75. Jahrestag Diese Bücher über das Kriegsende berühren und erklären

Als am 8. Mai 1945 der 2. Weltkrieg endete, war das ein Tag der Befreiung, der zugleich tiefe Traumata hinterlassen hat. Traumata, denen bis heute viele Bücher gewidmet wurden, um das Grauen des Krieges und die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten zu fassen und zu begreifen. Doch nicht nur in Sach- und Fachbüchern wurden Erinnerungen verarbeitet, sondern auch in Romanen und Gedichtbänden fanden sie ihren so eindrücklichen wie berührenden Niederschlag. Denn gerade die Literatur findet nur zu oft Worte für das eigentlich Unsagbare. Welche Bücher sie im Gedenken an das Kriegsende ganz besonders berührt haben und vor allem warum, davon erzählen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von MDR KULTUR.

Klaus-Peter Thiele (Werner Holt)
Der Roman "Die Abneteuer des Werner Holt" wurde auch verfilmt mit Klaus-Peter Thiele Bildrechte: Progress Film-Verleih/Waltraut Pathenheimer

Katrin Schumacher über "Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte" von Selma Meerbaum-Eisinger

"Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte" von Selma Meerbaum-Eisinger
"Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte" von Selma Meerbaum-Eisinger Bildrechte: Hoffmann und Campe

Es sind wohl Gedichte, die mich immer wieder treffen und die mir das Unbegreifliche am begreifbarsten machen. Lyrik in ihrer Konzentration der Sprache zum einen und in ihrer Möglichkeit, Sprachlosigkeiten zu lassen. Es ist dieses "zwischen den Zeilen", in dessen Leere ich mein Wissen und Erschrecken senken kann. Und wie Regen, der, wenn er nach langer Trockenheit wieder auf den Boden trifft, uns sich selbst riechen macht, erhebt sich eine unsichtbare Welt. Paul Celans "Todesfuge", Rose Ausländers "Schallendes Schweigen" es gibt Zeilen, die ich nie wieder aus dem Sinn bekomme. Und wenn ich am meisten erschüttert sein kann, dann mit den Gedichten der jungen Selma Meerbaum-Eisinger. "Ich habe keine Zeit gehabt zu Ende zu schreiben" ist ihre letzte flüchtige Notiz. Mit 18 starb sie im Arbeitslager. Das war 1942. 57 Gedichte sind von ihr geblieben, eine schmale Spur im Grauen. Und dahinter die einfache unbeantwortbare Frage eines Mädchens: 
"Das Leben ist bunt. 
Du willst mich töten.
Weshalb?"

Über das Buch "Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte" von Selma Meerbaum-Eisinger wurde von Jürgen Serke herausgegeben und ist im Verlag Hoffmann und Campe erschienen.

Stefan Petraschewksy über "Roman eines Schicksallosen" von Imre Kertész

"Roman eines Schicksallosen" von Imre Kertész
"Roman eines Schicksallosen" von Imre Kertész Bildrechte: Rowohlt

2002 hatte ich das Glück, eine Ungarin kennenzulernen. Es war das Jahr, in dem Imre Kertész den Nobelpreis erhielt. Gemeinsam fuhren wir nach Berlin, wo Kertész nicht nur las, sondern auch diskutierte. So bekam ich seinen "Roman eines Schicksallosen" in die Finger. Er ist autobiografisch motiviert und erzählt wird aus Kinderperspektive. Die deutschen Besatzer erscheinen darin als tolle Helden in Uniform. Der Erzähler bewundert sie, verteidigt die Deutschen, zeigt Verständnis für ihr ideologisches Tun – auch dann noch, als das Kind, älter geworden, leiden muss und schließlich nach Auschwitz und Buchenwald deportiert wird. Irgendwie bleibt aber dieser kindliche, merkwürdig verständnisvolle Ton. Erst spät im Roman kommt es zu einem Wechsel der Perspektive. Aus "Ich" wird "Er". Distanz also just in dem Moment, in dem sich die Seele aus dem Körper des Erzählers löst. Ich hatte es beim Lesen erst gar nicht bemerkt, aber ich glaube, dass es Hunger und Schwäche waren, weshalb sich die Seele gelöst hatte. Trotzdem überlebt der Totgeglaubte. Wie Kertész. Oder war der Schluss doch anders? – Wie auch immer, es war für mich ein unerwartet einprägsames Buch – dieser "Roman eines Schicksallosen".

Über das Buch Imre Kertész "Roman eines Schicksallosen", aus dem Ungarischen übersetzt von Christina Viragh, ist im Rowohlt Verlag erschienen.

Julia Hemmerling über "Die Unsichtbaren. Eine Inselsaga" von  Roy Jacobsen

Buchcover:"Die Unsichtbaren. Eine Inselsaga" von  Roy Jacobsen
Die Unsichtbaren. Eine Inselsaga" von Roy Jacobsen Bildrechte: C.H.Beck

Ein Buch, das mit den Eltern beginnt. Hans und Maria Barrøy tragen den Namen ihrer Heimatinsel im Nachnamen. Sie leben mit dem, was sie dem Meer abtrotzen können. Und so karg wie die Insel ist auch ihre Sprache. Eloquenz ist abgelöst durch Pragmatismus. Es wird lieber mal geschwiegen als zu viel gesagt und ohne Pragmatismus ist das Überleben auf der Insel Barrøy an der norwegischen Küste auch gar nicht möglich. Lieber einen Trinkwasserbrunnen noch tiefer ausheben, das Wetter auf den Schären aushalten, beim Fischen in einem Ruderboot als sich irgendeiner Kunst zu widmen. Und kommt ein Mann mit frischem Erbgut aufs Eiland wird der gleich verhaftet. Kinder wachsen, neue Generationen entstehen, bis der 2. Weltkrieg in seinem fünftem Jahr erst die Insel erreicht. Leichen werden an die Ufer gespült und die Tochter, mittlerweile allein auf der Insel, lässt einen Halbtoten mit viel Liebe wieder auferstehen, wird vom ihm schwanger. Und sie bemerkt die Schwangerschaft, als er die Insel schon längst verlassen hat. Dann setzt sie sich mit ihrem Baby aufs Festland ab, direkt nach dem Krieg und sucht die berüchtigte Nadel im Heuhaufen. Einen Vater, dessen Geschichte und Lebensweg völlig im Unklaren sind. Sie erwandert das Festland, lernt Menschen einer zerfurchten Nation kennen, ein Norwegen, das verhärmt und verhärtet ist, und mittendrin wandert dieses tapfere Gespann aus Mutter und Kind wie ein olympisches Feuer durch seelisch verbranntes Gebiet. Die Protagonistin heißt Ingrid. Ingrid Barrøy, und nachdem ich dieses Buch gelesen habe, möchte ich den Namen dieser Heldin nicht vergessen.

Über das Buch: "Die Unsichtbaren. Eine Inselsaga" von Roy Jacobsen, aus dem Norwegischen übersetzt von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann, ist im Verlag C.H.Beck erschienen.

Jörg Schieke über "Die Abenteuer des Werner Holt" von Dieter Noll

Buchcover: "Die Abenteuer des Werner Holt" von Dieter Noll
"Die Abenteuer des Werner Holt" von Dieter Noll Bildrechte: Aufbau Verlag

Obwohl dieses Buch, "Die Abenteuer des Werner Holt" – erschienen 1960 – in der DDR Pflichtlektüre für alle Schüler war, haben es vermutlich nicht wenige aus freien Stücken zu Ende gelesen. Doch zunächst einmal sollte das Buch seinen jugendlichen Lesern die Wandlung des Gymnasiasten Werner Holt vom Kriegsfreiwilligen zum müden Heimkehrer und Zweifler zeigen, als einen von vielen seiner Generation. Die sogenannte "Sägemühlenszene", häufig Thema im Deutsch-Aufsatz, galt dabei als ein Schlüsselmoment. All das ging auch auf – doch zugleich zeichnet das Buch in einprägsamen Bildern nach, wie es zunächst und überhaupt zur Gefolgschaft der jungen Männer mit den Nazis kommen konnte: Der Krieg als ein großes Abenteuer, dazu die patriotischen Sehnsüchte, die Krieger – und Soldatengefühle, die sich bei Werner Holt mit den ersten sexuellen Erfahrungen verbinden. Das Buch, so reportagehaft es in manchen Passagen auch sein mag, führt exemplarisch vor, mit welchen Mitteln der Krieg bzw. der Nationalsozialismus sich seine Soldaten herangezüchtet hat: mit Männerbund-Romantik und völkischer Ideologie, mit Körperkult und Unterdrückung aller davon abweichenden Ideen und Ideale. 1965 wurden "Die Abenteuer des Werner Holt" verfilmt. Beides, Buch und Film, sind auch heute noch lesens- bzw. sehenswert.

Über das Buch: "Die Abenteuer des Werner Holt" von Dieter Noll ist im Aufbau Verlag erschienen.

Bettina Baltschev über "Sie kam aus Mariupol" von Natascha Wodin

Buchcover: "Sie kam aus Mariupol" von Natascha Wodin
"Sie kam aus Mariupol" von Natascha Wodin Bildrechte: Rowohlt

Was mich beim Gedanken an das Kriegsende vor 75 Jahren am meisten erschüttert, ist, wie sehr der Krieg und das Nazi-Grauen sich in die Körper eingeschrieben hat, und zwar eben nicht nur die Körper der Menschen, die den Krieg noch miterlebt haben, sondern auch in den ihrer Kinder und Enkel. Die Schriftstellerin Natascha Wodin wurde 1945 als Tochter von sowjetischen Zwangsarbeitern in Bayern geboren. 2017 hat sie mit über 70 ein Buch über ihre Mutter geschrieben, es heißt "Sie kam aus Mariupol" und Natascha Wodin beschreibt darin, wie eine lebensfrohe junge Frau aus wohlhabenden ukrainischen Verhältnissen durch Krieg und Zwangsarbeit so sehr gebrochen wird, dass selbst die Geburt ihrer beiden Töchter ihr den Lebensmut nicht wiedergeben kann. Und die Kinder müssen damit umgehen, dass die Mutter immer wieder den eigenen Selbstmord ankündigt und ihn schließlich auch begeht. Genauso wie sie damit umgehen müssen, dass sie als Kinder von Zwangsarbeitern im Nachkriegsdeutschland immer nur die "Russen“ und die "Fremden" sind. Wie tief sich der Krieg also eingeschrieben hat in ihre Familie, in sie selbst, wie sich das Trauma über Generationen vererbt, das zeigt Natascha Wodin in "Sie kam aus Mariupol" und mich hat das tief beeindruckt. Denn wenn man das liest, stellt man sich irgendwann zwangsläufig die Frage, welchen Schmerz trage ich eigentlich in mir?

Über das Buch: „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin ist im Rowohlt Verlag erschienen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Mai 2020 | 07:20 Uhr