Geschichte - akustisch und seriell Der Podcast "Mensch Mutta": ein anderer Blick auf die DDR

Spektakulär fand Katharina Thoms ihre Mutter nicht. Aber sie stellte fest, dass das Leben ihrer Mutter und so, wie sie erzogen wurde, anders lief als das von Freunden, die im westlichen Teil Deutschlands groß geworden sind. So begann sie, ihre Mutter zu interviewen - und daraus entstand der Podcast "Mensch Mutta". Thoms ist der andere Blick auf die DDR wichtig, in der es eben nicht nur Flucht, Mauer und Stasi gab, sondern eben viel "normales Leben". 2019 erhielt die Autorin dafür den Grimme Online Award. Im Gespräch erzählt sie, was ihr bei diesem Projekt wichtig war und warum der Podcast mit all seinen Freiheiten das beste Medium dafür ist.

Katharina Thoms
Bildrechte: Karl Stefan Roeser

MDR KULTUR: Ihre Mutter ist kein Promi und hat ein normales Leben in der DDR geführt. Warum ist sie die richtige Protagonistin für Ihren Podcast?

Das war mehr so ein Prozess, dass ich darauf gekommen bin. Denn wie jedes Kind hab ich gedacht: Meine Mutter ist wirklich nichts Spektakuläres. Aber in den vielen Jahren, die ich in Baden-Württemberg verbracht habe, im Süden der Republik und eben: im Westen, habe ich gemerkt, dass das Leben meiner Mutter und auch so, wie ich erzogen worden bin, doch ganz anders ist und es sehr viele Unterschiede gibt im Vergleich zu meinen Freunden, die ich hier an der Uni kennen gelernt habe und später im Berufsleben. Ich hatte das Gefühl, diese Unterschiede, die ja nicht nur negativ sind, sind überhaupt nicht bekannt. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis - ich bin Journalistin, ich möchte diese Geschichte erzählen.

Wie ist es, als Journalistin die Geschichte der eigenen Mutter zu erzählen?

Es ist mit viel Nachdenken verbunden, weil man sich natürlich doppelt und dreifach hinterfragt: Bin ich überhaupt berechtigt, meine Mutter so nach vorn zu stellen. Das Nachdenken hat geholfen, es so sensibel und persönlich wie möglich aber auch allgemeinverständlich zu machen.

Ihr Podcast wurde mit dem Grimme Online Award geadelt. In der Begründung heißt es, Sie würden "einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsschreibung leisten". Können Sie diese getragene Worthülse mit Leben füllen?

Journalistin Katharina Thoms (l) und ihre Mutter Heidi Thoms stehen bei der Verleihung der Grimme Online Awards mit dem Preis in der Kategorie "Kultur und Unterhaltung" für "Mensch Mutta" auf der Bühne.
Journalistin Katharina Thoms (l) und ihre Mutter Heidi Thoms bei der Verleihung der Grimme Online Awards Bildrechte: dpa

Ich bin da Teil einer tollen Debatte, die inzwischen angestoßen worden ist, zu der - würde ich sagen - auch beigetragen habe. Nämlich, dass man anders, neu, auf den Osten guckt - den es eben so nicht gibt, als DEN Osten - so wie man auch nicht auf DEN Westen gucken kann, sondern auf einzelne Regionen, einzelne Menschen, unterschiedliche Gruppierungen, es ist alles sehr heterogen. Meine Mutter zeigt: Wir haben einiges gemeinsam in unserer DDR-Geschichte, bitte lasst uns auch auf die DDR-Geschichte als UNSERE Geschichte gucken. Aber es gibt eben sehr viele Unterschiede, jeder hat sein Leben unterschiedlich gelebt und es gibt eben auch Errungenschaften, es gibt auch positive Dinge. Ich hatte diese Erzählungen satt von: DDR war Flucht, Mauer und Stasi und viel mehr gab es nicht und wir waren alle ganz unglücklich. Das greift mir zu kurz, ohne etwas verharmlosen zu wollen.

Sie haben sich für den Podcast entschieden und auf das rein Hörbare beschränkt. Worin sehen Sie die Stärke von akustischen Geschichten?

Mir war schnell klar, dass ich nicht ein klassisches Feature machen möchte. Ich höre selber gern Podcast und liebe diesen persönlichen Ansatz, dieses intime Hören. Die meisten Menschen hören Podcast über Kopfhörer, ich bin wirklich ganz nah dran an den Menschen. Was ich auch als großen Vorteil und große Freiheit empfunden habe, ich habe keine Formatvorgabe, die ich erfüllen muss - jede Folge ist so lang, wie sie sein muss. Ich hab mir natürlich Gedanken gemacht, wie ich erzähle, wie ich Spannungsbögen wähle, damit ich meine Hörer dabei halten kann und die nach einer Folge die nächste hören wollen. Und dann die Spielereien, mit Akustik, mit Atmo, mit O-Tönen, also, ich bin mal vor Ort, dann springen wir wieder zurück.

Wie optimistisch sind Sie, dass das Audiophile mehr als eine kurze Mode ist?

Ich glaube nicht, dass es so bleibt, wie es jetzt ist. Es ist jetzt schon viel da, was nicht unbedingt die höchsten Qualitätsansprüche erfüllt, aber das gehört dazu. Was wichtig ist, ist eben das Ausprobieren und mein Appell an die Radiomenschen da draußen: Bitte macht da mit, ihr seid doch eigentlich die Profis. Wir Radioleute haben manchmal Ängste, was falsch zu machen, weil wir können es eigentlich schon richtig. Wir sehen, dass viele Zeitungsverlage diese Ängste nicht haben, die probieren einfach und fallen vielleicht auch mal auf die Nase, aber dann stehen sie wieder auf. Und darum geht es. Ich glaube, diese Vielfalt kann echt eine Chance sein, auch für's Radio.

Das Gespräch führte Ben Hänchen für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. November 2019 | 18:05 Uhr

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