Buch: "Lob der Melancholie" Warum die Melancholie eine zutiefst lebensbejahende Haltung ist

Für sein Buch "Lob der Melancholie" erhält László F. Földényi den diesjährigen Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, dotiert mit 20.000 Euro. Es ist eine meisterhafte Studie, die seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem Thema Melancholie fortsetzt. Ulrich Rüdenauer stellt Buch und Autor vor.

Laszlo F. Földenyi
Der ungarische Autor Laszlo F. Földenyi Bildrechte: imago images/gezett

László F. Földényis "Lob der Melancholie" ist eine Sammlung luzider Essays, die keine Definitionen liefert, keine Gewissheiten vermittelt, sondern sich in mäandernden Bewegungen und mit genauer Beobachtungsgabe ihrem Gegenstand nähert. Für diese große Studie wird der ungarische Kunsthistoriker und Essayist in diesem Jahr mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Die Jury hat sich, liest man ihre Begründung, verzaubern lassen von Földényis stupendem Wissen und von der Art und Weise, wie er verschiedene künstlerische Phänomene feinsinnig miteinander in Beziehung zu setzen versteht.

In einer beglückend unzeitgemäßen Volte hat László Földényi sich der Melancholie verschrieben. Er hat sie über Jahrzehnte in großen geistesgeschichtlichen Studien erforscht und sie uns dabei in einer wunderbaren Paradoxie als produktiven Zustand offenbart, als zutiefst lebensbejahende Haltung.

Aus der Jurybegründung zum Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung

Jahrzehntelange Näherung an die Melancholie

Tatsächlich begleitet Földényi das Thema Melancholie – oder sollte man eher sagen: die verstörend schöne Leerstelle, die sie lässt – seit langer Zeit. Schon 1988 erschien seine umfangreiche historische Studie, die schlicht "Melancholie" betitelt war.

Dass er nun, mehr als 30 Jahre später, der "Schwarzgalligkeit" noch einmal ein großes Werk widmet, das mag nur auf den ersten Blick erstaunen. Denn schnell wird deutlich, dass die Dinge immer komplexer werden, je intensiver man sie betrachtet.

Dürers Geheimnis

Zeichnung, Albrecht Dürer
Albrecht Dürer: Melencolia I  Bildrechte: IMAGO

Im Mittelpunkt von Földényis neuem Buch steht etwas Unerklärliches, eine jener "rätselhaften Botschaften", von denen der Untertitel seiner Studie spricht: Es ist jenes Polyeder, ein merkwürdig geformter Steinblock, in Dürers berühmter Radierung "Melencolia I". Es wird für ihn zum Zentralmotiv: Immer wieder taucht dieser enigmatische Block in verschiedener Gestalt von neuem auf, in Stanley Kubricks Meisterwerk "2001 - Odyssee im Weltall" oder in der Bruder-Klaus-Kapelle des Architekten Peter Zumthor in der Eifel, die Földényi in höchstem Grad fasziniert. All das ist verbunden mit etwas Heiligem, Transzendentem. Der Monolith hier wie dort steht für das Unlösbare, Unauflösbare.

Um die Melancholie erfahrbar zu machen, musste Dürer auch die Unzulänglichkeit ihrer Erklärungen verdeutlichen. Und dazu schien sich ihm das Polyeder […] am besten zu eignen. Ganze Bände sind über Melencolia I geschrieben worden, es gibt darin kein einziges Element, das man noch nicht entschlüsselt hätte. Mit Ausnahme des Polyeders.

László F. Földényi

Das Unergründliche erahnen

Das Unverstandene führt für Földényi zum Kern der Melancholie. In einer Zeit, in der alles berechenbar zu sein scheint, alles durchschaubar, alles Oberfläche, bietet es ein Gegengewicht. Der Polyeder ist ein Bild dafür.

László F. Földényi, Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften, Buch, Cover
Cover des Buches "Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften" von László F. Földényi Bildrechte: Matthes & Seitz

Der Melancholiker findet sich damit ab, keine eindeutigen Antworten zu erhalten und doch eine Ahnung von Tiefe und Unergründlichem zu bekommen. Es ist ein Zwischenraum, in dem er sich aufhält. Eine "Empfänglichkeit für den Abgrund", in dem die Melancholie wurzelt. Das Nachsinnen und Zweifeln sind dem Melancholiker wertvolle Eigenschaften. Er ist ein Unzeitgemäßer – eine analoge Gestalt in einer digitalen Welt. Eine Figur mit Widerstandspotential gegen die Zumutungen der Gegenwart mithin.

Wer von Földényi in seinem Durchstreifen von Kunst- und Filmgeschichte nun aber Antworten auf die Frage erwartet, was die Melancholie denn nun sei, der ist bei ihm an der falschen Adresse. Der Autor beschreibt seine Vorstellungen von Momenten der Melancholie: "Eine schreckliche Dunkelheit deutet sich an, die Ahnung eines gewaltigen Blickes wird spürbar. Und dann verblasst das eine, verdunkelt sich das andere. Als hätte es sie nie gegeben. Einzig das unstillbare Heimweh, das einen ab und zu genauso grundlos wie ziellos überkommt, lässt noch auf sie schließen."

Lob der Melancholie heißt: Begrüßen des Unwägbaren und Unbegreiflichen, Abwehr normierender Erwartungen, Zwiespalt gegen Eindeutigkeit, Empfindung gegen Affirmation. László F. Földényi ist mit diesem klugen Buch würdiger Träger eines Preises, der eine tiefere Form der Verständigung im Sinne hat als Facebook oder Google.

Über László F. Földény

László F. Földényi studierte Hungarologie und Anglistik, war Zeitschriftenredakteur und Dramaturg, Gastdozent an verschiedenen Universitäten, und seit 1991 lehrt er am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaften an der Loránd-Eötvös-Universität in Budapest. Er hat die ungarische Ausgabe der Werke Heinrich von Kleists mitherausgegeben – und ihm den brillanten, 1999 erschienenen Essay "Im Netz der Wörter" gewidmet. Weitere ins Deutsche übersetzte Titel des Autors: "Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus" (2008), "Schicksallosigkeit: Ein Imre-Kertész-Wörterbuch" (2009) oder "Starke Augenblicke. Eine Physiognomie der Mystik" (2013).

Angaben zum Buch László F. Földényi: "Lob der Melancholie. Rätselhafte Botschaften"
Aus dem Ungarischen von Akos Doma
280 Seiten, gebunden, 30 Euro
ISBN: 978-3-95757-708-5
Matthes & Seitz

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2020 | 17:40 Uhr

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