Jugendbuch "Sturm" von Christoph Scheuring: Ein wütendes, aber poetisches Buch

Mit "Sturm" legt Christoph Scheuring sein viertes Jugendbuch vor. Der Roman streift viele Themen: von Tierschutz, Klimaschutz, über Sterbehilfe, bis hin zu Liebe, Wut und Gewalt. Trotz dieser Masse an Inhalten, schafft es der Scheuring, ein in sich stimmiges Werk abzuliefern.

Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Ein Fischkutter ist auf der Ostsee vor Warnemünde unterwegs, Möwen begleiten den Kutter bei sonnigem Wetter.
Auf einem Fischereiboot muss Nora ihre Sozialstunden abarbeiten. Bildrechte: dpa

Man könnte vermuten, dass ein so großes Themenspektrum für ein Buch zu viel wäre. Beim Lesen von Christoph Scheurings neuem Roman "Sturm" fügt sich jedoch am Ende alles gut zusammen, ohne thematisch überladen zu sein. Mit Hilfe von gekonnt zugespitzten Dialogen und nachvollziehbaren Gedankengängen transportiert "Sturm" seine Inhalte auf verständliche Weise.

Im Buch geht es in erster Linie um die 18-jährige Nora, die wütend ist, da ihr die Heuchelei der anderen gegen den Strich geht. Ihr sind Tiere wichtiger als Menschen – weswegen die junge Frau intensiv über das Leben und die Welt nachdenkt.

Aufeinanerprallen zweier Welten

Aktivisten der Bürgerbewegung Campact protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen das Tierwohl-Label
Nora engagiert sich mit militanten Mitteln für Tiere. Bildrechte: imago images/snapshot

Aus diesem Grund kettet sich Tierliebhaberin Nora auch an das Tor des örtlichen Schlachthofes. Diese militante Aktion verursacht einen großen Rummel und produziert viel Aufmerksamkeit. Jugendliche solidarisieren sich mit ihr, verärgerte Dumping-Lohn-Arbeiter sind vor Ort, und auch Feuerwehr und Polizei.

Am Ende wird Nora verhaftet, angeklagt und zu 300 Sozialstunden verurteilt. Diese leistet sie als Observer auf einem kanadischen Fischkutter ab. Ihre Aufgabe dort: die Fangquoten zu überwachen, indem sie jeden einzelnen gefangenen Fisch zählt. Der Kapitän des Schiffes ist der junge, wortkarge Johan, der Nora anfangs nur Verachtung entgegenbringt. Ihre Welten prallen heftig aufeinander. Da ist Nora, die militante Tierschützerin und auf der anderen Seit steht Johan, der Fische tötet und sich trotzdem im Einklang mit der Natur fühlt. Als das Schiff in einen lebensbedrohlichen Sturm gelangt, sind beide gezwungen, sich aufeinander einzulassen und sich zu vertrauen.

Schonungslose Sprache

Scheuring schafft es, das Aufeinanderprallen der Figuren und auch des aufziehenden Sturms gekonnt umzusetzen. Er trifft dabei fast immer den richtigen Ton, schon bevor der echte Sturm losgeht. Am Anfang des Buches schwingt in nahezu jeder Zeile eine riesengroße Wut und Aggressivität mit.

Und Nora hat auch genügend Gründe, wütend zu sein: Ihr Vater ist ein prügelnder Alkoholiker. Die Mutter ist irgendwann einfach gegangen und hat sie im Stich gelassen. Erst als Nora selbst bei ihrem Vater und anderen zuschlägt, hat sie das Gefühl, die Entscheidungen selbst wieder in der Hand zu haben. Schonungslos und mit brutalen Worten beschreibt Scheuring in "Sturm" Noras Wut.

Zitat aus Sturm

Nichts mehr da von seinem angeberischen Ich-bin-hier-der-Chef-Gehabe, mit dem er in solchen Situationen sonst immer seine Armseligkeit überspielte. Diese ganze böse, versoffene, aufgeplusterte Großspurigkeit. Er machte einen wackligen Schritt auf mich zu und hob dabei die Hand, als würde er mir gleich eine schallern wollen. "Wag es, und ich hau dir noch eine in die Fresse", sagte ich. "Ich mach das, ich schwör’s."

Sobald Nora auf dem Schiff über den Atlantik fährt, gibt es dann eine spürbare "Entschleunigung". Ihre Wut ist zwar noch da, aber es gibt nun auch Platz für andere Gedanken. Der Ton wird nachdenklicher und irgendwie leichter. Die Weite des Ozeans bestimmt den Erzähl-Rhythmus. Ab sofort ist nicht die Zeit, die  an einem Gerät abgelesen wird, der Maßstab, sondern der Ozean und schnell dann auch der Sturm als Naturgewalt.

Der Großsegler Kruzenstern
Nora und Johan geraten in einen schweren Sturm. Bildrechte: imago/Thomas Zimmermann

Hoffnungsvoll geschrieben

Trotz des Schreckensszenarios schafft es Scheuring, dass die Leserinnen und Leser die Situation nicht als hoffnungslos oder deprimierend empfinden. Man traut den starken Persönlichkeiten immer zu, dass sie dort gemeinsam durchkommen.

Zitat aus Sturm

Ich glaube, es ist am Mittag des achten Tages, als ich zum ersten Mal wirklich den Glauben an unsere Rettung verliere. Keine Ansage kommt mehr von ihm, ob ich noch den Kurs halte oder nicht. Eigentlich denke ich, dass das alles auch nicht verwunderlich ist. Er schläft weniger als ich und trinkt weniger und isst überhaupt nichts mehr. Wie soll er sich da fühlen, wenn schon ich keine Kraft mehr habe für irgendwas? "Hast du auch die Hoffnung verloren?", frage ich ihn, aber er schüttelt nur seinen Kopf. "Mach dir keine Gedanken", sagt er, "morgen sehen wir Land."

Der junge Kapitän Johan vermittelt unerschütterliche Zuversicht. Er ist der Fels in der Brandung bzw. im Sturm. Er kennt sich mit den Naturgewalten aus, weil er immer mit der Natur gelebt hat. Er weiß wie man das Rettungsboot steuert, er teilt das Trinkwasser und das übriggebliebene Essen ein. Er hat eine Ahnung davon, wohin sie – wenn der Sturm nachgelassen hat – rudern müssen.

Nora ist voller Ängste, doch die verliert sie um den Sturm herum. Sie hat dafür einfach keine Zeit mehr. Als sich Johan den Arm bricht, wird sie zur Schlüsselfigur für das gemeinsame Überleben. Denn sie rudert die beiden über den Atlantik. Am Ende schaffen sie es, weil Nora die Kraft und den Willen dazu hatte und Johan das Wissen.

Ein wütender, aber poetischer Roman

Mit "Sturm" hat Scheuring einen Roman für alle Leserinnen und Leser ab 14 Jahren geschaffen. Das Buch wendet sich an alle, die über die großen und kleinen Themen des Lebens nachdenken. Scheuring liefert Denkanstöße, Gegenargumente, philosophische Gedanken. Manchmal legt er seinen jungen Protagonisten Erkenntnisse in den Mund, die vielleicht nicht ganz zum Alter passen, aber eben sehr gut zu lesen sind. Dieser Roman ist poetisch, wütend, stürmisch und hat das Zeug dazu, einen echt durchzupusten.

Das Cover des Romans "Sturm" von Christoph Scheuring.
Bildrechte: Magellan Verlag

Infos zum Buch "Sturm" von Christoph Scheuring
Verlag: Magellan
304 Seiten
18 €
ISBN 978-3-7348-5028-8

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Februar 2020 | 18:10 Uhr

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