"Fallsucht" Leipziger Cammerspiele zeigen Stück zum Thema Epilepsie

Deutschlandweit sind ca. eine halbe Million Menschen von Epilepsie betroffen. Eine Theaterperformance widmet sich nun dieser Krankheit. Die Darstellerin ist selbst Epileptikerin. Sie vermittelt sowohl ihre persönlichen Erfahrungen wie auch literarische Bezüge oder die Berichte eines Euthanasieopfers der Nazis.

Fallsucht, Theater, Bühne, Cammerspiele, Leipzig
Darstellerin Lara Scherpinski ist selbst Epileptikerin Bildrechte: Cammerspiele Leipzig / Mim Schneider

Die Performance "Fallsucht" der Leipziger Cammerspiele stellt die Epilepsie in den Mittelpunkt. Das Team der Leipziger Cammerspiele um die Amateur-Schauspielerin Lara Scherpinski möchte die Krankheit aus dem Dunkel herausbringen. Es ist eine Krankheit, die zwar vielen Menschen bekannt ist, die aber dennoch nur wenig Aufmerksamkeit erhält. Dabei sind 0,6 Prozent der Bevölkerung aufgrund ihrer Epilepsie in Behandlung, deutschlandweit eine halbe Million Menschen. Die Amateur-Schauspielerin Scherpinski ist selbst Epileptikerin und setzt sich autobiografisch mit ihrem Leiden auseinander.

Musikstar als Inspirationsquelle

Der Sänger Ian Curtis ist einer der thematischen Aufhänger in Scherpinskis Performance. Der früh aus dem Leben geschiedenen Frontmann der Band Joy Division war Epileptiker, was vielen sicher nicht bekannt ist. In dem Song "She’s lost control" setzt er sich sogar mit dem Leiden auseinander, der Text dreht sich um eine befreundete Epileptikerin, um den Moment des völligen körperlichen Kontrollverlustes.

Nach ihrem ersten eigenen Anfall träumt Regisseurin Scherpinski immer wieder von dem Musiker, von gemeinsamen Touren durch den Prenzlauer Berg in Berlin: "Also, Ian Curtis saß im Einkaufswagen und ich habe ihn durch die Gegend geschoben. Und wir waren immer in Begleitung von so Leoparden aus Porzellan. Dann sind wir S-Bahn gefahren und aus der Ringbahn ausgestiegen an einem Schild… da stand "Behindertenheim". Und dann hab‘ ich immer gesagt 'Ian, wir wohnen hier nicht!' und er so 'Doch, doch wir wohnen hier!'" Doch nicht nur persönliche Erinnerungen, wie dieser Traum, finden immer wieder Einzug in die Performance.

Euthanasie-Opfer

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Viele Epileptiker leben in ständiger Angst vor einem Anfall – beim Essen, Radfahren, Treppensteigen Bildrechte: Cammerspiele Leipzig / Mim Schneider

"Fallsucht" ist auch eine Collage literarischer und geschichtlicher Bezüge zum Thema Epilepsie. Diese werden jedoch nicht wie im klassischen Theater "gespielt", das ist Regisseurin Annika Schäfer wichtig. Der für das Publikum bei der Performance einzig sichtbare Körper von Scherpinski "fühlt sich nicht in Charaktere ein, sondern es wird immer Lara Scherpinski, die Performerin, auf der Bühne sein. Und sie stellt ihren Körper zur Verfügung für diese Texte", so die Regisseurin.

Scherpinski soll ein lebendes Archiv werden. Ihrer eigenen Biografie verleiht sie dabei ebenso eine Stimme wie der von Jean-Jacques Rousseau oder wie einem Monolog der Seherin Kassandra aus Christa Wolfs gleichnamiger Erzählung.

Auch einige aus den 30er-Jahren erhaltene Briefe einer Leipziger Epileptikerin liest Scherpinski vor. Darunter eine Patientin, die im Euthanasie-Programm der Nazis ermordet wurde. Der Briefwechsel lässt das Leid damaliger Epilepsie-Erkrankter spüren. Die gegen ihren Willen eingewiesene Leipzigerin sehnt sich aus der Klinik heraus. Ihrem Ehemann schreibt sie immer wieder verzweifelt "Der Mensch taugt nicht zur Gefangenschaft", will "nach Hause" zurück.

Nach dem Stück ins Gespräch kommen

Regisseurin Schäfer möchte mit dem Stück auch einen Austausch zum Thema Epilepsie erreichen: "Wir versuchen auch immer wieder Nachgespräche zu organisieren. Bei einem Getränk nach der Performance […], dann ist es vielleicht das nächste Mal schon leichter, darüber zu reden. Oder auch für Leute, die Berührungsängste haben, weil sie’s nicht kennen, einfach zu sagen: 'Hey, man kann mit mir drüber sprechen!'"

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Das Stück "Fallsucht" ist auch ein Kommunikationsangebot Bildrechte: Cammerspiele Leipzig / Mim Schneider

Über das Stück "Fallsucht"
Autobiografische Performance
von schaefer / scherpinski

Leipziger Cammerspiele

Performance: Lara Scherpinski
Regie: Annika Schäfer

Aufführungen:
03. November, 18:00 Uhr - naTo Leipzig (Premiere)
05. November, 20:00 Uhr - naTo Leipzig
06. November, 20:00 Uhr - naTo Leipzig
13. November, 20:00 Uhr - Halle D/ WERK 2
14. November, 20:00 Uhr - Halle D/ WERK 2

MDR KULTUR-Intendantenbefragung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. November 2019 | 07:10 Uhr

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