Hörbuch Marcel Reich-Ranicki im Gespräch - ein intellektueller Hochgenuss

Mit Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki führte Paul Assall, damals Redakteur beim SWR, 1986 ein Gespräch, das bisher im Archiv lagerte. Nun erscheint es erstmals auf CD. Reich-Ranicki genießt Kultstatus. Die nicht abflauende Popularität des 2013 verstorbenen Kritikers verdankt sich der ZDF-Unterhaltungsshow "Das literarische Quartett", in der er zwischen 1988 und 2001 als Matador brillierte. Weiteren Ruhm erntete der Medienstar durch seine verfilmten Autobiografie "Mein Leben". Danach schienen alle Geheimnisse über den Guru der Branche gelüftet. Doch diese bislang unveröffentlichten Tonaufnahmen beweisen das Gegenteil. Unser Kritiker Ulf Heise zeigt sich von der Edition fasziniert.

Marcel Reich-Ranicki, 2009
Marcel Reich-Ranicki, geboren am 2. Juni 1920 im polnischen Włocławek, starb am 18. September 2013 in Frankfurt am Main. Bildrechte: dpa

Ein faszinierendes Gespräch des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki "Ich schreibe unentwegt, ein Leben lang" mit Paul Assall ist nun, nach über 30 Jahren auf CD erschienen. Reich-Ranicki unterzog sich in seinem Leben Dutzenden von Interviews. Dabei betrug er sich meist sehr geduldig, aber gelegentlich explodierte sein Temperament und er fuhr dem jeweiligen Gesprächspartner urplötzlich über den Mund. Derartige Gefühlswallungen musste auch Interviewer Paul Assall erdulden, als er den Literaturkritiker in dessen Wohnung in Frankfurt am Main höflich befragte.

Nach und nach taute Reich-Ranicki auf

Anfangs gab sich Reich-Ranicki bei der sechsstündigen Unterredung mit Paul Assall zugeknöpft. Das zeigte sich daran, dass der von der Ehefrau des Literaturpapstes zwischendurch kredenzte Mittagsimbiss gemeinsam schweigend verzehrt wurde. Misstrauen gegenüber Personen, die er nicht kannte, gehörte zu Reich-Ranickis Wesenszügen. Doch im Verlauf der Konversation taute er auf und gewährte dem ARD-Journalisten Einblicke in Bereiche, die zu den privatesten überhaupt gehören. Dazu zählt zum Beispiel das Thema Gläubigkeit:

Marcel Reich-Ranicki, 2008
Marcel Reich-Ranicki Bildrechte: dpa

Ich bin ein völlig areligiöser Mensch. Es hat in meinem ganzen Leben nicht einen Augenblick gegeben, in dem ich an Gott, an die Existenz Gottes geglaubt hätte. Das ist überhaupt kein Problem in meinem Leben gewesen. Und die jüdische Religion ist mir einerseits fremd und andererseits imponiert sie mir. Sie imponiert mir, weil es eine Religion ist, die der Bildung im Wort eine so unerhörte Bedeutung beimisst.

Marcel Reich-Ranicki

Rhetorisch elegant

Selbst die aus heutiger Perspektive sehr bescheidene Qualität der Tonaufnahmen tut der Tatsache keinen Abbruch, dass sich Reich-Ranicki in diesem Wortwechsel einmal mehr als Intellektueller entpuppt, der mit genialen Vorläufern wie Alfred Kerr oder Friedrich Sieburg mühelos zu konkurrieren vermochte. Wie diese Autoren verfügte er über einen unverwechselbaren, geschliffenen Stil. Darüber hinaus besaß er die Fähigkeit, aus dem Stegreif rhetorisch elegant Gedankengänge zu referieren, bei denen manche seiner Kollegen ins Stottern gerieten.

Keine Bescheidenheit

Marcel Reich-Ranicki: Ich schreibe unentwegt ein Leben lang. Marcel Reich-Ranicki im Gespräch
Cover von Marcel Reich-Ranickis "Ich schreibe unentwegt, ein Leben lang" Bildrechte: Osterwold Audio

Reich-Ranicki gestattete sich keine große Bescheidenheit. Er besaß jede Menge Sendungsbewusstsein und erlaubte sich auch gegenüber Paul Assall nicht die geringsten Zweifel an seiner Berufung zum wichtigsten Vertreter seiner Gilde: "Der Begriff 'Großkritiker' ist nachgebildet dem Begriff 'Großschriftsteller', der schon bei Robert Musil vorkommt. Also, er wird mal höhnisch und mal freundlich verwendet. Ich will sehr hoffen, dass er nicht übertrieben ist. Was heißt 'Großkritiker'? Das soll wohl heißen, ein Kritiker, der mit seinen Schriften, seinen Arbeiten einen realen Einfluss auszuüben im Stande ist. Mehr nicht."

Sonderliche Milde ließ Reich-Ranicki bei der Beurteilung von Schriftstellern nie walten. Dieses energische Verhalten verteidigte er im Dialog mit Paul Assall:

Marcel Reich-Ranicki gestikuliert 2006
Marcel Reich-Ranicki Bildrechte: dpa

Die Frage der Barmherzigkeit muss man abhängig machen vom Adressaten. Unbarmherzig wem gegenüber? Dem Leser gegenüber? Ich schreibe für Leser. Ich bin verpflichtet dem Leser gegenüber, nicht dem Autor gegenüber. Ob manche meiner Kritiken unbarmherzig sind? Sie sind klar und deutlich! Sie mögen scharf sein, aber dafür hab ich so viele enthusiastische Kritiken gegeben, deren Zahl ist noch viel größer als die der Verrisse.

Marcel Reich-Ranicki

Bei diesem Talk im akustischen Retro-Look bekommt man es mit sehr intimen Bekenntnissen Reich-Ranickis zu tun. Der Literaturpapst erweist sich hier nicht bloß als Matador seiner Branche, sondern vor allem als verletzlicher Mensch.

Angaben zur Veröffentlichung Marcel Reich-Ranicki: "Ich schreibe unentwegt, ein Leben lang"
4 CDs, 14 Euro
274 Minuten Laufzeit
ISBN 978-3-86952-464-1
Osterwold Audio
(Auch als Buch bei Piper erschienen)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juni 2020 | 15:45 Uhr