75. Geburtstag Warum Keith Jarretts Erfolg auch Made in Germany ist

Der US-amerikanische Jazzmusiker Keith Jarrett hat seinen internationalen Erfolg auch Deutschland zu verdanken. Sein deutsches Plattenlabel ECM half dabei – und das legendäre Album "The Köln Concert". Als zentral für das Schaffen von Jarrett erweist sich die musikalische Improvisation – eine musikalische Praxis, die in früheren Jahrhunderten weit verbreitet war und erst durch Jazz wiederbelebt wurde. MDR KULTUR-Jazzexperte Bert Noglik über den Improvisator, für den selbst der Begriff Jazz zu eng geworden ist.

Keith Jarrett am Flügel.
Keith Jarrett wurde am  8. Mai 1945 in Allentown, Pennsylvania geboren Bildrechte: dpa

In Keith Jarretts Solokonzerten entwickelt sich alles aus dem ersten Anschlag. Aus einem Zustand des Nicht-Denkens, des Nicht-Planens weiß er Töne wie Samenkörner zu setzen, die sich zu große Bögen mit beseelten Botschaften entfalten. Konzerte mit Jarrett offenbaren Momente der Andacht und gestalten sich zu einer Feier des Augenblicks. Seine Gabe zur Improvisation transzendiert die Grenzen des Jazz, vermag die Erfahrung mit der Klassik zu integrieren und daraus eine gänzlich eigene Musik wachsen zu lassen.

Die Improvisation hat bisher noch nie die Anerkennung gefunden, die sie eigentlich verdient hätte. Improvisation ist etwas Ganzheitliches, etwas Herausforderndes in Realzeit, ohne die Möglichkeit des Editing. Das Nervensystem wird in höchste Spannung versetzt, so wie in keiner anderen Art von Musik.

Keith Jarrett

Erfolg durch deutsches Plattenlabel ECM

Der Weg zu einem Musiker von Weltgeltung führte Jarrett über den europäischen Kontinent. Nachdem er sich – der elektrischen Spielexzesse überdrüssig – wieder auf das akustische Piano besonnen hatte, kam es 1971 zu einer folgenreichen Begegnung: Der Produzent Manfred Eicher ließ Jarrett nach Oslo einfliegen, um mit ihm das Solo-Album "Facing You" für sein damals noch junges Label ECM aufzunehmen und brachte ihn dann auch mit skandinavischen Musikern wie Jan Garbarek zusammen – Musik voller Frische und Überschwang.

Die CD "The Köln Concert" von Keith Jarrett liegt auf anderen Jazz-CD's.
Keith Jarrett Bildrechte: imago images/ZUMA Press

ECM wurde für Jarrett zur musikalischen Heimat. Aus der bis zum heutigen Tag anhaltenden Freundschaft mit Manfred Eicher erwuchsen unzählige Konzert- und Plattenprojekte. Es gibt Clavichord-, Cembalo- und Kirchenorgel-Aufnahmen mit Keith Jarrett. Einspielungen mit Kammerensembles und Sinfonieorchestern.

Im Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette gelingt dem Pianisten die Wiederbelebung der Jazztradition aus dem Geist der Improvisation. Die Emphase liegt auf dem Hier und Jetzt. Jarrett spielt Bach, Händel, Mozart, Bartók, Schostakowitsch und immer wieder sich selbst.

Klassiker "The Köln Concert"

Die CD "The Köln Concert" von Keith Jarrett liegt auf anderen Jazz-CD's.
Das legendäre Album: "The Köln Concert" Bildrechte: dpa

Das "Köln Concert" von 1975 avancierte zur Kultplatte. Und das, obwohl sich die Begleitumstände als äußerst ungünstig erwiesen. Erst das falsche Piano gemietet, dann das richtige besorgt, aber sie hatten keinen Lkw, und als sie einen hatten, war dieser nicht groß genug. Also ein Bösendorfer, den Jarrett nicht mochte. Doch am Ende hatte er den Kampf mit dem ungeliebten Instrument gewonnen, und das Köln Concert ist mit rund vier Millionen verkauften Exemplaren die meist verkaufte Klavier-Soloplatten aller Zeiten.

Allenthalben Superlative – und das, obwohl die Sensibilität, die Anschlagskultur, die auf feinste Nuancen orientierte Spielweise dieses Pianisten dem "höher, schneller und weiter" entgegensteht. Jarrett meinte später, man solle das "Köln Concert" vernichten, weil er nicht am Vergangenen gemessen werden wolle. Der Drang, immer weiter zu gehen, trieb ihn bis an den Rand der Existenz.

In den 90er-Jahren litt er unter dem chronischen Erschöpfungssyndrom, das er aus eigener Kraft überwinden konnte. In Jarretts Tonfolgen wird alles zur kristallinen Schönheit ­– die Konzentration und die Verausgabung, die Meditation und die Ekstase, das Leiden und die Euphorie.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Mai 2020 | 08:10 Uhr