Buch: "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" Wie Ljudmila Petruschewskaja als Kind zur "Volksfeindin" wurde

Die russische Schriftstellerin und Journalistin Ljudmila Petruschewskaja erinnert sich in "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" an eine Kindheit, die durch grausame Lebenserfahrungen am Rande der Gesellschaft geprägt ist. Erst später erfährt sie eine wohltuende Unterstützung ihr zugeneigter Personen. Sie verbrachte Zeit im legendär-berüchtigten Moskauer Hotel Metropol und wurde in die Verbannung geschickt.

Ljudmila Petruschewskaja
Ljudmila Petruschewskaja wurde am 26. Mai 1938 in Moskau geboren. Bildrechte: imago/ITAR-TASS

Ljudmila Petruschewskajas legt mit "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" ein Buch über eine dramatische Kindheit vor. Als ausgestoßene Volksfeindin spürte sie aber auch den Rückhalt ihr wohlgesonnener Personen. Ihre autobiografischen Erinnerungen erschienen im Original im Jahr 2006. Nun hat der Schöffling Verlag die Übersetzung aus dem Russischen auch den Lesern in Deutschland zugänglich gemacht.

Das berüchtigte Hotel Metropol

Hotel Metropol Moskau
Das Moskauer Hotel Metropol im Geburtsjahr von Ljudmila Petruschewskaja, 1938. Bildrechte: dpa

Das einstmals und heute wieder existierende vornehme Moskauer Hotel Metropol bekam nach der Oktoberrevolution eine besondere Bestimmung. Hier wohnten die Mitglieder der Kommunistischen Internationale. (Eugen Ruge hat es auch in seinem jüngsten Roman "Metropol" beschrieben.) Aber auch und vor allem hohe Beamte der bolschewistischen Regierung, des Rates der Volkskommissare, lebten in dem schönen Jugendstilgebäude in Sichtweite des Kremls.

Ilja Weger, der Ur-Großvater von Ljudmila Petruschewskaja ist ebenfalls dort. In seinem Zimmer darf die kleine Lusja mit ihrer Mutter die ersten Monate ihres Lebens verbringen. So lange, bis gleich mehrere ihrer Verwandten dem stalinistischen Terror zum Opfer fallen und die Moskauer Intellektuellenfamilie kollektiv als so genannte "Volksfeinde" diffamiert, ausgestoßen und verbannt wird.

Blick in das Restaurant des Jugendstil-Hotels Metropol in Moskau
Blick in das Restaurant des Jugendstil-Hotels Metropol in Moskau Bildrechte: dpa

Volksfeinde

Teile der Familie werden nach dem Überfall durch Hitler und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges auch in der Sowjetunion nach Kuibyschew an der Wolga (heute wieder Samara) evakuiert. Unter ihnen Ljudmila Petruschewskaja. In ihrem Buch schreibt sie darüber: "Das Leben, das wir in Kuibyschew führten, war das von Ausgestoßenen, von Außenseitern, von seltsamen Menschen. Volksfeind – das ist kein leeres Wort, wir waren die Feinde der Nachbarn, der Miliz, des Natschalniks, aller Hausmeister, aller Passanten, aller Bewohner des Hofes in allen Altersstufen. Wir wurden nicht ins Badezimmer gelassen, wir durften keine Wäsche waschen, Seife gab es sowieso nicht. Mit meinen neun Jahren wusste ich nicht, was Schuhe, Kamm, Taschentuch, Schule, Disziplin sind."

Grausame Kindheitserinnerungen

Ljudmila Petruschewskaja
Ljudmila Petruschewskaja 2018 mit ihrer Enkelin Sofia Kharatyan Bildrechte: imago/ITAR-TASS

In 34 assoziativ erzählten Kapiteln blättert Petruschewskaja die Geschichte ihrer Kindheit auf. Und erzählt von den unfassbar grausamen Lebensbedingungen am Rande der Gesellschaft, die sie lehren, in Hinterhöfen für ein Stück Brot wie Edith Piaf zu singen oder zu betteln wie Peachums Gesellen in Brechts "Dreigroschenoper".

Dass das Mädchen nicht zerbrochen ist an dem, was sie prägte, hat sie ganz sicher auch dem zu verdanken, was ihr die Generationen ihrer Vorfahren vererbt haben: "Hartnäckigkeit, fürchterlichen, beinahe selbstzerstörerischen Starrsinn; die Kraft des Geistes; die Ansicht, dass die Mahlzeit spartanisch sein muss und das Wasser zum Waschen kalt; die Völlerei an Feiertagen; die Ablehnung jeglicher Staatsmacht; die Treue zur eigenen Überzeugung, auch wenn sie einem selbst und den Verwandten schadet ..."

Unterstützung

Um es vorweg zu nehmen: Die Geschichte der kleinen Lusja endet nicht im Unglück. Aus ihr wird eine eigensinnige und selbstbewusste junge Frau, die an der Moskauer Lomonossow-Universität studiert und zu Beginn der 1960er-Jahre anfängt, als Journalistin fürs Radio zu arbeiten. Dort hat sie das Glück, auf Menschen zu treffen, die ihr Talent erkennen und sie, das "Mädchen aus dem Hotel Metropol" in ihrer Widerständigkeit unterstützen.

Über Ljudmila Petruschewskaja

Ljudmila Petruschewskaja
Ljudmila Petruschewskaja ist auch Sängerin, hier präsentiert sie 2010 ihr Debütalbum. Bildrechte: IMAGO

Die Schriftstellerin Ljudmila Petruschewskaja ist bekannt für ihren schonungslosen und desillusionierten Blick, für ihre Furchtlosigkeit bei der Erforschung der menschlichen Kälte, der Egoismen, Schwächen und Leiden. Mit ihren Erzählungen, Romanen und Theaterstücken verleiht sie – wie sie selbst sagt – jenen Menschen eine Stimme, die im Abseits stehen und nicht gehört werden. Viele von Petruschewskajas Geschichten fanden zu Sowjetzeiten keine Gnade bei Partei und Regierung, weil sie sich nicht mit dem vorgegebenen heroischen Bild der Macht deckten. Und unterlagen somit zum größten Teil der Zensur und konnten erst im Zuge der Perestroika veröffentlicht werden. 2002 erhielt sie den Russischen Staatspreis für Künste, 2010 den World Fantasy Award.

Cover des Buches "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" von Ljudmila Petruschewskaja
Cover des Buches "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol" von Ljudmila Petruschewskaja Bildrechte: Verlag Schöffling & Co.

Angaben zum Buch Ljudmila Petruschewskaja: "Das Mädchen aus dem Hotel Metropol"
Aus dem Russischen von Antje Leetz
Mit einem Nachwort von Olga Martynova
312 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-89561-668-6
Schöffling & Co.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Januar 2020 | 08:10 Uhr

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