Satz an, der noch heute gilt.

Seine größte Leistung besteht darin, die Literatur als gesellschaftliche Tatsache im allgemeinen Bewusstsein etabliert zu haben.

Die Frankfurter Allgemeine über Marcel Reich-Ranicki

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juni 2020 | 06:40 Uhr