Verlagskultur Corona-Krise: Kleine Verlage in Mitteldeutschland vor großen Herausforderungen

Die Rückschläge der letzten Jahre gehen tief: VG Wort-Urteil zur Verlegerbeteiligung, KNV-Insovenz und jetzt brechen wegen der Pandemie nach der abgesagten Buchmesse die Verkaufszahlen ein. Vor allem die kleinen und unabhängigen Verlage, also diejenigen, die frei von Konzernen oder konzernähnlichen Strukturen verlegen, trifft die Corona-Krise hart. Wie steht es um den Zustand der unabhängigen Verlagsszene in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen? Wie sehen konkrete Hilfen aus?

Besucher der Leipziger Buchmesse stehen am Stand des Mitteldeutschen Verlages.
Ein Bild aus früheren Zeiten: In diesem Jahr musste die Buchmesse Leipzig wegen Corona ausfallen. Ein harter Schlag für die Branche - vor allem für kleine unabhängige Verlage. Bildrechte: dpa

Der 2013 gegründete Liesmich Verlag sucht Bücher, die aus der Reihe tanzen. Verlegt wird nur, was das achtköpfige Team um Karsten Möckel aus vollem Herzen unterstützt. Doch nun durchkreuzt der Corona-Virus die liebevoll geschmiedeten Pläne des unabhängigen Kleinverlags mit Sitz in Leipzig: Die Buchmesse fällt aus, mit ihr geplante Lesungen und Neuveröffentlichungen. Knapp einen Monat später spricht Verlagsleiter Karsten Möckel noch immer von einer "mittelgroßen Katastrophe":

"Die Leipziger Buchmesse bringt für Verlage unserer Art normalerweise ein Viertel bis ein Drittel des Jahresumsatzes ein. In diesem Jahr sollte der Buchverkauf zum ersten Mal durch die Verlage direkt am Stand möglich sein. Wo wir als Verlag normalerweise nur circa 50% des Ladenpreises erhalten, hätten wir jetzt satte 100% bekommen. Das ist jetzt alles weggebrochen. Dazu bleiben wir auf einem Großteil der Kosten für Werbung und Messestandgestaltung sitzen."

Virtuelle Lesungen können Umsatz nicht ausgleichen

Mehr denn je verstärken die unabhängigen Verlage nun ihre Online-Präsenz. Durch virtuelle Lesungen Umsatzverluste ausgleichen? Dieser Illusion gibt sich Karsten Möckel vom Liesmich Verlag nicht hin, denn: Die Konkurrenz im Netz ist groß. Alles in allem ist der Verleger jedoch durch und durch Optimist:

Die Kleinen und die Kleinstverlage wie wir sind es ja gewohnt am finanziellen Limit zu arbeiten und werden so wie bisher mit viel Liebe zu Literatur und einem gewissen Maß an Selbstausbeutung irgendwie schon wieder auf die Beine kommen.

Karsten Möckel vom Liesmich Verlag, Leipzig

Viele Krisen: VG Wort-Urteil zur Verlegerbeteiligung und KNV-Insolvenz

Dieses bemerkenswerte persönliche Engagement vieler Verleger geriet in den letzten Jahren immer wieder an seine Grenzen. Etwa 2016, als das VG Wort-Urteil gefällt wurde: Bis dato hatten Verlage bis zu 50% der Einnahmen Verwertungsgesellschaft Wort aus Urheberrechten erhalten. Seit nun mehr fünf Jahren gehen sie leer aus.

Krise Nummer zwei folgte dann im letzten Jahr mit der Insolvenz von KNV, dem wichtigsten deutschen Großbuchhändler. Und als wären die Verlage damit nicht schon genug vom Schicksal gebeutelt, raubt die aktuelle Pandemie vielen die Existenzgrundlage. Besonders hart trifft es die kleinen und unabhängigen unter ihnen, so Peter Gerlach, Schatzmeister des Börsenverbandes des Deutschen Buchhandels für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Seiner Einschätzung nach, steht die mitteldeutsche Verlagslandschaft aktuell vor einer großen Herausforderung, die da heißt: Kosten reduzieren, an allen Ecken und Enden.

Keine "Spielereien" mehr – Verlagskultur leidet

Peter Gerlach ist selbst Verleger eines unabhängigen Kleinverlags mit Sitz in Halle, dem Hasenverlag. Auch hier wird kräftig umdisponiert: "Wir straffen erst mal unser Programm: Statt den geplanten 4-5 Büchern 2020 werden nur zwei Bücher erscheinen. Auch das Programm für 2021 wird nur bei zwei Büchern liegen. Und wir werden uns auf die Bücher konzentrieren, die Umsatzträger sind. Irgendwelche Spielereien können wir uns nicht mehr leisten, so schwer das einem auch fällt."

Diese "Spielereien" schaffen es vielleicht nicht auf die Bestseller-Listen, aber sie sind es, die die Vielfalt des deutschen Buchmarktes ausmachen. Zum Leidwesen von Autoren, Verlegern, Buchhändlern, und in letzter Instanz natürlich auch uns Lesern, werden diese Bücher nun aus vielen Programmen gestrichen. Oder sie gehen unter in der Masse der Neuerscheinungen. Ein schwerer Schlag für die Verlagskultur und die Menschen, die dahinterstehen.

Kein Anspruch auf finanzielle Unterstützung

Um sich über Wasser zu halten, müssen viele selbstständige Verleger halbtags einer Nebentätigkeit nachgehen. Da das Verlegen somit nicht 100 % ihrer Einnahmequelle ausmacht, haben sie keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung vom Bund.

Auch andere Hilfsmaßnahmen erweisen sich für viele unabhängige Verlage unterm Strich als gar nicht mal so hilfreich, erklärt Gerlach: "Neben den Bundesmitteln gibt es die Möglichkeit Kredite aufzunehmen. Es ist ganz schön schwer zu überlegen, neue Kredite aufzunehmen nach den vielen Krisen, die die Branche schon hinter sich hat. Ob es nun KNV-Insolvenz, Hochwasser oder VG Wort-Urteil ist. Hier sollte man überlegen, ob die Kreditprüfung nicht gelockert werden sollte, insbesondere für kleine Unternehmen."

Der Mitteldeutsche Verlag muss Projekte nach 2020 verschieben

Auch Roman Pliske vom Mitteldeutschen Verlag, ebenfalls mit Sitz in Halle, hält von Krediten nicht allzu viel. Finanzielle Soforthilfen müssen her und das auf schnellstem Weg. Roman Pliske:

Das Wort sagt es schon: das 'verlegen' kommt von 'vorlegen'. Wir müssen das Geld also vorlegen, es ist nicht so, dass wir überall das Geld einsammeln und dann Bücher machen, sondern das Geld muss einfach da sein, wir sind so etwas wie eine kulturelle Bank!

Roman Pliske vom Mitteldeutschen Verlag, Halle

Bereits ein Drittel des geplanten Herbstprogramms musste der Mitteldeutsche Verlag auf nächstes Jahr verschieben. Angesichts der entmutigenden Zahlen werden viele Projekte, so Verlagsleiter Roman Pliske, gar nicht erst zu Stande kommen können: "In der zweiten Märzhälfte hatten wir nur 20% des Umsatzes des Vorjahres, das ist natürlich ein starker Verlust. Der April begann mit Minusumsätzen, durch Rückgaben des Buchhandels."

Langfristige Lösungen zur Rettung der unabhängigen Verlagskultur könnten in der Subvention der Branche liegen, so wie es in Österreich der Fall ist. Auch Forderungen nach mehr Preisen für Bücher aus unabhängigen Verlagen werden lauter. Doch wie geht solidarische Soforthilfe für jedermann? Roman Pliskes Bitte, im Namen aller Verlegerinnen und Verleger, ist simpel und einfach in der Umsetzung:

Kaufen Sie Bücher im Buchhandel, und lesen Sie gute Bücher. Wir müssen uns gegen so viele andere Angebote behaupten, die scheinbar leichter zu konsumieren sind. Ich bitte Sie also, entdecken Sie die Kraft eines guten Buches wieder!

Roman Pliske vom Mitteldeutschen Verlag, Halle

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. April 2020 | 18:10 Uhr

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